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der Bach sein Bette oder ein dürrer Sommer nahm ihn gegen Himmel; kurz Harnischens wohnung wurde so weit hinübergebaut, dass nicht nur ein Dachstuhl auf zwei Territorien stand, sondern auch eine Stubendecke und, wenn man ihn hinsetzte, ein Krüpelstuhl.

Aber so wurde dieses Haus des alten Schulzen juristischer Vorhimmel, so wie zugleich seine kameralistische Vorhölle. Mit unsäglichem Vergnügen sah er oft in seiner Wohnstubedie an der Wand ein fürstlicher Grenz- und Wappenpfahl abmarktesich um und warf publizistische Blicke bald auf landesherrliche, bald auf ritterschäftliche Stubenbretter und Gerechtsame und bedachte, dass er nachts ein Rechter wäreweil er fürstlich schliefund nur am Tage ein Linker, weil Tisch und Ofen geadelt waren. Es war seinen Söhnen nichts Seltenes, dass er sonntags vor dem Abendessen, wenn er viel gedacht hatte, mehrmals heiter und hastig den Kopf schüttelte und dabei murmelte: "Mein Haus ist einem redlichen Iktus2, sag' ich, ordentlich wie auf den Leib gemachtein jeder anderer Mann würde die besten importantesten Gerechtsame und Territorien darin verschleudern, weil er gar nicht der Mann dazu wäredenn er wäre in der Sache gar nicht zu haus und ich alter verständiger Iktus soll heraus, solls losschlagen, höre Vronel?" – Erst nach langer Zeit antwortete er sich selber: "Nun und nimmermehr", ohne die Antwort Veronikas, seiner Frau, zu hören.

Freilich wenn er sich täglich gegen seine Gläubiger mehr in die Zitadelle seines Hauses zurückzog und ihnen dabei wie andere Kommandanten die Vorstädte, nämlich das Feld, d.h. die Felder räumte und, so gut er konnte, mit dem haus zugleich seinen Schulzenposten, den Spielraum seiner Kenntnisse, zu versteigern aufschob, statt solchen zu steigerngleichsam sein schlagendes Herz, den Saitensteg seines lauten Lebens, wenn er das tat: so hatte' er noch vier von ihm selber gezeugte hände im Auge, die ihm helfen und den Steg seiner hellsten Töne und Misstöne wieder stellen sollten; nämlich seine Zwillingssöhne.

Als Veronika mit diesen niederkommen wollte, hielt er, als sei sie eine sizilianische oder englische Königin, hinlängliche Geburtszeugen bereit, die nachher sich in Taufzeugen einteilten.

Das Kindbette hatte'er ins ritterschaftliche Territorium geschoben, weil es einen Sohn geben konnte, den man durch diese Bettstelle der Bettstelle den landesherrlichen Händen entzog, die ihm eine Soldatenbinde umlegen konnten statt der schon bestimmten Temisbinde. In der Tat trat auch der Held dieses Werkes, Peter Gottwalt, ans Licht.

Aber die Kreissende fuhr fort; der Vater hielt es für Pflicht und Vorsicht, das Bette dem Fürsten zuzuschieben, damit jeder sein Recht bekomme. "Höchstens gibts ein Mädchen", sagte er, "oder was Gott will." Es war keines, sondern das letztere; daher der Knabe nach des Kandidaten Schomakers Übersetzung den Namen des Bischofs von Kartago unter Geiserich, nämlich Quod Deus vult, oder Vult im Alltagswesen bekam.

Jetzt wurden in der stube scharfe Markungen, Einhegungen und Teilungs-Traktate gemacht, Wiegen und alles wurde geschieden. Gottwalt schlief und wachte und trank als Linker, Vult als Rechter; späterhin, als beide ein wenig kriechen konnten, wurde Gottwalten, dem adeligen Sassen, das fürstliche Gebiet durch ein kleines Gitterwerkdas man bloss aus Hühner- und andern Ställen auszuheben brauchteleicht zugesperrt; und ebenso sprang der wilde Vult hinter seinem Pfahlwerk, der dadurch fast das Ansehen eines auf- und ablaufenden Leoparden im Käfig gewann.

Erst mit langer Mühe und Strenge schaffte Veronika die lächerliche Ab- und Erbsonderung ab; denn der alte Lukas hatte, wie jeder Gelehrte, eine besondere Hartnäckigkeit der Meinungen und bei aller Ehrliebe steifen Kaltsinn gegen das Lächerlichwerden.

Bald wurde deutlich, dass wissenschaftliche Fächer künftig Gottwalts Fach sein würden; ohne alle elterliche Vorliebe war leicht zu bemerken, dass er weisslokkig, dünnarmig, zartstämmig und, wenn er einen ganzen Sommer Schafhirtlein gewesen, noch schnee- und lilienweiss in solchem Grade war, dass der Vater sagte: einen Stiefel woll' er mit einem Eiweiss-Häutchen statt Pfundleder ebensogut besohlen, als den Jungen zum Bauersmann einrichten. Dabei hatte der Knabe ein so gläubiges, verschämtes, überzartes, frommes, gelehriges, träumerisches Wesen und war zugleich bis zum Lächerlichen so eckig und elastischaufspringend, dass zum Verdrusse des Vatersder sich einen Juristen nachziehen wolltejedermann im dorf, selber der Pfarrer, sagte, er müsse, wie Cäsar, der erste im dorf werden, nämlich der Pfarrer. Denn wie? – fragte manGottwalt, der blauäugige Blondin mit aschgrauem Haar und feiner Schneehautwie? dieser soll einmal ein Kriminalist werden und unter dem grossen Triumphator Carpzov dienen, welcher bloss mit seinem Federmesser, wozu er das Temisschwert ausgeschliffen, an zwanzigtausend Mann niedergehauen? So schickt ihn doch, fuhr man fort, nur versuchsweise mit einem Gerichtssiegel zu einer blassen Witwe, die mit gefalteten Händen auf dem Sessel sitzt und die schwach und leise ihre Effekten anzeigt, und lasset ihn den Auftrag, unbehindert alle ihre alten Türen und Schränke und des Mannes letzte Andenken gerichtlich zu verpetschieren, vollziehen und seht zu, ob er es kann vor Herzklopfen und Mitleiden! –

Aber der jüngere Zwilling, Vult, sagte man in froherem Tone, der schwarzhaarige, pockennarbige, stämmige Spitzbube, der sich mit dem halben dorf rauft und immer umherstreift und ein wahres tragbares téâtre aux Italiens ist, das jede Physiognomie und stimme nachspieltdieser ist ein anderer Mensch, dem gebt Akten unter den