1804_Jean_Paul_055_114.txt

er in sich einige Zweifel über die Wahrhaftigkeit desselben und fragte den trinkenden Postreiter, wann und von wem er den Brief bekommen. "Das weiss ich nicht, Herr", sagt' er spöttisch; "was mir mein Postmeister gibt, das reit' ich auf die Station, und damit Gott befohlen." – "Allerdings", sagte Walt und las begierig weiter: "Darauf sah ich Dich wieder ziehen, durch viele Örter, endlich in eine Kirche gehen. Der Genius schlüpfte wieder voraus hinein. Abends standest Du auf einem Hügel und nahmest im Städtchen Altfladungen Nachtquartier. Hier sah ich vor der Wirtshaustüre Deine verherrlichte Gestalt, nämlich Deinen Genius, mit einem dunklen behangnen Wesen kämpfen, dessen Kopf gar kein Gesicht hatte, sondern überall Haare." – –

"Gott!" rief Walt, "das wäre ja der MaskenMensch!"

"Das Wesen ohne Gesicht behauptete die tür, aber der Genius fuhr als eine Fledermaus in die Dämmerung zu mir hinauf, sprengte dicht an meiner Wolken-Spitze seine Flügel wie Krebsscheren ab und hinab und fiel als Maus oder Maulwurf in die Erde (etwa eine Meile von Altfladungen) und schien fortzuwühlen (denn ich sah es am Wellenbeete) bis wieder zu Dir und warf unweit einer Kegelbahn einen Hügel auf. Es schlug acht Uhr in den Wolken um mich herum; da kam das Ungesicht zum Hügel und steckte etwas wie eine Maulwurfsfalle hinein. Du aber warst hinterher, zogst sie heraus und fandest, indem Du damit bloss den Erd-Gipfel wegstrichest, einige hundert- – -jährige Friedrichsd'or, die der Genius, Gott weiss aus welcher Tiefe und Breite, vielleicht aus Berlin, gerade an die Stelle für Dich hergewühlt"....

Jetzt kam wirklich die Maske wieder. Walt sah sie schauernd an; hinter der Larve steckte gewiss nur ein Hinterkopf, dachte' er. Es schlug dreiviertel auf acht Uhr. Der Mann ging unruhig auf und ab, hatte ein rundes schwarzes Papier, das, wie er einem Akteur sagte, an Herzens Statt auf dem Herzen eines arkebusierten Soldaten zum Zielen gehangen, und schnitt ein Gesicht hinein, wovon Walt im Tagebuch schreibt: "Es sah entweder mir oder meinem Genius gleich. Die unabsehliche Winternacht der Geister, wo die Sphinxe und Masken liegen und gehen und nicht einmal sich selber erblicken, schien mit der Larve herausgetreten zu sein ins Sommerlicht des Lebens."

Da es acht Uhr schlug, ging die Larve hinausWalt ging zitternd-kühn ihr nachim Garten des Wirtshauses war ein Kegelschub, und der Notar sah (wobei er mässig zu erstarren anfing) wirklich die Larve einen Stab in einen Maulwurfshügel stecken. Kaum war sie zurück und weg, so nahm er den Stab als ein Streichholz und rahmte sozusagen den Hügel wie Milch abDie Sahne einiger verrosteten Friedrichsd'or konnte' er wirklich einschöpfen mit dem Löffel.

Die wenigen haltbaren Gründe, warum der Notar nicht auf die Stelle fiel und in Ohnmacht, bringt er selber bei im Tagebuch, wo man sie weitläuftiger nachlesen kann; obgleich zwei schon viel erklären; – nämlich der, dass er ein Strom war, der gegen die stärkste Gegenwart heftig anschlug, indes ihn bloss der auflösende Luft-Himmel der Zukunft dünn und verfliegend in die Höhe zog, wie er nur wollte. Jetzt aber nach dieser Menschwerdung des Geisterwesens stand Walt neben seinesgleichen. Der zweite Grund, warum er stehenblieb, war, weil er im Briefe weiter lesen und sehen wollte, was er morgen erfahren und welchen Weg er nehmen werde. "Es war wahrhaftig das erstemal in meinem Leben", schreibt er, "dass ich mich der seltsamen Empfindung nahte, ordentlich so hell wie über eine Gegenwart hinweg in eine Zukunft hineinzusehen und künftige Stunden zweimal zu haben, jetzt und einst."

In der Gaststube war die Maske nicht mehr. Er las herzklopfend die Marsch- und Lebensroute des Morgens:

"Darauf wurde der Traum wieder etwas menschlicher. Ich sah, wie am Morgen darauf Dein Genius und das Un-Gesicht Dir auf zwei verschiedenen Wegen vorflogen, um Dich zu locken; Du folgtest aber dem Genius und gingest statt nach St. Lüne lieber nach Rosenhof. Darüber fiel das Un-Gesicht in Stücken herab, einen Totenkopf und einige Knochen sah ich deutlich von der Wolke. Der Genius wurde in der Ferne eine helle Wolke; ich glaube' aber mehr, dass er sie nur um sich geschlagen. Du trabtest singend aus Deinem Mittagsquartier, namens Joditz, durch eine Landschaft voll Lustschlösser bis an die Rosana, die Dich so lange aufhielt, bis Dich die Fähr-Anstalt hinübergefahren hatte in die passable Stadt Rosenhof. Mir kams vor, soweit ich die tief in den Horizont hinunterliegende Stadt erkennen konnte, als habe sich über ihr der Genius in ein grosses blendendes Gewölke auseinandergezogen und Dich und die Stadt zuletzt darin aufgefasset, bis die Wolkenstrecke unter immer stärkerem Leuchten und Auswerfen von Sternen und Rosen und Gras zugleich mit meinem Traume auseinanderging.

Und damit wollt' er, denke' ich, nur bedeuten, dass Du Dich im Städtlein recht divertieren und darauf auf den Heimweg machen würdest.

Wie eine solche Träumerei in meinen Kopf gekommen, lässt sich nur dadurch begreiflich machen, dass ich seit gestern immer Deinen eignen mit seiner Romantik darin gehabt.

Ich wollte, Dein Name wäre so berühmt, dass der Brief Dich fände, wenn bloss darauf stünde: an Hrn. H.,