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mit vier Verkaufschweinchen und dem Hunde; aber da dieser sehr lamentierte, dass er lieber vier Herden treiben und absetzen wollte als allemale die letzten Äser, mit denen es nie ein Ende nehme: so liess sich Walt seine Sonnenseite nicht länger zur Winterseite umdrehen, sondern zog mit einer Portativ-Mahlzeit davon.

Er gelangte in einen felsigen stillen Wald und glitt vom Weg ab und lief so lange einer immer enger ablaufenden Schlucht nach, bis er an die sogenannte stille Stelle kam, die er im Tagebuche so beschreibt:

"Die Felsen drängen sich einander entgegen und wollen sich mit den Gipfeln berühren, und die Bäume darauf langen wirklich einander die arme zu. Keine Farbe ist da als Grün und oben etwas Blau. Der Vogel singt und nistet und hüpft, nie gestört auf dem Boden, ausser von mir. Kühle und Quellen wehen hier, kein Lüftchen kann herein. Ein ewiger dunkler Morgen ist da, jede Waldblume ist feucht, und der Morgentau lebt bis zum Abendtau. So heimlich eingebauet, so sicher eingefasset ist das grüne Stilleben hier und ohne Band mit der Schöpfung als durch einige Sonnenstrahlen, die mittags die stille Stelle an den allgewaltigen Himmel knüpfen. sonderbar, dass gerade die Tiefe so einsam ist wie die Höhe. Auf dem Montblanc fand Saussure nichts als einen Tag- und einen Nachtschmetterling, was mich sehr erfreuete. Am Ende wurde ich selber so still als die Stelle und schlief ein.

Ein Zaubertraum nach dem andern legte mir Flügel an, die bald wieder zu grossen Blumenblättern wurden, auf denen ich lag und schwankte. Endlich war mir, als rufe mich eine Flöte beim Namen und mein Bruder stehe dicht an meinem Bette. Ich schlug die Augen auf, allein ich hörte fast gewiss noch eine Flöte. Ich wusst' aber durchaus nicht, wo ich war; ich sah die Baumgipfel mit Glut-Rot durchflossen; ich entsann mich endlich mühsam der Abreise aus Joditz und erschrak, dass ich eine ganze Nacht und den prophezeieten Abend in Rosenhof hier verschlafen hätte; denn ich hielt die Röte für Morgenröte. Ich drängte mich durch den tauenden Wald hindurch und auf meine Strasse hinausein prächtiges Morgen-Land faltete vor mir die glühenden Flügel auf und riss mein Herz in das allerheiterste Reich. Weite Fichtenwälder waren an den Spitzen gelbrot besäumt, freilich nur durch mordende Fichtenraupen. Die liebe Sonne stand so, dass es der Jahreszeit nach 5 3/4 Uhr am Morgen sein mochte, es war aber, die Wahrheit zu sagen, 6 1/2 Uhr abends. Indes sah ich die Lindenstädter Gebürge rot von der entgegenstehenden Sonne übergossen, die eigentlich der östlichen Lage nach über ihnen stehen musste.

Ich blieb im Wirrwarr, obgleich die Sonne vielmehr fiel als stieg, bis ein junger hagerer Maler mit scharfen und schönen Gesichtsknochen und langen Beinen und Schritten und einem der grössten preussischen Hüte vor mir dahin vorüber wollte, mit einer Maler-tasche in der Hand. 'Guten Morgen, Freund', sagt' ich, 'ist das die Strasse nach Rosenhof, und wie lange?' – 'Dort hinter den Hügeln liegts gleich. Sie können in einer Viertelstunde noch vor Sonnenuntergang ankommen, wenn die Fähre eben da ist.' Er entlief mit seinen gedachten Schritten, und ich sagte: 'Dank, gute Nacht.' Es war mir aber gewaltsam, als wenn sich die Welt rückwärtsdrehte, und als wenn ein grosser Schatte über das Sonnen-Feuer des Lebens käme, da ich den Morgen zum Abend machen musste." So weit seine Worte.

Jetzt stand der Notar still, drehte sich um, eine lange Ebene hinter ihm schlossen unbekannte Berge zu; vor ihm standen sie, wie Sturmbalken der Gewitter, gehörnt und gespalten hinter den Hügeln gegen Himmel, und die Berg-Riesen trugen die hohen Tannen nur spielend. Der fliegende Landschaftsmaler, sah er, setzte sich auf die Hügel und schien, nach seiner Richtung zu schliessen, die verdeckte Stadt Rosenhof auf sein Zeichenpapier heraufzutragen. Gott, dachte Walt, nun begreif' ichs einigermassen, wie die Stadt liegen mag, wie göttlich und himmlisch, wenn der Landschaftsmaler von Bedeutung sich davor setzt und nur sie abreisset, indes er hinter seinem rücken eine Landschaft weiss, die einen Fremdling, der jene nicht kennt, ordentlich mit Abend-Glanz und Ansicht überhäuft.

Als er oben vor die Aussicht kam, stand er neben dem Stand- und Sitzpunkte des Malers still und rief nach dem ersten blick auf die Landschaft aus: "Ja, das ist des Malens wert." – "Ich zeichne bloss", sagte der gebückte Maler, ohne aufzublicken. Walt blieb stehen, und sein Auge schweifte von dem breiten Rosana-Strome zu seinen Füssen aufwärts zur Stadt am Ufer und Gebürg und stieg auf die waldigen zwei Felsen-Gipfel über der Stadt und fiel auf die Fähre, die, voll Menschen und Wagen zwischen Seilen, zu seinem Ufer voll neuer Passagiere herüberglitt, und sein Auge flog endlich den Strom hinab, der, lang von der Abendsonne beglänzt, sich durch fünf grüne helle Inseln brennend drängte.

Die Fähre war gelandet, neues Schiffsvolk und Fuhrwerk eingestiegen, sie wartete aber noch und, wie es ihm vorkam, auf ihn. Er lief hinab und sprang auf das Fahrzeug. Allein es wartete auf schwerere Befrachtung. Er schaute auf drei hier einlaufende Strassen hinauf. Endlich bemerkte er, dass im Abendglanze ein zierlicher Reisewagen mit vier Pferden, lange Staubwolken nachschleppend, daherrollte.

Darüber