Schersack ihm nachschiessend – ein dicker überröckiger Landprediger mit einer geschriebenen Erntepredigt, um für die allgemeine Ernte Gott und für seine den Zuhörern zu danken – ein Schiebkarren voll Waren und ein Stab Bettler, beide um die Kirmessen zu beziehen – ein Vor-Dörfchen von drei Häusern mit einem Menschen auf der Leiter, um Häuser und Gassen rot zu numerieren – ein Kerl, auf seinem kopf einen weissen Kopf von Gips tragend, der entweder einen alten Kaiser oder Weltweisen vorstellen sollte oder sonst einen Kopf- ein Gymnasiast spitz auf einem Grenzstein sesshaft, mit einem Leih-Roman vor den Augen, um sich die Welt und Jugend poetisch ausmalen zu lassen – und endlich oben auf ferner Höhe und doch noch zwischen grünen Bergen ein vorschimmerndes Städtchen, worin Gottwalt übernachten konnte, und die helle Abendsonne zog alle Spitzen und Giebel sehr durch Gold ins Blau empor.
"Wir sind laufende Strichregen und bald herunter", sagt' er, als er auf einem Hügel bald rück-, bald vorwärts sah, um die Kette der auseinandereilenden Gestalten zu knüpfen. Da stieg ihm ein Bilder-Händler mit seiner auf eine Walze gefädelten flatternden Bilder-Bibel und Bilder-Galerie auf dem Nabel nach und fragte, ob er nichts kaufe. "Ich weiss gewiss, dass ich nichts kaufe", sagte Walt und gab ihm zwölf Kreuzer, "aber lassen Sie mich ein wenig dafür darin herumblättern."
"Wer lieber als ich", sagte der Mann und bog seinen Torax zurück und sein Bilderbuch ihm entgegen. Hier fand der Notar wieder die stehenden Bilder der laufenden Bilder, das Leben fuhr mit Farben auf dem Papiere durcheinander, die halbe Welt- und RegentenGeschichte, Potentaten und herkulanische Topf-Bilder und Hanswürste und Blumen und Militär-Uniformen, und alles überlud den Magen des Mannes. "Wie heisst das Städtlein droben?" sagte Walt. "Altfladungen, mein lieber Herr, und die Berge dort sind eine prächtige Wetterscheide, sonst hätte uns vorgestern das liebe Gewitter alles angezündet (versetzte der Bildermann); indes hab' ich noch schöne aparte Stücke zum Ansehen" und blätterte das bunte Häng-Werk mit beiden Händen auf. Walts Auge fiel auf eine Quodlibetszeichnung, auf welcher mit Reissblei fast alle seine heutigen Weg-Objekte, wie es schien, wild hingeworfen waren. Von jeher hielt er ein sogenanntes Quodlibet für ein Anagramm und Epigramm des Lebens und sah es mehr trübe als heiter an – jetzt aber vollends; denn es stand ein Januskopf darauf, der wenig von seinem und Vults gesicht verschieden war. Ein Engel flog über das Ganze. Unten stand deutsch: "Was Gott will, ist wohlgetan"; dann lateinisch: "quod Deus vult, est bene factus." Er kaufte für seinen Bruder das tolle Blatt.
Der Bildermann verliess den Hügel mit Dank. Walt heftete das von dem Vorüberzuge unseres malenden und gemalten Lebens gerührte Seelen-Auge auf den wetterscheidenden Berg, der ganz unter den Rosen der Sonne mit einzelnen Felsen-schneiden und mit Schafen glühte, und er dachte:
"So fest steht er nun ewig da – früh, als noch keine Menschen hier waren, schnitt er auch die schweren Wetterwolken entzwei und zerbrach ihre Donnerkeile und machte es hell und schön im Tale ohne Augen – Und wie tausendmal mag das Abendrot im Frühlingsglanz herrlich ihn vergoldet haben, da noch kein Leben unten stand, das in die Herrlichkeit mit Träumen versank. – – Bist du denn nicht, du grosse natur, gar zu unendlich und zu gross für die armen Kleinen hier unten, die nicht jahrelang, geschweige Jahrtausende glänzen können, ohn' es zu zeigen? Und dich, o Gott, hat noch kein Gott gesehen. Wir sind ganz gewiss klein."
Je mehr es Abend wurde, desto mehr ging das epische Gefühl in das süsse romantische über, und hinter den Rosen-Bergen wandelte wieder Wina in Gärten. Denn der Abend färbet zugleich die optischen und geistigen Schatten bunter an. Er sehnte sich nach einem fremden Menschenworte; zuletzt drängt' er sich an einen Mann, der einen Schiebekarren voll Wolle ungemein langsam schob und immer stand und nach der Sonne sah.
Er sei, sagte dieser sehr bald aufgeregt, sonst nur ein Hutmann gewesen und habe auf einem gläsernen Horn sein Vieh so in der Stadt zusammengeblasen, dass mancher Hutmann etwas daran gewendet hätte, wenn er es Blasen halb so hätte lernen können. Nicht ein jedweder sei es kapabel. Und er wünschte zu wissen, ob andern Hirten ihr Vieh so nachgegangen, wenn sie durch die Elbe vorausgewatet; ihm sei es wie Soldaten nachgezogen; und Gott behüt' ihn, dass er sich dessen rühmte, aber wahr sei's.
Der Notar hatte über nichts soviel Freude, als wenn arme Teufel, die niemand lobte, sich selber lobten. "Ich schiebe noch ganzer fünf Stunden durch", sagte der Mann, den der Anteil ins Reden setzte, "die frische Nacht hab' ich dazu sehr gern." – "Das kann ich mir leicht denken, mein Alter (sagte Walt, der den unvergesslichen dichterischen Mann von Tockenburg vor sich glaubte); im zweiräderigen Schäferhäuschen, wo Er doch meist im Frühling schläft, hatte' Er ja den ganzen Sternenhimmel vor sich, wenn Er aufwachte. Ihm ist die Nacht gewiss besonders lieb?"
"Ganz natürlich, denke' ich", versetzte der Schäfer; "denn sobalds frisch wird und es tapfer tauet, so zieht