1804_Jean_Paul_055_124.txt

Italiens und ihre eigne Parodie werdeam wenigsten dieser, dass das Militär, es sei auf krieges- oder Friedensfuss, den griechischen Möbeln gleiche, die meistens auf Satyrfüssen standen und endlich der, dass wohl nichts einander mehr sucht und ähnlich findet (daher schon die Worte Kriegsteater und Teaterkrieg, Aktion und Staatsaktion, Truppen) als eben Teatertruppen die Kriegstruppen, und vice versa. Ich fahre also, nachdem ich berichtet, dass beide spazieren gegangen, gleich ihnen ruhig und ungestört, hoffe ich, fort.

Walts Gesicht wurde eine Rose unter dem Ausbleiben des Vaters. Wina heftete die Augen, die sich wie süsse Früchte unter das breite Laub der Augenlider versteckten, unter dem hut auf ihr Strickzeug nieder, das einen langen Kinderhandschuh vollendete. Über den Notar kam nun wieder die Furcht, dass sie ihn als den Auslieferer ihres Briefes zu verabscheuen anfange. Er sah sie nicht oft an, aus Scheu vor dem zufälligen Augen-Aufschlag Beide schwiegen. Weibliches Schweigen bedeutetohnehin als das gewöhnlichereviel weniger als männliches. Die befeuernde wirkung, welche der Wein hätte auf den Notar tun können, war durch seine Anstrengung, den feinsten Gesellschafter zu spielen, niedergehalten worden. Indes wär' ihm die Lage nicht unangenehm gewesen, wenn er nur nicht jede Minute hätte fürchten müssen, dass sievorbei sei.

Endlich sah er sehr scharf und lange auf den StrickHandschuh und wurde so glücklich, sich einen Faden der Rede daraus zu ziehen; er schöpfte nämlich die Bemerkung aus dem Handschuh, dass er oft stundenlang das Stricken besehen, und doch nie begriffen.

"Es ist doch sehr leicht, Hr. Harnisch", versetzte Wina, nicht spöttisch, sondern unbefangen, ohne aufzublicken.

Die Anrede "Herr Harnisch" jagte den Empfänger derselben wieder in die denke- und Schweig-Kartause zurück. – "Wie kommts", sagt' er, spät heraustretend und den Strick-Faden wieder aufnehmend, "dass nichts so rührend ist als die Kleidungsstücke der lieben Kinder, z.B. dieses hierso ihre Hütchen Schühchen? – – Das heisst freilich am Ende: warum lieben wir sie selber so sehr?"

"Es wird vielleicht auch darum sein", versetzte Wina und hob die ruhigen vollen Augen zum Notar empor, der vor ihr stand, "weil sie unschuldige Engel auf der Erde sind, und doch schon viele Schmerzen leiden."

"Wahrhaftig, so ist es – (beteuerte Walt, indem Wina wie eine schöne stille Flamme glänzend vor ihm aufstand, um ihr Mädchen herzuklingeln) – Und wie dürfen Erwachsene klagen? – Ich will wahrlich das Sterben eines Kindes (setzt' er hinzu und folgte ihr einige Schritte nach) ertragen, aber nicht sein Jammern; denn in jenem ist etwas so Heilig-Schauerliches." Wina kehrte sich um und nickte.

Luzie kam; Wina fragte, ob der General ihr nichts aufgetragen. Luzie wusste von nichts, als dass sie ihn in den nahen Garten hineinspazieren sehen. Rasch trat Wina ans mondhelle Fenster, atmete einmal recht seufzend ein und sagte schnell: "Den Schleier, Luzie! Und du weisst es gewiss, liebes Mädchen, und auch den Garten?" – Mit einer leisen stimme, wie nur eine mährische Schwester anstimmen kann, versetzte Luzie: "Ja, Gnädigste!" Wina warf den Schleier über den Hut und redete, hinter diesem gewebten Nebel und fliegenden Sommer unbeschreiblich blühend und liebreizend, den Notarius mit sanftem Stocken an: "Lieber Hr. NotarSie lieben ja auch, wie ich hörte, die naturund mein guter Vater" – –

Er war schon nach dem Hut-Stock geflogen und stand bewaffnet und reisefertig daund ging hinter beiden mit hinaus. Denn ein fremdes Zimmer zu verlassen, fühlt' er sich ganz berechtigt. Indes aber solches geschlossen wurde, kam er wieder vorauszustehen, nahe an der Treppe; – und in ihm fing ein kurzes Treffen und Scharmützel an über die Frage, ob er mit entweder dürfe oder solleoder weder eines noch das andere. Wina konnte ihn nicht zurückrufenund so kam er, innen fechtend, auf die Treppe und trug das stille Handgemenge bis zur Haustüre hinaus.

Da ging er ohne weiteres mit und setzte den Hut von seinem Stock auf den Kopf; aber er zitterte, nicht sowohl vor Furcht oder vor Freude, sondern vor einer Erwartung, die beide vereinigt. O es ist eine lächerliche und reine Zeit im Jünglingsalter, wo im Jüngling die alte französische Ritterschaft mit ihrer heiligen Scheu erneuert und wo der Kühnste gerade der Blödeste ist, weil er seine Jungfrau, für ihn eine von dem Himmel geflogne, eine nach dem Himmel fliegende Gestalt, so ehret wie einen grossen Mann, dessen Nachbarschaft ihm der heilige Kreis einer höhern Welt ist, und dessen berührte Hand ihm eine Gabe wird. Unselig, schuldvoll ist der Jüngling, der niemals vor der Schönheit blöde war.

Die drei Menschen gingen durch eine waldige Gasse dem Garten zu. Der Mond zeichnete die wankende Gipfel-Kette auf den lichten Fusssteig hin, mit jedem zitternden Zweig. Luzie erzählte, wie schön der Garten und besonders eine ganz blaue Laube darin sei, aus lauter blauen Blumen gewebt. Blauer Enzianblaue Sternblumenblauer Ehrenpreisblaue Waldreben vergitterten sich zu einem kleinen Himmel, worin gerade im Herbst keine Wolke, d.h. keine Knospe war, sondern offne Äterkelche.

"Da die