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denn diese hatte' er in jenem LiebesZorn angeredet, den weniger die Väter gegen ihre Töchter als die Männer gegen ihre Weiber habennahm erschrocken ein grosses Stück vom Schnepfen, dem Schosskinde des väterlichen Gaumens, und reichte, höflicher als Zablocki, den Teller dem betretenen Notar hinüber, um ein paar hundert Verlegenheiten zu ersparen. Walt konnte auf keine Weise fassen, wie bei so mündlicher lebendiger Darstellung der lebendigen, beinahe mündlichen natur, als seine war, eine Schnepfe mit allem seinem Album graecum noch einige Sensation zu machen imstande sei. Poetische Naturen wie Walt sind in Nordländerndenn ein Hof oder die grosse Welt ist der geborne Norden des Geistes, sowie der geborne Gleicher des Körpersnichts weiter als Elefantenzähne in Siberien, die unbegreiflich an einem Orte abgeworfen worden, wo der Elefant erfriert.

Mit einschmeichelnder stimme fragt' ihn wieder Zablocki, ob ihm noch nichts eingefallen; und Wina sah ihn unter dem Abendrote des rottaftenen Hutfutters so lieblich augen-nickend und bittend an, dass er sehr gelitten hätte, wenn ihm nicht die drei Bonmots, auf die er sich gewöhnlich besann, endlich zugekommen wären, und dass er wieder nahe daran war, ein gelieferter Mann zu werden und alles zu vergessen, weil das kindlich bittafte Auge zu viel Platznämlich allenin seiner Phantasie, Memorie und Seele wegnahm.

"Ein hartöriger Minister", fing er an, "hörte an einer fürstlichen Tafel" .... "Wie heisst er und wo?" fragte Zablocki. Das wusst' er nicht. Allein da der Notar den wenigen Historien, die ihm zufielen, keinen Boden, Geburtstag und Geburtsschein zuzuwenden wusstevorfabeln wollt' er nie –: so braucht es Sozietäten nicht erst bewiesen zu werden, wie farbenlos er als Historienmaler auftrat, und wie sehr eigentlich als ein luftiger historischer Improvisatore. "Ein hartöriger Minister hörte an einer fürstlichen Tafel die Fürstin eine komische Anekdote erzählen und lachte darüber mit dem ganzen Zirkel unbeschreiblich mit, ob er gleich kein Wort davon vernommen. Jetzt versprach er, eine ebenso komische zu erzählen. Da trug er, zum allgemeinen Erstaunen, die eben erzählte wieder als eine neue vor."

Der General glaubte, so schnapp' es nicht ab; da er aber hörte, es sei aus, so sagt' er spät: "Deliziös!", lachte indes erst zwei Minuten später hell auf, weil er gerade soviel brauchte, um sich heimlich die Anekdote noch einmal, aber ausführlicher vorzutragen. Der Mensch will nicht, dass man ihm die spitze, blanke Pointe zu hitzig auf der Schwelle auf das Zwerchfell setze. Eine gemeine Anekdote ergreift ihn mit ihrem Ausgang froh, sobald er nur vorher durch viel Langeweile dahin getrieben wurde. Geschichten wollen Länge, Meinungen Kürze. Walt trieb die zweite anonyme geschichte von einem Holländer auf und vor, welcher gern ein Landhaus, wegen der herrlichen Aussicht auf die See, besessen hätte, wie alle Welt um ihn, allein nicht das Geld dazu hatte. Der Mann aber liebte Aussichten dermassen, dass er alle Schwierigkeiten dadurch zu besiegen suchte, dass er sich auf einem Hügel, den er gegen die See hatte, eine kurze Wandmauer und darein ein Fenster brechen liess, in welches er sich nur zu legen brauchte, um die offne See zu geniessen und vor sich zu haben, so gut als irgendein Nachbar in seinem Gartenhaus.

Sogar Wina lächelte glänzend unter dem roten Taft-Schatten hervor. Mit noch mehr Anmut als bisher teilte Walt die dritte Anekdote mit.

Ein Frühprediger, dessen Kehlkopf mehr zur Kanzel-Prosa als zur Altar-Poesie gestimmt war, rückte zu einer Stelle hinauf, die ihn zwang, vor dem Altare das "Gott in der Höhe sei Ehr'" zu singen. Er nahm viele Singstunden; endlich nach vierzehn Singtagen schmeichelte er sich, den Vers in der Gewalt und Kehle zu haben. Die halbe Stadt ging früher in die Kirche, um der Anstrengung zuzuhören. Ganz mutig trat er aus der Sakristei (denn er hatte sich darin vom Singmeister noch einmal leise überhören lassen) und stieg gefasst auf den Altar. Alle Erzähler der Anekdote stimmen überein, dass er trefflich angehoben und sich anständig genug in den Choral hineingesungen hatte: als zu seinem Ruin ein blasender Postillion draussen vor der Kirche vorbeiritt und mit dem Postorn ins Kirchenlied einfiel; – das Horn hob den Prediger aus dem alten Sing-Geleise in ein neues hinein, und er sah sich gezwungen, das ernste Lied mitten vor dem Altare nach dem vorbeireitenden Trompeterstückchen auf die lustigste Weise hinauszusingen.

Der General lobte sehr den Notar und ging heiter aus dem Zimmer; aber er kam nicht wieder.

Nr. 48. Strahlkies

Die Rosenhöfer Nacht

Weder Jakobine noch der General machten je ein Geheimnis darausnämlich aus ihrem wechselseitigen; – es kann also die Anverwandten von beiden auf keine Weise zu etwas Juristischem gegen den Verfasser der Flegeljahre berechtigen, wenn er im Strahlkies bloss kalt erzählet, dass Zablocki ein wenig in den nächsten Garten spazieren gegangen, und die Aktrice Jakobine zufällig nicht sowohl, als in der guten Absicht, von ihrer Rolle der Johanna von Montfaucon im Freien zu verschnaufen. Noch viel weniger als schreibende Verfasser sind von hohen Anverwandten allgemeine Sätze anzugreifen, wie z.B. dieser: dass sehr leicht der weibliche teatralische Lorbeer sich rückwärts in eine Daphne verwandleund der Satz, dass eine Schauspielerin nach einer schweren tragischen Tugend-Rolle am besten ihr eigenes Teater aux