lieber haben und vergeben als einen leeren Namen?" – Ich nehm' es gar nicht übel, dass einer blosshin anschrieb J. P. F. R. Wonsidel: Martii anno 1793 – oder ein anderer Vivat die A. etc., die B. etc., die C. etc., die J. etc. – oder das Französische, Griechische, Lateinische, auch Hebräische. – Und es stehen ja oft kostbare Sentenzen daran wie folgende: "Im physischen Himmel glauben wir stets in der Mitte zu sein; aber in Rücksicht des innerlichen glauben wir immer am Horizont zu stehen; im östlichen, wenn wir frohlocken, im westlichen, wenn wir jammern." Er wagte zuletzt selber Winas und Walts Namen samt Datum ans Stammbuch so zu schreiben: W – W. Sept. 179-. Er schaute wieder auf die mondhelle Gasse hinaus nach Winen und erblickte drei herausgelegte Finger und ein wenig weisse Hutspitze; dabei und davon liess sich leben und träumen. Er schwebte und spielte wie ein Sonnenstäubchen in den langen Mondstrahlen der stube, er ergänzte sich das stille Mädchen aus den drei Fingern; er schöpfte aus der nie versiegenden Zukunft, die beim Abendessen als Gegenwart erschien. Freuden flogen ihm als purpurne Schmetterlinge nach, und die beleuchteten Stubenbretter wurden Beete von Papillonsblumen – drei Viertelstunden lang wünscht' er herzlich, so einige Monate auf und nieder zu gehen, um sich Wina zu denken und das Essen.
Aber der Mensch dürstet am grössten Freudenbecher nach einem grösseren und zuletzt nach Fässern; Walt fing an, auf den Gedanken zu kommen, er könne nach der väterlichen Einladung ohne Übelstand sich jetzt gar selber einstellen bei der einsamen Wina. Er erschrak genug – wurde scham- und freudenrot – ging leiser auf und ab – hörte jetzt Wina auch auf und nieder gehen der Vorsatz trieb immer mehr Wurzeln und Blüten zugleich nach einer Stunde Streit und Glut war das Wagstück seiner Erscheinung und alle zartesten Entschuldigungen derselben fest beschlossen und abgemacht: als er den General kommen und sich rufen hörte. Er riegelte, mit dem Hut-Stock in der Hand, seine Wandtüre auf; "diese ist zu, Freund!" rief der General, und er ging, den Missgriff nachfühlend, erst aus seiner durch die fremde ein.
Blühend von Träumen trat er ins helle Zimmer; halb geblendet sah er die weisse schlanke Wina mit dem leichten weissen hut wie eine Blumengöttin neben dem schönen Bacchus stehen.
Der letztere hatte ein heiteres Feuer in jeder Miene. Die Tochter sah ihn unaufhörlich vor Freude über die seinige an. Bediente mussten ihm auf Flügeln das Essen bringen. Der Notar wog auf den seinigen, verschwebt in den Glanz dieses magischen Kabinetts, nicht viel über das Gewicht von fünf Schmetterlingen, so leicht und äterisch flatterte ihm Gegenwart und Leben vor.
Er setzte sich mit weit mehr Welt und Leichtigkeit an das Ess-Täfelchen, als er selber gedacht hatte. Der General, der ein unaufhörliches Sprechen und Unterhalten begehrte, sann Walten an, etwas zu erzählen, etwas Aufgewecktes. Mit etwas Rührendem wär' er leichter bei der Hand gewesen; so aber sagt' er: er wolle nachsinnen. Es fiel ihm nichts bei. Schwerer ist wohl nichts als das Improvisieren der Erinnerung. Viel leichter improvisiert der Scharf- und Tiefsinn, die Phantasie als die Erinnerung, zumal wenn auf allen Gehirn-Hügeln die freudigsten Feuer brennen. Dreitausend fatale Bonmots hatte der Notar allemal schon gelesen gehabt, sobald er sie von einem andern erzählen hörte; aber er selber kam nie zuerst darauf, und er schämte sich nachher vor dem Korreferenten. Sehr hätt' er das Schämen nicht nötig, da solche Referendarien des fremden Witzes und solche Postschiffe der Gesellschaft meist platte Gehirne tragen, auf deren Tenne nie die Blumen wachsen, die sie da aufspeichern und auftrocknen.
"Ich sinne noch nach", versetzte Walt, geängstigt, einem Blicke Zablockis, und flehte Gott um einigen Spass an; denn noch sah er, dass er eigentlich nur über das Sinnen sinne und dessen Wichtigkeit. Die Tochter reichte dem Vater die Flasche, die nur er – seine Briefe aber sie – aufsiegelte. "Trinken Sie dies Gewächs für 48er oder 83er?" sagte der General, als man Walten das Glas bot. Er trank mit der Seele auf der Zunge und suchte forschend an die Decke zu blicken. "Er mag wohl", versetzt' er, "um die Hälfte älter sein als mein voriger Wein, den ich eher für jungen 48 er halte; – ja (setzt' er fest dazu und blickte ins Glas), er ist gewiss herrliche 83 Jahre alt." Zablocki lächelte, weil er eine Anekdote, statt zu hören, erlebte, die er schön weiter geben konnte.
Der General wollt' ihn aus dem stillen innerlichen Schnappen nach Bonmots herausfragen durch die Rede: wie er nach Rosenhof komme? Walt wusste keine rechte ostensible Ursachen – wiewohl diese ihm gegenüber sass im weissen hut – anzugeben, ausgenommen natur und Reiselust. Da aber diese keine Geschäfte waren: so begriff ihn Zablocki nicht, sondern glaubte, er halte hinter irgendeinem Berge, und wollte durchaus hinter ihn kommen. Walt schüttelte von seinen poetischen Schwingen die köstlichen Berge und Täler und Bäume auf das Tischtuch, die er auf dem seligen Wege mehr aufgeladen als durchflogen hatte. Zablocki sagte nach Walts langer Ausspende von Bildern: "Beim Teufel! nimm, oder ich fress nicht!" Wina –