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aber, nach manchem zu urteilen, sein bester, und er wünschte sehr, sie wäre nicht aus der stube gegangen.

hatte' er schon vorher den Entschluss gefasset, lieber dem Briefe und Traume zu folgen nach Rosenhof, weil er aus Homer und Herodot und ganz Griechenland eine heilige Furcht gelernt, höhern Winken, dem Zeigefinger aus der Wolke mit frecher Willkür zu widerstehen und gegen ihn die Menschenhand aufzuheben: so wurde sein Entschluss des Gehorsams jetzt durch die Zudringlichkeit der Maske und die Einwirkung Jakobinens und durch das Netz neu verstärkt, worin Menschen und Vögel sich der Farbe wegen fangen, weil es mit der allgemeinen der Erde und Hoffnung angestrichen ist, nämlich der grünen.

Jakobinen sah er nicht mehr als bloss auf ihrer Türschwelle mit einem Lichte, da er über die seines Kämmerleins trat. Er überdacht' es darin lange, ob er nicht gegen die Menschheit durch Argwohn verstosse, wenn er den Nachtriegel vorschiebe. Aber die Maske fiel ihm ein, und er stiess ihn vor. Im Traume war es ihm, als werde' er leise bei dem Namen gerufen. "Wer da?" schrie er auf. Niemand sprach. Nur der hellste Mond lag auf dem Bettkissen. Seine Träume wurden verworren, und Jakobine setzt' ihn immer wieder in das rosenfarbne Meer ein, sooft ihn auch die Maske an einer Angel auf einen heissen Schwefel-Boden geschleudert.

Nr. 46. Edler Granat

Der frische Tag

Am frühen Morgen brach die truppe, wie Truppen, die Zelte lärmend ab und aus dem Lager auf. Die Fuhrleute stäubten das Nachtstroh von sich. Die Rosse wieherten oder scharrten. Die Frische des Lebens und Morgens sprengte brennenden Morgentau über alle Felder der Zukunft, und man hielt es sehr der Mühe wert, solchen zuzureisen. Das Getöse und Streben belebte romantisch das Herz, und es war, als reite und fahre man gerade aus dem Prosa-Land ins Dichter-Land und komme noch an um 7 Uhr, wenn es die Sonne vergolde. Als vor Walten die über alles blasse Jakobine wie ein bleicher Geist einsass, sah er in den Traum und Abend hinein, wo er diesen weissen Geist wieder finden, auch über die Blässe fragen konnte; denn er erriet fast leichter Seelen-Schminke als Wangen-Schminke, diese rote Herbstfarbe fallender Blätter statt der Frühlingsröte jungfräulicher Blüte. Weisse Schminke erraten Gelehrte noch schwerer oder gar nicht, weil sie nicht absehen können, sagen sie, wo sie nur anfange.

Die Maske sass auf und sprengte seitab nach St. Lüne zu. Gottwalt wusste, dass, wenn er den Weg nach Joditz einschlüge, der weissagende Traum, dass er da mittags essen werde, schon halb in Erfüllung gehe; – er nahm also diesen Weg. Es sei, dass der zweite Reisetag an der natur den blendenden Glanz abwischet, oder dass sein unruhiger blick in das geweissagte Rosenhof und dessen Gaben das leise Grün der natur, das wie ein Gemälde nur in ein stilles Auge kommt, verscheuchte: genug, statt des gestrigen beschaulichen Morgens hatte' er jetzt einen strebenden, tätigen. Er sass selten nieder, er flog, er stand und ging als Befehlshaber an der Spitze seiner Tage. Wär' ihm Don Quijotes Rosinante auf einer Wiese grasend begegnet, er hätte sich frei auf die nackte geschwungen (er wäre sein eigner Sattel gewesen), um in die romantische Welt hineinzureiten bis vor die Haustüre einer Dulzinee von Toboso. Er sah vorrübergehend in eine hakkende Ölmühle und trat hinein; die Riesenmaschinen kamen ihm lebendig vor, die hauenden Rüssel, die unaufhaltbaren Stampf-Mächte und Klötze wurden von seltsamen Kräften und Geistern geregt und aufgehoben.

Durch den rein-blauen Himmel brausete ein unaufhörlicher Sturmder seine eigne Windharfe war –; aber nichts weht weiter in Zauber- und Zukunfts-Länder als eine solche unsichtbare tönende Gewalt. Geister flogen im Sturm; die Wälder und Berge der Erde wurden von Überirdischen geschüttelt und gerückt;die äussere Welt schien so beweglich zu werden, wie es die innere ist.

Überall lagen auf den Felsen Ritterschlösserin den Gärten Lustschlösseran den kleinen Rebenbergen weisse Häuserchenzuweilen da eine rotglänzende Ziegelhütte, dort das Schieferdach einer Korn- oder Papiermühle. – – Unter allen diesen Dächern konnten die seltensten Väter und Töchter und begebenheiten wohnen und heraustreten und auf den Notar zugehen; er versah sich dessen ohne Furcht.

Als eine zweite Strasse seine zu einem Kreuzwege, diesem Andreaskreuze der Zauberinnen, durchschnitt: so wehten ihn tiefe Sagen schauerlich aus der Kindheit an; im Brennpunkte der vier Welt-Ecken stand er, das fernste Treiben der Erde, das Durcheinanderlaufen des Lebens umspannt' er auf der wehenden Stelle. Da erblickt' er Joditz, wo er Vults Traume nach essen sollte. Es kam ihm aber vor, er hab' es schon längst gesehen, der Strom um das Dorf, der Bach durch dasselbe, der am Flusse steil auffahrende Wald-Berg, die Birken-Einfassung und alles war ihm eine Heimat alter Bilder. Vielleicht hatte einmal der Traumgott vor ihm ein ähnliches Dörfchen aus Luft auf den Schlaf hingebauet und es ihn durchschweben lassen37. Er dachte nicht daran, sondern an Abenteuer und an die natur, die gern mit Ähnlichkeiten auf Steinen und in Wolken und mit Zwillingen spielet.

Im Joditzer Wirtshaus wurde' er wieder überrascht durch Mangel an allem Überraschenden. Nur die Wirtin war zu haus und er der erste Gast. Erst später kam mehr Leben an, ein Böheimer