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Arm oder einen Schöppenstuhl unter den Steiss. Wenn Walt am Fastnachtstage in der tanzenden Schulstube den Kandidaten und dessen Geige mit dem Bässlein unterstützte und mit nichts hüpfte als mit ungemein freudigen Blicken und mit dem Bogen: so sprang Vult zugleich allein tanzend und mit einer Groschenflöte im Maule herum und fand noch Zeit und Glieder zu vielem SchabernackSollen solche Talente nicht für das Jus benutzt werden, Herr Schulz? beschloss man – –

Sie sollens, sagt' er. Also Gottwalt wurde auf die Himmelsleiter gesetzt als zukünftiger Pfarrer und Konsistorialvogel; Vult aber musste sich die Grubenleiter in die delphische Rechtshöhle zimmern, damit er ein juristischer Steiger würde, von welchem der Schulteiss alle Ausbeuten seiner Zukunft erwartete, und der ihn aus der giftigen Grube ziehen sollte, zugleich mit Gold- und Silber-Geäder umwunden, es sei nun, dass der Sohn Prozesse für ihn führte, oder schwere ihm ersparte, oder Gerichtshalter im Orte wurde, oder Regierungsrat, oder wie es etwa ginge, oder dass er ihm jeden Quatember viel schenkte.

Allein Vult hatte ausserdem, dass er bei dem Schulmeister und Kandidaten Schomaker nichts lernen wollte, noch das Verdrüssliche an sich, dass er ewig blies auf einer Batzenflöte, und dass er sich im 14. Jahr bei der Kirms unten vor die spielende Flötenuhr des Schlosses hinstellte, um bei ihr als seiner ersten Lehrerin, wenn nicht Stunden zu nehmen, doch Viertelstunden. – Hier sollte Zeit sein, das Axiom einzuschichten, dass überhaupt die Menschen mehr in Viertelstunden als in Stunden gelernt. Kurz, an einem Tage, wo Lukas ihn in die Stadt und unter das Rekrutenmass geführt (scheines- und ordnunghalber), lief er mit einem betrunkenen Musikus, der nur noch sein Instrument, aber nicht mehr sich und die Zunge regieren konnte, in die weite breite Welt hinein. Er blieb dann weg.

Jetzt musste Gottwalt Peter daran, ans Jus. Aber er wollte auf keine Weise. Da er stets laswas das Volk beten heisst, wie Cicero religio von relegere, oft lesen, ableitet –, so lief er dem dorf schon als Pfarrherrlein durch die Finger, ja ein Metzger aus Tirol nannte ihn bald den Pfarrbuben, bald den Pfarrknecht3, weil er in der Tat ein kleiner Kaplan und Küster, nämlich dessen Koadjutorie war, insofern er die schwarze Bibel gern auf die Kanzel trug, das Kommunikantentüchlein am Altare den Oblaten und dem Kelche unterhielt, allein den Nachmittagsgottesdienst, wenn Schomaker sich nach haus geschlichen, hinausorgelte und ein fleissiger Kirchengänger bei Wochentaufen war. Ja, sah abends der Pfarrer nach dem Studieren mit Mütze und Pfeife aus dem Fenster, so hofft' er nicht zurückzubleiben, wenn er sich mit einer leeren kalten Pfeife und weissen Mütze an seines legte, welche letztere dem Knabengesicht ein zu altväterisches Ansehen gab. Nahm er nicht einmal an einem Winterabend ein Gesangbuch unter den Arm und stattete, wie der Pfarrer, bei einer ihm ganz gleichgültigen, artritischen, steinalten Schneidersfrau einen ordentlichen Krankenbesuch ab und fing an, aus dem lied "O Ewigkeit, du Freudenwort" ihr vorzulesen? Und musst' er nicht schon bei dem zweiten Verse den Aktus einstellen, weil ihn Tränen übermannten, nicht über die taube, trockne Frau, sondern über den Aktus?

Schomaker nahm sich seines Lieblings so sehr an, dass er eines Abends vor dem Gerichtsmann – "so hör' ich mich lieber nennen als Schulz", sagte Lukasfrei erklärte, er glaubte, im geistlichen stand komme man besser fort, besonders zarte Naturelle.

Da nun der Kandidat selber nichts geworden war als sein eigenes Minus und seine eigne Vakanzstelle, so beantwortete der Gerichtsmann die Rede bloss mit einem höflichen Gemurmel und führte nur seine schimmlige geschichte wieder auf, dass einmal ein juristischer Professor seine Studenten so angeredet habe: "Meine hochzuverehrende Herren Justizminister, Geheime Kabinettsräte, Wirkliche Geheime Räte, Präsidenten, Finanz-, staates- und andere Räte und Syndikus, denn man weiss ja noch nicht, was aus Ihnen allen wird!" Er führte noch an, im Preussischen werde die Stunde eines Advokaten auf 45 Kreuzer von den Gesetzen selber taxiert, und bat, man solle das nur einmal für ein Jahr ausschlagenferner einem rechten Juristen komme der Teufel selber nicht bei, und er wolle ebensogut ein Ferkel am eingeseiften Schwanz festalten als einen Advokaten am jus -(welches wohl im edlern Stile heissen würde: Kenntnis des Rechts ist die um einen Mann geschriebene Münz-Legende und verwehrt das Beschneiden des Stücks) – und Heringe wie sein Peter Walt wären eben die ganzen Hechte; je dünner der Messerrücken, desto schärfer die Schneide; und er kenne Iktusse, die durch Nadelöhre zu fädeln waren, die aber ungemein zustachen.

Wie immer, halfen seine Reden nichts; aber die verständige Veronika, seine Frau, wollte gegen die Sitte der Weiber, die im häuslichen Konsistorium immer als geistliche Räte gegen die weltlichen stimmen, den Sohn aus dem geistlichen Schafstall in die juristische Fleischscharre treiben; und das bloss, weil sie einmal bei einem Stadtpfarrer gekocht habe und das Wesen kenne, wie sie sagte.

Diese hielt, als sie einst allein mit dem Sohne war, der mehr an ihr als am Vater hing, ihm bloss soviel vor: "Mein Gottwalt, ich kann dich nicht zwingen, dass du dem Vater folgst; aber höre mich an: das erstemal, wo du predigst, so tue ich meinen Trauerrock an und die weissen Tücher um und gehe in die Kirche und