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fragte den Wirt, ob er etwa Harnisch heisse. "Karner ist mein Name", sagte dieser. Walt zeigte ihm das Buch und sagte, er selber heisse, wie da stehe. Der Wirt fragte grob, ob er denn auch wie die vorige Seite heisse: HammelKnorrenSchwanzetc.

Jetzt wollte der Notar wieder Flügel anstatt der Pferde nehmen und fort, und vorher bezahlen, als ihn ein Bettelmann dadurch aufhielt und erfreuete, dass er sein Almosen in Naturalien eintreiben wollte und um ein Glas Bier bettelte, wahrscheinlich ein stiller Anhänger des physiokratischen Systems. Da der Mann unter dem Einkassieren der kleinen Naturalbesoldung seinen Bettelstab in eine Ecke stellte: so gab das dem Notar gelegenheit, diesen dornigen, schweren Stab in die Hand zu nehmen. Walt hob und schwang ihn mit dem besonderen Gefühl, dass er nun den Bettelstab, wovon er so oft gehört und gelesen, wirklich in Händen halte.

Zuletztda er sich es immer wärmer auseinandersetzte, wie das der letzte und dünnste Mast eines entmasteten Lebens, ein so dürrer Zweig aus keinem goldnen Christbaum, sondern aus der Klag-Eiche sei, eine Speiche aus Ixions Radwurde' er erfasset; er handelte dem Bettelmann, der vom Ernst nicht anders zu überzeugen war als durch Geld, den Stab ab, die einzige Nippe, die der Mann hatte. "Dieser Stab", sagte Walt zu sich, "soll mich wie ein Zauberstab verwandeln und besser als eine Lorenzo-Dose barmherzig machen, wenn ich je vor dem grossen Jammer meiner Mitbrüder einst wollte mit kaltem oder zerstreuetem Herzen vorübergehn; er wird mich erinnern, wie braun und welk und müde die Hand war, die ihn tragen musste."

So sagt' er strafend zu sich; und der weichherzige Mensch warf sich, ungleich den harterzigen, vor, er sei nicht weichherzig genug, indes jene sich das Gegenteil schuld geben. Er brauchte dieses Stänglein seiner fruchtbringenden Blumen nicht; aber da, wo diese Wetterstange selber wächset, auf den Schlachtfeldern und um die Lustschlösser vierzehnter Ludwige herum, die schon gleich mit Zähnen auf der Welt ankommen33, an Orten, wo die geheimen Treppen und Trongerüste aus solchem Marter-Holz gezimmert werden, in Ländern, wo der Bettelstab der allgemeine oder General-Stab ist, vielleicht durch den militärischen selber, da würde' es ein erwünschtes Legat sein, wenn jeder Bettler seinen Stab in ein eigenes StaatsHölzer-Kabinett vermachte; wenigstens ist zu glauben, wenn neben jedem Kommando-Stab und Zepter ein solcher läge, er diente als Balancierstange und schlüge vielleicht wie ein Moses-Stecken aus manchen harten Tron-Felsen weiches wasser.

Der Notar verliess sein Quartier mit dem Exulantenstab so froh als es zu erwarten war, da er den Verkäufer desselben in Erstaunen und Freudentränen gesetzt; und besonders da er über die goldne Ernte von Abenteuern hinsah, die er bloss in einem halben Tage eingeerntet. "Wahrlich es ist stark", sagt' er, "in Härmlesberg weiss man meinen Namen schon mündlichin Grünbrunn gar schriftlicheine wunderbare Flöte geht und steht mit mir einen fremden Wanderstab hab' ich desfallsGott, was kann mir nach solchen Zeichen nicht in einem ganzen langen Nachmittag passieren? Hundert Wunder! Denn es schlägt erst halb 2 Uhr." So schloss er und sah mit frohlockenden Augen in den blau-ausgewölbten Himmel hinein.

Nr. 42. Schillerspat

Das Leben

Im nächsten Flusse wusch er den Bettelstab und die hände ab, in welche er ihn vor dem Verkäufer aus Schonung frei genommen. Der erste Akt der Wohltätigkeit, den er nach dem Kaufe des Stabes verrichtete, war einer mit dem Holze selber an Flöss-Holz. Er konnte' es nicht ertragen, dass, während mitten im Strome viele Flöss-Scheite lustig und tanzend hinunterschwammen, eine Menge anderer, die nicht unbedeutender waren, sich in Ufer-Winkeln stiessen, drängten und elend einkerkerten; eine solche Zurücksetzung auf die Expektantenbank verdienten die Flöss-Scheite nicht; er nahm daher seinen Bettelstock und half so vielen hintangesetzten Scheiten durch Schieben wieder in den Zug der Wogen hinein, als neben ihm litten; denn alle Scheitesowie alle Menschenzu befördern, steht ausser dem Vermögen eines Sterblichen.

Er holte darauf einen kleinen zerlumpten Jungen ein, der barfuss in einem Paar roten Plüschhosen voll unzähliger Glatzen ging, das, von einem mann abgelegt, eine Pump- und Strumpfhose zugleich an ihm geworden war. Der Knabe hatte nichts bei sich als ein Gläschen, mit dessen Salbe er sich unaufhörlich die rotkranken Augen bestrich. Walt fragte ihm sanft seine Leidensgeschichte ab. Sie bestand nur darin, dass er von seiner Stiefmutter weggelaufen, weil sein Vater, ein Militär, von dieser weggelaufen, und dass er sich zu den Franzosen zu betteln hoffe. "Kannst du hessische Groschen brauchen?" fragte Walt, der zu seinem Schrecken zu grosses Geld bei sich fand. Der Knabe sah ihn dumm an, lächelte dann, wie über einen Spass, und sagte nichts. Walt wies ihm einen. O, sagt' er, das kenn' er wohl, sein Vater hab' ihn oft wechseln lassen. Der Notar erfuhr endlich, der Knabe sei ein Hesseund gab ihm alle vaterländische Groschen.

allmählich äusserte jetzt der Bettelstab seine feindselige Kraft, eine Wetterstange zu sein, welche Gewitter zieht. Walt konnte den Frühling des Vormittags durchaus nicht wieder zurückbringen, sondern musste den Herbst vor sich