1804_Jean_Paul_055_126.txt

höhere Regionen aufgeflogen, ohne einen Weg zu wissen. Nicht dass er von ihr oder von sich etwas besorgte; aber nur die Welt kannte er und ihre Parterres-Pfeifen gegen jedes kühne Mädchen, ein Unglück, wogegen er lieber sich von der zweiten Famas-Trompete jagdgerecht anblasen liesse, um nur das Weib zu retten; – und er wusste kaum, ob er nicht aus der stube so lange unvermerkt entflüchten sollte, bis die Aktrice in ihre heimgegangen.

Sie hörte drei Seufzerfuhr umer stand dasie entschuldigte sich sehr (zu seiner Lust, da er gefürchtet, er habe sein eigenes Dasein zu exkusieren), dass sie in ein besetztes Zimmer gekommen, das ihr, da es ohne Nachtriegel gewesen, frei geschienen. – Er schwur, niemand habe weniger dawider als er; – aber Jakobinens Reinheit glaubte sich damit noch nicht rein gewaschen, sie fuhr fort und stellt' ihm unter dem musikalischen Getöse, so laut sie konnte, vor, wie sie denke, wie ihr Nachtmusik in Mark und Bein fahre, an Fast- und Freitägen ganz besonders, weil da vielleicht ihr Nervensystem viel rührbarer sei, und wie dergleichen sie nie unter dem Bette lasse, sondern wie sie die erste beste Wasch-Serviette (sie hatte eine um) über den Hals schlage, um nur ans Fenster zu kommen und zu hören.

Unter dieser Rede hatte eine fremde Flöte so närrisch mit feindlichen Tönen durch die Nachtmusik gegriffen und geschrien, dass diese es für angenehmer hielt, überhaupt aufzuhören. Jakobine sprach laut, ohn' es zu merken, weiter: "Man überkommt dann Gefühle, die niemand gibt, weder Freundin noch Freund."

"Etwas leiser, Vortreffliche, ums himmels willen leiser!" sagte Walt, als sie den letzten Satz nach der Musik gesagt, "der General schläft gerade nebenan und wacht. Wohl, wohl ist meistens für ein weibliches Herz eine Freundin zu unmännlich und ein Freund zu unweiblich." – Sie sprach so leise, als er es haben wollte, und fasste ihn an der Hand mit beiden Händen an, wodurch die dicke plumpe Serviette, die sie bisher mit den Fingern wie mit Nadeln zugehalten, auseinanderfiel. Er erfuhr, was Höllenangst ist; denn das leisere Sprechen und Beisammenstehen, wusst' er, konnte' ihn ja jede Minute, wenn die tür aufging, bei der Welt in den Ruf eines Libertins, eines frechen MädchenWolfs setzen, der nicht einmal die Unschuld schonet, wofür er Jakobine hielt, weil sie sanfte blaue Augen hatte.

"Aber Sie wagen beim Himmel zu kühn!" sagt' er. "Schwerlich, sobald nur Sie nicht wagen", versetzte sie. Er deutete, was sie von seinen Anfällen sagte, irrig auf seinen unbefleckten Ruf und wusste nicht, wie er ihr mit Zärte die Rücksicht auf seinen ohne Eigennutzdenn ihr Ruf war ja noch wichtigerin der grössten Eile und Kürze (wegen des Generals und der tür) auseinandersetzen sollte. Und doch war er von so guten ehrlichen Eltern, von so unbescholtenem Wandelund trug den Brautkranz jungfräulicher Sittsamkeit so lange vor dem Bruder und jedem mit Ehren – – er hatte den Henker davon, wenn der verfluchte Schein und Ruf hereingriff und ihm den gedachten Kranz vom kopf zog, gesetzt auch, es wuchs ihm nachher eine frische Martyrerkrone nach.

Ihm wurde ganz warm, das Gesicht rot, der blick irre, der Anstand wild: "Gute Jakobine", sagt' er bittend, "Sie erratenes ist so spät und stillmich und meinen Wunsch gewiss."

"Nein", sagte sie, "halten Sie mich für keine Eulalia, Hr. v. Meinau. Schauen Sie lieber die reine keusche Luna an!" sagte sie und verdoppelte seinen Irrtum. – "Sie geht", versetzte er und verdoppelte ihren, "in einem hohen Blau, das kein Erden-Wurf durchreicht. So will ich wenigstens meine Tür zuriegeln, damit wir sicher sind."

"Nein, nein", sagte sie leise, liess ihn aber mit einem Handdruck los, um ihre Serviette zurechte zu falten. Er kehrte sich jetzt um und wollte dem Nachtriegel zufliegen, als etwas auf den Boden hinflogein Menschen-Gesicht. Jakobine schrie auf und rannte davon. Er nahm das Gesicht, es war die Maske des Larvenherrn, den er für den bösen Genius gehalten.

Im Mondschein durchkreuzten sich seine Phantasien so sehr, dass es ihm am Ende vorkam, Jakobine habe selber die Maske fallen lassen und ihm und seinem armen Rufe nachgestellt. Er litt viel; – es richtete ihn nicht auf, dass er sich der besten Behauptungen seines Bruders erinnerte, dass z.B. solche Befleckungen des Rufs heutzutage, gleich den Flecken von wohlriechenden Wassern, aus den Schnupftüchern und der weissen Wäsche von selber herausgehen, ohne alle Prinzessen-Waschwasser und Fleckenausmacheres tröstete ihn nicht, dass Vult ihn einmal gefragt, ob denn die jetzigen Fürsten noch wie die alten gewisse moralische Devisen und Symbola hätten, dergleichen gewesen "praesis ut prosis" und andere spielende, und dass der Flötenist selber geantwortet, dergleichen habe jetzt nicht einmal ein tiefer Stand, und es könne überhaupt, wenn schon in Tassos und Miltons christliche Heldengedichte die heidnische Götterlehre hab' eindringen dürfen, auch in unserem Christentum so viel Götterlehre (wenigstens in betreff der schönsten Abgöttin) Platz greifen, als wir gerade bedürfen