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Herzen der stummen Nachtigallen sprach. Heisse Freudentropfen sog das dunkle Getön aus seinem von tausend Reizen überfüllten Auge. Jetzt schlugen ein paar grosse helle Tropfen aus einer warmen Flug-Wolke über ihm auf seine flache Hand heraber sah sie lange an, wie er es sonst als Kind bei Regentropfen gemacht, weil sie vom hohen fernen heiligen Himmel gekommen. Die Sonne stach auf die weisse Haut und wollte sie wegküssener küsste sie auf und sah mit unaussprechlicher Liebe nach dem warmen Himmel auf, wie ein Kind an die Mutter. Er sang nicht mehr, seitdem er hörte und weinte. Endlich stand er auf und setzte seinen Himmelsweg fort, als er einige Schritte in der Nähe einen aus der Hutschnur eines Fuhrmanns entfallenen Zollzettel auf dem Wege gewahr wurde. In der Hoffnung, dass er dem Mann vielleicht nachkomme und ihn finde, hob er das Blättchen auf; weil ihm nichts Fremdes klein, wie nichts eigenes wichtig vorkam, und weil sein poetischer Sturm leichter einen Gipfel bog als eine Blume. Wenn die leidenschaft glutverworren auffliegt wie ein brennendes Schiff: so fliegt die zarte Dichtkunst des Herzens nur auf wie eine goldne Abendrot-Taube, oder wie ein Christus, der gegen Himmel geht, weil er eben die Erde nicht vergisset.

Die Flöte floss ihm immer durch das Bette des Tales nach, ohne doch weder näherzukommen, wenn er stand, oder zurückzubleiben, wenn er lief.

Jetzt schwang sich die Landstrasse plötzlich aus dem Tale den Berg hinauf. – Die Flöte drunten wurde still, da sich oben die Weltfläche weit und breit vor ihm auftat und sich mit zahllosen Dörfern und weissen Schlössern anfüllte und mit wasserziehenden Bergen und mit gebognen Wäldern umgürtete. Er ging auf dem Bergrücken wie auf einer langen Bogen-brücke über die unten grünende Meeresfläche zu beiden Seiten hin.

Er war ganz allein und vor Ohren sicher, er pfiff frei daher figurierte Choräle, Phantasien und zuletzt alte Volksmelodien und hörte nicht einmal auf, wenn er einatmete. Gegen die natur aller andern Blasinstrumente bleibt diese Mundharmonika, wie die andere, romantisch und süss in grosser Nähekeinen halben Fuss vom Ohreund wie bei der Musik im Traum ist hier der Mensch zugleich der Instrumentenmacher, Komponist und Spieler, ohne im geringsten einen andern Lehrmeister dazu gehabt zu haben als wieder sich, den Schüler selber.

Immer betrunkner und glücklicher wurde Walt, als er auf dieser ersten Schäferpfeife, auf diesem ersten Alphorn fortblies, dem Morgenwinde entgegen, der die Töne in die Brust zurückwehte; und zuletzt wurde' ihm, als komme das verwehte Getön aus weiter Ferne her. Da er lange so ging und träumteda er von dem Bergrücken bald links in die Hirtenstücken der Wiesen hinuntersah und zu den Kirchtürmen von Altengrünvon Joditz von Talhausenvon Wilhelmslustvon Kirchenfeldaund die Jagd- und Lustschlösser erblickte, deren beide Namen allein, wie romantische Zauberworte, alte Gegenden und Paradiese der Kinderseele erscheinen liessenda er bald wieder rechts hinunterschauete auf die zweite Ebene, worin sich der gerade Fluss seines Tales, die Rosana, freigeworden, auf einem blumigen Tanzplatz schlängelte und das Silber-Schild der Sonne trug und immer zeigteund da er das Auge auf die Lindenstädter Gebürge warf, wo unter den hohen hellen Laubholzwäldern die dunklen Tannenwaldungen gleichsam nur als breite Schlagschatten zu stehen schienenund da er in den Himmel sah, worin still und leicht die Wolke und die Taube flogund da in den Wäldern des Tals die Herbstvögel schrien und in den Steinbrüchen einzelne Schüsse lang fortalleten: so schwieg er wie aus Andacht vor Gott und dachte dem, was er singen wollte, nach, als ob der Unendliche nicht auch das Denken höre; bis er mit leiser stimme den Streckvers sang und wiederholte, den er schon längst gemacht:

"O wie ist der Himmel, wie die Erde so voll freudiger Stimmen! Viel schöner als dort, wo einst der Chorus laut jammerte und nur Niobe schwieg und unter dem Schleier stand mit dem unendlichen Weh, jauchzen die Chöre im Himmel und auf Erden, und nur der Allselige ist still, und der Äter verschleiert ihn."

Darauf sah er gegen Himmel, nannte Gott zweimal du und schwieg lange; und hielt es für erlaubt, sogleich an Wina zu denken. Plötzlich kam ein altes vertrautes, aber wunderbares Mittagsgeläute aus den Fernen herüber, ein altes Tönen wie aus dem gestirnten Morgen dunkler Kindheit; siehe, meilen-tief in Westen sah er Elterlein hinter unzähligen Dörfern liegen und glaubte die alte Dorfglocke zu erkennen und Winas weisses Bergschloss, ja sogar das elterliche Haus. Er dachte voll Sehnen an seine fernen Elternan das Stilleben der Kindheitund an die sanfte Wina, die ihm, auch im Stilleben ihrer Kindheit, einst die Aurikeln in die Hand gelegtsein Auge hing an den östlichen Gebürgen im stillen Blau, hinter welche er wie hinter Klostermauern Wina als sanfte Nonne in Blumen ihres Klostergartens sinnend gehen liess. Glocken aus mehreren Dörfern tönten zusammen der Morgenwind rauschte stärkerder Himmel wurde blauer und reinerder bunte leichte Teppich des Erdenlebens breitete sich über die Gegend aus und flatterte an den Enden, und Walt wohnte, wie ein Traum, nur in der Vergangenheit.

Er sang voll Seligkeit und nannte ihren Namen nicht: "Es zieht in schöner Nacht der Sternenhimmel, es zieht das Frühlings-Rot31, es schlägt die Nachtigallund der Mensch schläft und merkt es nicht; – endlich geht sein Auge