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Seraph himmelssatt wäre oder sonst die goldnen Flügel hängen liesse, könnt' ich ihn dadurch herstellen, dass ich ihn einen monat lang auf meine springende jubelnde Kinderwelt herabschickte, und kein Engel könnt', solange er ihre Unschuld sähe, seine eigene verlieren."

Endlich rückten die Kinder, einander an den Händen zu führen befehligt, mit der Mutter aus, zur Frau Patin. Ein langer Tiroler mit grünem Hut, von welchem bunte Bänder flatterten, trat singend hinein. – Walt trank und brach auf. Schön war draussen die Welt, sogar noch in Härmlesberg. Im dorf wurde Zimmerholz mit lauten Schlägen zugehauen und, mit der roten Messschnur angeschnellet, in gerade Formen abgeteilt; – alle Kinderszenen unter dem Bauholz seines Vaters kamen mit dem Rosenhonig der Erinnerung aus den Kindheitsrosen beladen zurück. Bleicherinnen mit grossen Hüten begossen, leicht gebückt, die weissen Beete aus Flachs-Lilien. Aus dem Hut, den ein Mädchen an langen Bändern an der Hand herunterhängen liess, floh er zu den blauen, gelben Glaskugeln eines Gartens auf und wiegte sich überall.

Jetzt kam er in die lange Gasse des aus Bergen wie aus Palästen zusammengereiheten Rosana-Tals hineinEdens Gartenschlüssel wurden ihm vorn überreicht, und er sperrte es auf. "Der völlige Frühling ist da, der Orpheus der natur, sagt' ich (schreibt er), denn die Wiesen blühen jadie Dotterblumen stehen so dichtden Heu-Bergen ziehen kleine Kinder mit grossen Rechen kleine Hügel zuoben aus den Wäldern der Berge ruft die Waldlerche und die Drosseln herrlich herunterschöne Frühlingswinde ziehen durch das lange Taldie Schmetterlinge und die Mücken halten ihren Kinderball, und der Rosennachtfalter oder das Goldvögelchen sitzt still auf der Erdedie Blätter der Kirschbäume glühen rot, wie ihre Früchte, nach, und statt blasser Blüten fallen schön bemalte Blätterund im Frühling wie im Herbste zieht die Sonne am Spinnrade der Erde fliegendes Gewebe aus – – wahrhaftig es ist ein Frühling, wie ich noch selten einen gesehen."

Im hohen Äter waren zarte Streifen Silberblumen gewebt, und meilen-tief darunter zog langsam ein Wolken-Gebürge nach dem andern hin; – zwischen diese aufgebauete Kluft im Blau flog Walt und wandelte auf dem Himmelswege aus Duft leicht dahin und sah oben noch höher auf. Doch sah er auch herab ins heimliche Talsah den stillen glatten Fluss darin gleitenWälder bogen sich liebend von einem Bergrücken hinein, am andern glänzten Trauben und Weinbergshäuschen und reife Beete. Er fuhr wieder hernieder in sein langes Tal, wie auf einen Eltern Schoss.

"Wie geht es sich so schön in den Säulenhallen der natur, auf dem Grün und zwischen dem Grün, in ewiger Begleitung des unendlichen Lebens!" sang er, ohne besondere Metrik, laut hin und sah sich um, damit niemand seine Singstimme belausche. "Wallet nur hin, ihr hübschen Schmetterlinge, und geniesset die Honigwoche des kleinen Seinsohne Hunger, ohne Durst30– ein schönes Sonnenlebenein Liebesseinund die einzige kammer des Herzens ist nur eine ewige Brautkammer der Liebebeugt die Blumenlasset euch wehenspielt im Glanz und entzittert nur linde wie Blüten dem Leben."

Er sah eine Herde stummer Nachtigallen, die sich zum nächtlichen Abzug rüsteten. "Wo fliegt ihr hin, ihr süssen Frühlings-Klänge? Sucht ihr die Myrte zur Liebe, sucht ihr den Lorbeer zum Sange? Begehrt ihr ewige Blüten und goldne Sterne? So fliegt nur ohne Stürme unter unsern Wolken fort und besingt die schönsten Länder, aber fliegt dann liebesbrünstig in unsern Frühling zurück und singt dem Herzen in schmachtenden Tönen das Heimweh nach göttlichen Ländern vor.

Ihr Bäume und ihr Blumen, ihr neigt euch hin und her und möchtet noch lebendiger werden und reden und fliegen, ich liebe euch, als wär' ich eine Blume und hätte Zweige; einst werdet ihr höher leben." Und da bog er einen tief ans wasser sich neigenden Zweig gar ein wenig in die Wellen hinein.

Plötzlich hört' er in tiefer Ferne hinter sich eine Flöte durch das Tal gleichsam auf dem Strom herunterkommen, dem Wehen entgegen. Die Ferne ist die Folie der Flöte; und ihm, der mehr ihren Ton als ihren gang verstand, war keine nahe gute nur halb so lieb. Die Töne schienen nachzukommen, doch schwächer. Am Wege stand eine Steinbank, die ihn in dieser Einsamkeit schön an die Menschensorge für andere Menschen erinnerte. Er setzte sich ein wenig darauf, um gleichsam zu danken. Aber er legte sich bald ins hohe Ufer-Gras, um der guten Erde, die zugleich der Stuhl, der Tisch und das Bette der Menschen ist, näher zu sein, und regte sich wenig, um die im warmen stillen Uferwinkel spielenden Eintags-Fischchen nicht wegzuschrecken. Er liebte nicht einen und den andern Lebendigen, sondern das Leben, nicht einmal die Aussichten, sondern alles, die Wolke und den Gras-Wald der goldnen Würmchen, und er bog ihn auseinander, um ihren Aufentalt zu sehen und ihre Brotbäumchen und ihre Lustgärtchen. Er hielt lieber mit Schreiben und Dichten auf seiner Schreibtafel innen, wenn ein buntes weiches Wesen über die glatte Fläche sich wegarbeitete, als dass er es weggeschnellet oder gar erdrückt hätte. "Gott, wie könnte man ein Leben töten, das man recht angesehen, z.B. nur eine halbe Minute lang", fragt' er. Er hörte die Flöte, die gleichsam aus dem