1804_Jean_Paul_055_121.txt

Rauch über der Stadt ordentlich für die Zauberwolke zu halten, womit der gute Genius in Vults Briefe sie überzogenund von den wirtlichen reinen breiten Gassen und den leichten vergänglichen Spielen und Zwecken des Lebens immer gerade zu den draussen über der Vorstadt stehenden finstern Gebirgshäuptern aufzusehen, die so nahe aus ihrer kalten Höhe auf die Häuser und die Türme herunterschauen. Besonders nahm den Notar die grünende Gasse ein, wo der Granatapfel logierte: "Mir ist ordentlich", sagte er begeistert und redselig zum General, "als ging' ich in Chalcis in Euböa38oder auch einer andern griechischen Stadt, wo so viele Bäume in den Gassen standen, dass man die Stadt kaum sah. Gibt es eine schönere Vermischung von Stadt und Land als hier, Exzellenz? Und ist Ihnen nicht auch der Gedanke süss, dass hier zu einer gewissen Zeit, so wie in Montpellier, alles in Rosen und von Rosen lebt, wenn man auch gleich jetzt nichts davon sieht als die Dornen, Herr General?"

Dieser, der nicht darauf gehorcht hatte, rief seinem Kutscher einen derben Fluch zu, weil er mit seinem Wagen fast an dem Fränzelschen geentert hätte. Walt sagte, das seien die Akteurs; und forderte vom Wirt ein vortreffliches Zimmer, das man ihm leicht zugestand, weil man ihn für einen Sekretär Zablockis ansah, was noch dazu richtig war in Rücksicht der erotischen Memoiren. Da er dareingeführet wurde, erstaunte er schon vorläufig über den Prunk des Prunkzimmers und wurde gerührt von seinem Glücksschwung, was zunahm, als er den Bettelstab, dem er seinen Hut aufsetzte, an den Spiegeltisch stellte. Da er aber in höchster Bequemlichkeit und Seelen-Ruhe auf und ab ging, die Papiertapeten statt des ihm gewöhnlichern Tapetenpapiersdie drei Spiegeldie Kommode-Beschläge mit Messing-Masken die FensterRouleausund vollends die Bedientenklingel ausfand: so läutete er diese zum erstenmal in seinem Leben, um sogleich ein Herr zu sein und, wenn er eine Flasche Wein sich bringen lassen, nun die süssquellende Gegenwart gehend auszuschlürfen und überhaupt einen Abend zu erleben, wie irgendein Troubadour ihn genossen. "Troubadours", sagt' er sich, indem er trank, "übernachteten oft in sehr vergoldeten Zimmern der Höfeden Tag vorher vielleicht in einer Moos- und Strohhüttewie Töne durchdrangen sie hohe und dicke Mauernund dann pflegten sie sich darin noch die schönste Dame von Stand zu aufrichtiger Liebe auszulesen und, gleich Petrarca, solche in ewiger Dichtung und Treue gar nie selber zu begehren" – setzt' er dazu und sah an die Wand desGenerals.

Zablockis Zimmer war seinem durch eine zweimal verriegelte Wand- und Transito-tür versperrt und verknüpft. Er konnte gehenddenn stehend zuzuhören, hielt er für Unrechtauspacken und jedes heftige Wort des Vaters an Bediente und den süssen Ton, worein Wina sie, wie eine Äolsharfe den Sturmwind, auf der Stelle übersetzte, leicht vernehmen. Ob er gleich hoffte, unten in der breiten Gaststube Jakobinen wieder und viel bekannter anzutreffen: so hielt er es doch für seliger, neben der nahen Nonne Wina als Wandnachbar auf und ab zu spazieren und sie unaufhörlich sich vorzustellen, besonders das grosse beschattete Auge und die Freundlichkeit und stimme und das Abendessen neben ihr.

Er hörte endlich, dass der General sagte, er gehe ins Schauspiel, und dass Wina bat, zurückbleiben zu dürfen, und dass sie darauf ihrer Kammerdienerinder gottlosen Sängerin Luziedie Erlaubnis gab, sich im Städtchen umzusehen. Alsdann wurde alles still. Er sah zum Fenster hinaus an ihres. Winas beide Fenster-Flügel (sie schlugen sich nach der Gasse auf) waren offen und ein Licht im Zimmer und am Wirtshausschild ein Schattenriss, der sich regte. Da er aber nichts weiter sah, so kehrte er wieder mit dem Kopf in seine stube zurück, worin erso gehend, trinkend, dichtendein aus Rosenzucker gebackenes Zuckerbrot, ja Zucker-Eiland nach dem andern aus dem Backofen auf der Schaufel behutsam herausholte; – "O ich bin so glücklich!" dachte' er und sah nach, ob man keine Armenbüchse an die Papiertapeten geschraubt, weil er in keinem wirtshaus vergass, in diese Stimm-Ritze unbekannter Klagstimmen, soviel er konnte, zu legen; aber das Zimmer war zu nett zu Wohltaten.

Es wurde sehr dunkel. Der frühe Herbstmond stand schon als ein halbes Silber-Diadem auf einem Gebirgshaupt. Der Kellner kam mit Licht, Walt sagte: "Ich brauche keines, ich esse bei dem Hrn. General." Er wollte das stubenlange Mondlicht behalten. An der Fensterwand wurde ihm endlich dadurch eine und die andere Reise-Sentenz von frühern Passagieren erleuchtet. Er las die ganze Wand durch, nicht ohne Zufriedenheit mit den jugendlichen Sentenzen, welche sämtlich Liebe und Freundschaft und Erden-Verachtung mit der Bleifeder anpriesen. – "Ich weiss so gut als jemand", schreibt er im Tagebuch, "dass es fast lächerlich, wenn nicht gar unbillig ist, sich an fremde Zimmerwand anzuschreiben; dennoch ergötzet den Nachfahrer ein Vorgänger sehr dadurch, dass er auch dagewesen und die leichte Spur eines Unbekannten einem Unbekannten nachgelassen. Freilich schreiben einige nur den Namen und Jahrszahl an; aber einem wohlwollenden Menschen ist auch ein leerer Name lieb, ohne welchen eine entrückte verreisete Gestalt doch mehr ein Begriff bliebe als ein Begriffenes, weniger ein Mensch als eine luftige, auch wohl äterische Menschheit. Und warum soll man denn einen leeren Gedanken