musste der Notar frohlocken, weil schon ein Fuhrmanns-Karren mit Pferden auf der Fähre stand und der Reisewagen mit den seinigen sie noch viel gedrängter und bunter machte, als sie es schon durch den Kongress von Bettlern, Boten, Spaziergängern, Hunden, Kindern, Wandergesellen und Grummet-Weibern war, wozu noch der Tiroler, der Geburtshelfer und der Bettelmann kam, die ihm unterwegs begegnet waren. Die Fähre war ihm ein zusammengepresster Marktplatz, der schwamm, ein stolzes Linien-Schiff zwischen zwei Linien-Seilen, ein Bucentauro, aus welchem seine Seele zwei Vermählungsringe auswarf, einen in den Seestrom, einen in den glänzenden Abendhimmel. Er wünschte halb und halb, die Überfahrt wollte sich durch einige Gefahr, die andern nichts schadete, noch trefflicher beleben.
Ein schöner stattlicher Mann stieg vorher aus dem angekommenen Wagen aus, eh' dieser auf das enge Fahrzeug getrieben und da gehörig eingeschichtet wurde; er traue seinen Pferden nicht, sagte der Herr. Walt fuhr ihm fast ohne ausgezeichnete Höflichkeit entgegen vor jubel, denn er sah den General Zablocki vor sich. Dieser, durch Reisen häufiger an solche Erkennungen gewöhnt, bezeugte ein ruhiges Vergnügen, seinen erotischen Sekretär hier anzutreffen. Der lange Postzug stolperte endlich in die Fähre mit dem Wagen herein, und aufzitternd sah Walt, dass Zablockis schöne Tochter darin sass, die Augen auf die fünf Inseln heftend, welche der Sonnenglanz mit Rosenfeuer überschwemmte. Sein Herz brannte sanft in seinem Himmel, wie die Sonne in ihrem, und ging selig auf und selig unter. Schon der leere Bekannte wär' ihm auf unbekanntem Boden wie ein Bruder erschienen; aber nun die still geliebte Gestalt – sie gab ihm einen Seelen-Augenblick, den kein Traum der Phantasie weissagt.
Er stand an der Morgenseite des Kutschenschlags und durfte allda ohne Bedenken, da auf der Fähre alle Welt fest stehen muss, verharren und in einem fort hineinsehen (er hatte sich gegen den Wagen umgekehrt); er schlug aber die Augen oft nieder, aus Furcht, dass sie ihre herumwende und von seinen gestöret werde, ob er gleich wusste, dass sie, geblendet von der Sonne, anfangs so viel sähe als nichts. Er vergass, dass sie ihn wahrscheinlich gar nie angesehen. Nach der herrlichen Pracht-Sonne und nach den fünf Roseninseln sah er nicht hin, sondern genoss und erschöpfte sie ganz dadurch, dass er der stillen Jungfrau und dem stummen Abendtraume, womit sie auf den goldnen Inseln ruhte, mit tausend Wünschen zusah, es mög' ihr doch noch besser ergehen, und himmlisch, und darauf noch herrlicher.
Von weitem war es ihm, als wenn die Rosana flösse und die Fähre schiffte und die Wellen rauschten, und als wenn die waagrecht einströmende Abendsonne Hunde und Menschen mit Jugendfarben überzöge und jeden Bettler und Bettelstab vergoldete, desgleichen das Silber der Jahre und Haare. Aber er gab nicht besonders acht darauf. Denn die Sonne schmückte Wina mit betenden Entzückungen und die Rosen der Wangen mit den Rosen des himmels; – und die Fähre war ihm ein auf Tönen sich wiegender Sangboden des Lebens, ein durch Abendlicht schiffendes Morgenland, ein Charons-Nachen, der das Elysium trug zum Tartarus des Ufers. Walt sah unkenntlich aus, fremd, überirdisch, denn Winas Verklärung warf den Widerschein auf ihn.
Ein Krüppel wollte ihm in der Nähe etwas von seiner Not vorlegen, aber er fasste nicht, sondern hassete es, wenn ein Mensch an einem solchen Abend nicht selig war, wo sich die bisher betrübte Jungfrau erheiterte und sich die Sonne gleichsam wie eine liebe warme Schwester-Hand an das Herz drückte, das bisher oft in mancher kalten dunkeln Stunde schwer geschlagen.
"Hätt' er nur kein Ende, der Abend", wünschte Walt, "und keine Breite die Rosana – oder man beschiffte wenigstens ihre Länge, fort und fort, bis man mit ihr ins Meer verschwämme und darin unterginge mit der Sonne."
Eben war die Sonne über dem Strome untergegangen. Langsam wandte Wina das Auge ab und nach der Erde, es fiel zufällig auf den Notar. Er wollte einen Gruss voll Verehrungen spät in den Wagen werfen, aber die Fähre schoss heftig vom Ufer zurück und zerstiess das wenige, was er zusammengebauet.
Der Wagen fuhr bedächtlich ans Land. Walt gab an 4 Groschen Fährgeld; "für wen noch?" fragten die Fährleute. "Für wer will", versetzte Walt; darauf sprangen, ohne zu fragen und zu zahlen, mehr als zu viele ans Land. Der General wollte zu Fuss in die schöne Garten-Stadt, Walt blieb neben ihm. Jener fragte, ob ihm gestern keine Komödianten begegnet. Er berichtete, dass sie diesen Abend in Rosenhof spielten. "Gut!" sagte Zablocki – "so essen Sie abends bei mir im Granatapfel- Sie übernachten doch? – und morgens sieht man in Sozietät die ganze splendide Felsen-Gruppe, die Sie droben über der Stadt bemerken."
Die Entzückung über diese Gabe des Geschicks spricht Walt in seinem Tagebuch kurz so aus: "Wie ich vor ihm darüber meine Freude aussprach, lieber Bruder, das kannst du dir vielleicht besser denken als ich jetzt."
Nr. 47. Titanium
Kartause der Phantasie – Bonmots
Es gibt schwerlich etwas Erquicklicheres, als abends mit dem General Zablocki hinter dem Wagen seiner Tochter zwischen den Gärten voll Rosensträuche in die schöne Stadt Rosenhof einzugehen – ohne alle sorge und voll Ausmalungen des Abendessens zu sein – und den schönen Ess-