dass er in seinem Maule über eine Muskel-Hebekraft von 200 Pfund zu befehlen habe.
Der Larvenherr war fertig, zeigte endlich dem Publikum die leere Schüssel und die vollen Backen des Direkteurs und strich das Wettgeld mit der Rechten in die Linke, unter der Bitte, Hr. Fränzel solle, wenn er etwas darwider und die Semmel schon hinunter habe, bloss das Maul aufmachen. Fränzel tats auch, aber bloss um den teuflischen Fangeball durch das grössere Tor davonzuschaffen. Der Maskenherr schien froh zu sein und bot dieselbe Wette wieder aus, bei welcher er glänzende Erleichterungen vorschlug, z.B. statt einer Semmel bloss einen ganzen kleinen Kuh- oder Ziegenkäse, kaum Knie- oder Semmel-Scheiben gross, auf einmal in den Mund zu nehmen und hinabzuessen, während er trinke ut supra; aber man dachte sehr verdächtig von ihm, und niemand wagte.
Den Notar hätte der Direkteur zu sehr gedauert, wenn er vorhin die schöne Blondine sanfter angefahren hätte. Diese sass und nähte und hob, sooft sie mit der Nadel aufzog, die grossen blauen Augen schalkhaft zu Walten auf, bis er sich neben sie setzte, scharf auf die Naht blickte und auf nichts dachte als auf eine schickliche Vorrede und Anfurt. Er konnte leicht einen Gesprächsfaden lang und fein verspinnen, aber das erste Flöckchen an die Spindel legen konnte' er schwer. Während er neben ihr so vor seiner eignen Seele und Gehirnkammer antichambrierte, schnellte sie leicht die kleinen Schuhe von ihren Füssen ab und rief einen Herrn her, um sie an den Trockenofen zu lehnen. Mit Vergnügen wär' er selber aufgesprungen; aber er wurde zu rot; ein weiblicher Schuh (denn er gab fast dessen Fuss darum) war ihm so heilig, so niedlich, so bezeichnend wie der weibliche Hut, so wie es am mann (sein Schuh ist nichts) nur der Überrock ist und an den Kindern jedes Kleidungsstück.
"Ich dächte, Sie sagten endlich etwas", sagte Jakobine zu Walten, an dem sie statt der Zunge den Rest mobil machte, indem sie ihr Knäul fallen liess und es am Faden halten wollte. Er lief der Glückskugel nach, strickte und drehte sich aber in den Faden dermassen ein, dass Jakobine aufstehen und diesen von seinem Beine wie von einer Spindel abweifen musste. Da sie sich nun bückte und er sich bückte und ihre Postpapierhaut sich davon rot beschlug – denn ihr schlechter Gesundheitspass wurde ausser und auf der Bühne mit roter Dinte korrigiert – und er die Röte mit Glut erwiderte; und da beide sich einander so nahe kamen und in den unordentlichsten Zwiespalt der Rede: so war durch diese tätige Gruppierung mehr abgetan und getan für Bekanntschaft, als wenn er drei Monate lang gesessen und auf ein Präludium und Antrittsprogramm gesonnen hätte. – Er war am Ariadnens-Faden des Knäuls durch das Labyrint des Rede-Introitus schon durch, so dass er im Hellen fragen konnte: "Was sind ihre Hauptrollen?" – "Ich spiele die unschuldigen und naiven sämtlich", versetzte sie, und der Augenschein schien das Spielen zu bestätigen.
Um ihr rechte Freude zu machen, ging er, so tief er konnte, ins Rollen-Wesen ein und sprach der stummen Nähterin feurig vor. "Sie reden ja so langweilig wie der Teaterdichter", sagte sie, "oder Sie sind wohl einer? Dero werten Namen?" – Er sagte ihn. "Ich heisse Jakobine Pamsen; Hr. Fränzel ist mein Stiefvater. Wo gedenken Sie denn eigentlich, Hr. Harnisch?" Er versetzte: "Wahrscheinlich nach Rosenhof." – "Hübsch", sagte sie. "Da spielen wir morgen abends." Nun malte sie die göttliche Gegend der Stadt und sagte: "Die Gegend ist ganz superb." – "Nun?" fragte Walt und versprach sich eine kleine Muster- und Produktenkarte der Landschaft, ein dünnes Blätterskelett dasigen Baumschlags und so weiter. "Aber – Was denn?" sagte die Pamsen, "die Gegend, sag' ich, ist die göttlichste, so man schauen kann. Schauen Sie selber nach."
Da trat der Larvenherr unbefangen hin und sagte entscheidend: "Bei Berchtolsgaden im Salzburgischen ist eine ähnliche, und in der Schweiz fand ich schönere. Aber künstliche Zahnstocher schnitzen die Berchtolsgadner" und zog einen aus der Weste, dessen Griff sauber zu einem Spitzhund ausgearbeitet war.
"Wer Lustreisen machen kann", fuhr er fort, "mein Herr, findet seine Rechnung vielleicht besser im Badort St. Lüne, wo gegenwärtig drei Höfe versieren, der ganze flachsenfingische, dems gehört, darnach der Scheerauer und der Pestitzer und ein wahrer Zufluss von Kurgästen. Ich reise morgen selber dahin."
Der Notar machte eine matte Verbeugung; denn das Geschick hatte' ihn auf diesen ganzen Abend verurteilt, zu erstaunen. "Allmächtiger Gott", dachte' er bei sich, "ist denn das nicht wörtlich so wie in des Bruders Briefe?" Er stand auf- (Jakobine war aus Hasse gegen den um 10 fl. reichern Larvenherm längst weggelaufen mit dem Nähzeug in den Händen) – und sah am Lichte diese Briefstelle nach: "Ich sah, wie am Morgen Dein Genius und das Un-Gesicht Dir auf zwei verschiedenen Wegen vorflogen, um Dich zu locken; Du folgtest aber dem Genius und gingest statt nach St. Lüne lieber nach Rosenhof" – Er sah nun zu gewiss, die Maske sei sein böser Genius, Jakobine Pamsen