und begehren.
Darauf dachte Walt wieder an die Möglichkeit, dass irgend jemand das arme unschuldige Mädchen gesehen, und dass er ihren unbescholtnen Ruf anschmitze, der – schloss er – unbeschreiblich rein und fest sein musste, da sie so viel gegen die Weiblichkeit sich herausnehmen durfte – Dann fiel ihm die 9te TestamentsKlausel "Ritte der Teufel" ein, die Ehebruch und ähnliche Sünden an ihm besonders bestraft – Dann der General mit seiner heiligen Briefsammlung von erotischen Platonikerinnen – Dann Wina und ihr Auge aus dem Himmel – – Der Notar bracht' eine der dümmsten und elendesten Nächte zu, die je ein Mensch durchgelegen, der unter dem Rückgrat keine Eiderdunen gehabt, welche freilich noch stärker einheizen.
Nr. 49. Blätter-Erz
Beschluss der Reise
Heiliger Morgen! Dein Tau heilet die Blumen und den Menschen! Dein Stern ist der Polstern unserer dahingetriebenen Phantasien, und seine kühlen Strahlen bringen und führen das verwirrte erhitzte Auge zurecht, das seinen eignen Funken nachsah und nachlief!
Als noch viele Sterne in die Dämmerung schienen, rief der General den Notarius mit der frohesten stimme aus dem Bette zur Berg-Partie; und dann nahm er ihn so liebreich auf – bis an die Stirnhaare lächelte er empor –, dass Walt sehr beruhigt war und beseligt; der General, dachte' er, würde ganz anders mit mir reden, wenn er etwas wüsste. Winas Angesicht blühte voll zarter Morgen-Rosen; im Paradies am SchöpfungsMorgen blühten keine vollern.
Sie gingen zu fuss dem zerspaltenen Gebürge zu. Die Stadt war tief still, nur in den Gärten rüstete schon einer und der andere Beete und Rosenhecken für den Frühling zu, und die Rauchsäulen des Morgenbrots bogen sich über die Dächer. Draussen flatterte schon Leben auf, die Singdrossel wurde in den nahen Tannen wach, unten an der Fähre klang das Postorn herüber, und aus dem Gebürge donnerte der ewige Wasserfall heraus. Die drei Menschen sprachen, wie man am Morgen pflegt gleich der grauen natur um sie her, nur einzelne Laute. Sie sahen gegen Osten, woran das Gewölke zu einem roten Vorgebürge des Tages anfing aufzublühen, und es wehte schon leise, als atme der Morgen vor der Sonne her.
Wina ging an der einen Hand des Vaters, der in der andern einen sogenannten schwarzen Spiegel hatte, um daraus die natur zum zweiten Male als ein Luftschloss, als einen Abgusssaal einzuschöpfen. Die Frühe – Winas Morgenkleidung – das Träumerische, das der Morgenstern auflösend im Herzen so unterhält, als stehe er am Abendhorizonte – und Walts Bewegungen von der Nacht her, so wie seine Hinsichten auf die nahe Scheide-Sekunde; das zusammen machte ihn sprachlos, leise, sinnend, bewegt, voll wunderbarer Liebe gegen das nähere Jungfrauenherz, welche so weich und vielknospig war, dass er sich auf unterwegs freuete, um in der blühenden Seligkeit recht ruhig zu blättern.
Mit süsser stimme aber tat an ihn Wina die Bitte um Verzeihung des gestrigen Auseinanderkommens. Da er die Bitte nicht zurückgeben konnte: so schwieg er. Darauf bat sie ihn, Raphaela zu grüssen und ihr als Ursache ihres brieflichen Schweigens den Umweg über Rosenhof nach Leipzig zu sagen. Der General, der so freimütig mit der Tochter vor dem Notarius sprach, als laufe dieser als ein tauber Schattenmann oder als ein stummer verschwiegner Affe mit, machte Winen geradezu Vorwürfe über ihre vielseitigen Sorgen und Schreibereien und über die ewigen Opfer ihres Ichs. Sie versetzte bloss: wollte Gott, sie verdiente den Tadel!
Als sie ins Gebürge traten, kroch die Nacht in die Schluchten zurück und unter die Talnebel unter, und der Tag stand mit der Glanz-Stirn schon in den Höhen des Äters. Plötzlich lenkte der General das Paar in eine Felsenspalte hinein, worin sie hoch oben das eine höchste Berghorn schon vom Morgen-Purpur umwikkelt sahen, das andere tiefer vom Nachtschleier umwunden, zwischen beiden schimmerte der Morgenstern – die Jungfrau und der Jüngling riefen miteinander: "O Gott!"
"Nicht wahr?" sagte der General und sah den Himmel im schwarzen Spiegel nach – "das ist einmal für meine Schwärmerin?" – Langsam und ein wenig nickte sie mit dem kopf und mehrmals mit dem Augenlide, weil sie vom gestirnten Himmel nicht wegsehen wollte; führte aber die väterliche Hand an den betenden Mund, um ihm stiller zu danken. Darauf zankt' er ein wenig, dass sie so stark empfinde und die Gefühle so gern aufnehme, die er ihr zuleite.
Schnell führte er beide durch einen künstlichen Weg vor das stäubende Grab, worein sich der Wasserfall, wie ein Selbstmörder, stürzte, und woraus er als ein langer verklärter Strom auferstand und in die Länder griff. Der Strom stürzte – ohne dass man sehen konnte, aus welcher Höhe – weit über eine alte Ruinenmauer hinüber und hinab.
Zablocki sagte darauf schreiend, wenn beide nicht scheueten, sich auf Gefahr eines schwachen DampfRegens mit ihm hart an der Mauer hin und durch deren niedrige, von lauter grünen Zweigen zugewebte Pforte durchzudrängen: so könnten sie auch etwas von der ebenen Landschaft sehen.
Er ging voraus, mit langem arme sich Winen nachziehend. Als sie durch das halb versunkne Tor durch waren, sahen sie in Westen eine Ebene voll Klöster und Dörfer mit einem dunkeln Strom in seinem Tal und in Osten die Gebürge, die wieder auf Gebürgen wohnten und, wie die Cybele, mit roten Städten aus Eis, wie mit Goldkronen, im hohen Himmel standen. Die Menschen erwarteten das Durchbrennen der Sonne, welche den