nach seiner Weise die Vorstadt im Zwielicht zu durchschweifen. Eine Vorstadt zog er der Stadt vor, weil jene diese erst verspricht, weil sie halb auf dem land an den Feldern und Bäumen liegt, und weil sie überall so frei und offen ist.
Er ging nicht lange, so traf er unter den hundert Augen, in die er schon geblickt, auf ein Paar blaue, welche tief in seine sahen, und die einem so schönen und so gut gekleideten Mädchen angehörten, dass er den Hut abzog, als sie vorbei war. Sie ging in ein offenes Kaufgewölbe. – Da unter den festen Plätzen ein Kaufladen das ist, was unter den beweglichen ein Postwagen, nämlich ein freier, wo der Romanschreiber die unähnlichsten Personen zusammenbringen kann: so behandelte er sich als sein Selbst-Romanschreiber und schaffte sich unter die Schnittwaren hinein, aus welchen er nichts kaufte als ein Zopfband, um doch einigermassen ein Band zwischen sich und dem Blau-Auge anzuknüpfen.
Das schöne Mädchen stand im Handel über ein Paar gemslederne Mannshandschuh, stieg im Bieten an einer Kreuzerleiter hinauf und hielt auf jeder Sprosse eine lange Schmährede gegen die gemsledernen Handschuhe. Der bestürzte Notar blieb mit dem Zopfband zwischen den Fingern so lange vor dem Ladentisch, bis alle Reden geendigt, die Leiter erstiegen und die Handschuhe kaufsunlustig dem Kaufmann zurückgeworfen waren. Walt, der sich sogar scheute, sehr und bedeutend in einen Laden zu blicken, bloss um keine vergeblichen Hoffnungen eines grossen Absatzes im Vorbeigehen in der feilstehenden Brust auszusäen, schritt erbittert über die Härte der Sanftäugigen aus dem Gewölbe heraus und liess ihre Reize, wie sie die Handschuhe, stehen. Schönheit und Eigennutz oder Geiz waren ihm entgegengesetzte Pole. Im Einkaufe – nicht im Verkaufe – sind die Weiber weniger grossmütig und viel kleinlicher als die Männer, weil sie argwöhnischer, besonnener und furchtsamer sind und mehr an kleine Ausgaben gewöhnt als an grosse. Das Blau-Auge ging vor ihm her und sah sich nach ihm um; aber er sah sich nach der Brief-Post um, deren Horn und Pferd ihm nachlärmte. Am Postorne wollte seiner Phantasie etwas nicht gefallen, ohne dass er sichs recht zu sagen wusste, bis er endlich herausfühlte, dass ihn das Horn – sonst das Füllhorn und Fühlhorn seiner Zukunft jetzt ohne alle sehnsucht – ausgenommen die nach einer – dastehen lasse und anblase, weil der Klang nichts male und verspreche, als was er eben habe, fremdes Land. Auch mag das oft den Menschen kalt gegen Briefpostreiter unterwegs machen, dass er weiss, sie haben nichts an ihn.
Im Ludwig XVIII. fand er die Briefpost abgesattelt. Diese fragte ihn, da er sie sehr ansah, wie er heisse. Er fragte warum. Sie versetzte, falls er heisse, wie er hiess, so habe sie einen Brief an seinen Namen. Er war von Vults Hand. Auf der Adresse stand noch: "Man bittet ein löbliches Postamt, den Brief, falls Hr. H. nicht in Altfladungen sich befinden sollte, wieder retour gehen zu lassen, an Hrn. van der Harnisch beim Teaterschneider Purzel."
Nr. 44. Katzengold aus Sachsen
Abenteuer
Der Brief von Vult war dieser:
"Ich komme erst jetzt aus den Federn – indes Deine Dich wohl schon wersten-weit getragen, oder Du sie – und schreibe eilig ohne Strümpfe, damit Dich mein Geschriebenes nur heute noch erreitet. Es ist 10 Uhr, um 10 1/2 Uhr muss der Traum auf die Post.
Ich habe nämlich einen so seltsamen und prophetischen gehabt, dass ich Dir ihn nachschicke, gesetzt auch, Du lachst mich einen monat lang aus. Deine ganze heutige und morgende Reiseroute hab' ich klar geträumet. Belügt mich der Quintenmacher von Traum und trifft er Dich in Altfladungen nicht an – worauf ich schwören wollte; – so läuft er retour an mich, und es ist die Frage, ob ich ihn einem Spottund Spassvogel wie Du dann je vorzeige.
Ich sah im Traum, auf der Landzunge einer Wolke sitzend, die ganze nordöstliche Landschaft mit ihren Blüten-Wiesen und Miststätten; dazwischen hin eine rennende, schmale, gelbröckige, jubelnde Figur, die den Kopf bald vor sich, bald gegen Himmel, bald auf den Boden warf – und natürlich warest Du es. – Die Figur stand einmal und zog ihr Beutelchen, dann fuhr sie in Härmlesberg in den Krug. Darauf sah ich sie oben auf meiner Wolkenzinne durch das Rosana-Tal ziehen, den Bergrücken hinauf, vor Dörfern vorbei. – In Grünbrunn verschwand sie wieder im Krug. Wahrhaftig dichterisch war es vom Traumgott gedacht, dass er mich allzeit 6 Minuten vorher, eh' Du in einen Krug eintratest, ein Dir ganz ähnliches Wesen vorher hinschlüpfen sehen liess, nur aber glänzender, viel schöner, mit Flügelchen, wovon bald ein dunkelblauer, bald ein hellroter Strahl, so wie es sie bewegte, meinen Wolken-Sitz ganz durchfärbte; ich vermute also, dass der Traum damit nicht Dich denn den langhosigen Gelbrock zeigt' er mir zu deutlich –, sondern Deinen Genius andeuten wollte."
– Vor Bewegung konnte Walt kaum weiterlesen; denn jetzt fand er das Rätsel fast aufgelöst – wenn nicht verdoppelt durch ein grösseres –, warum nämlich der Härmlesberger Wirt seinen Namen kannte, warum bei dem Grünbrunner derselbe dem kind im Schreibbuche vorgezeichnet war, und warum er bei dem Bildermann das seltsame Quodlibet gefunden. Ordentlich aus Scheu, nun weiter und tiefer in die aufgedeckte Geisterwelt des briefes hineinzusehen, erhob