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und daher lag dem Sohne das Reich in so romantischem Morgentau blitzend hin als irgendeine Quadratmeile von Morgenland; in allen Wandergesellen verjüngte sich ihm die väterliche Vergangenheit.

Jetzt fuhr ein Salzkärrner mit einem Pferde vor, trat ein, wusch sich in einer ganz fremden stube öffentlich und trocknete sich mit dem an einem Hirschgeweih hängenden Handtuch ab, ohne noch für einen Kreuzer verzehrt oder begehrt zu haben. Walt bewunderte den kräftigen Weltmann, ob er gleich nicht fähig gewesen wäre, sich nur unter vier Augen die seinigen zu waschen. Dennoch exerzierte erda er in etwas getrunkeneinige Wirtshaus-Freiheiten und ging in der stube wohlgemut umher, ja auf und ab.

Ob er gleich nicht imstande war, unter einer fremden Stubendecke den Hut aufzubehaltensogar unter seiner sah er ungern bedeckt aus dem Fenster aus Artigkeit –: so hatte' er doch seine Freude daran, dass andere Gäste ihren aufhatten und sonst überall von den herrlichen akademischen Freiheiten und Independenzakten der Wirtsstuben den besten Gebrauch machten, es sei, dass sie lagen oder schwiegen oder sich kratzten. Ihm schienen die Wirtsstuben ordentlich als hübsche geräumliche, aus abgebrochenen eingeäscherten Reichsstädten unversehrt herausgehobene reichsunmittelbare Diogenes-Fässer vorzukommen, als hübsche aus Maratons-Ebenen ausgestochne Grünplätze, vom Keller grünend gewässert.

Es wurde schon erwähnt, dass er auf und ab ging; aber er ging weiter unddenn das Wirtshausschild setzt' er als Achilles-Schild vor, den Weinbecher als Minervens-Helm auf- schrieb unter aller Augen ein und das andere Texteswort in seine Schreibtafel, um, wenn er allein wäre abends im Quartier, darüber zu predigen. Auch trug er ein, dass auf dem Schilde des Wirtshäuschens ein Schilderhäuschen stand.

Der Mut der Menschen wächset leicht, ist er nur herausgekeimt; – Kommende grüssten leise, Gehende laut; der Notarius dankte beiden lauter. Er war so freudig bei einem Freudenbecher, den nicht einmal sächsischer Landwein hätte wässern können. Er liebte jeden Hund, und wünschte von jedem Hund geliebt zu sein. Er knüpfte deswegen mit dem Wirtsspitzeum nur etwas für das Herz zu habenein so enges Band von Bade-Bekanntschaft und Freundschaft an, als ein Stückchen Wurstaut bei solchen Wesen sein kann. Für warmherzige Neulinge sind wohl stets die Hunde die Hundssterne, durch deren Leitung sie zur Wärme der Menschen zu gelangen suchen, sie sind sozusagen die Saufinder und Trüffelhunde tief versteckter Herzen. "Spitz, gib die Pfote", rief der Wirt in Härmlesberg. Spitz, oder der Spitzdenn der Gattungsname ist, was bei dem Menschen selten, in Deutschland und in Hasslau zugleich der persönliche, ausgenommen in Türingen, wo die Spitze Fixe heissenSpitz drückte dem Notar die Hand, soweit er wusste.

"Gebt dem Herrn auch eine Patschhand, Bestien", rief der Wirt, als drei kleine, armlange, geputzte Mädchen von einerlei Statur und Physiognomie an der Hand einer jungen schönen, aber schneeblassen Mutter hereintraten aus der Schlafkammer. "Es sind Drillinge und sollen zu ihrer Frau Patin", sagte der Wirt. Gottwalt schwört im Tagebuch, dass etwas "Allerliebsteres, Herzinniglicheres" es gar nicht gebe, als drei so liebe hübsche, niedliche Mädchen von einerlei Höhe mit ihren Schürzchen und Häubchen und runden Gesichterchen sind, wobei nur zu bedauern sei, dass es Drillinge gewesen, und nicht Fünflinge, Sechslinge, Hundertlinge. Er küsste sie alle vor der ganzen Wirtsstube kurz und wurde rot; – es war halb, als hab' er die zarte bleiche Mutter mit der Lippe angerührt; auch sind ja die guten Kinder die schönste Wesen- und Jakobsleiter zur Mutter. Dabei sind solche winzige Mädchen für Notarien, welche ohne Mut und ohne Elektrisier- und Sprachmaschine für erwachsene Mädchen dazustehen fürchten, ordentlich die schönen Ableiter und Zuleiter, geschenkte Rechenknechte für den Augenblick; – man wundert sich fröhlich und heimlich, dass man ein Ding wie ein Mädchen so dreist umhalset. Walt wurde der Kleinen später satt als sie seiner. Er war ja dem Drillingals eigner Zwillingviel verwandter als alle Gäste in der stube. Er beschenkte sie geldlich zur höchsten Freude der Mutter. dafür bekam er drei Küsse, die er lange zurücklieferte, nur bei sich betrübt, dass ein Tauschhandel solcher Artikel selber so früh dem Tausche der Zeit heimfalle. "Ei, Herr guter Harnisch!" sagte der Wirt. Walt wunderte sich über die Kenntnis seines Namens, aber nicht ohne Vergnügen, ja mit einiger Hoffnung, dass es, nach einem solchen Anfange zu urteilen, wohl noch seltsamere Avantüren zu erleben gebe. Er wollte daher lieber nicht fragen, wie und wo und wann, aus Furcht, um seine Hoffnung zu kommen.

Mit Wollust sah er zu, wie der Vater sich von den Kindern Äpfel abkaufen liess, um Walts Geld von ihnen zu habenund wie die Mutter dem ersten Drilling Brot zulangte, damit er wie der davon furchtsam eine Ziege unter dem Fenster abknuppern liesseund wie der zweite herzhaft in einen Apfel einbiss, ihn dem dritten zum Beissen hinhielt, und wie beide ihn wechselnd anbissen und reichten und jedesmal lächelten. "O wär' ich nur ein wenig allmächtig und unendlich", dachte Walt, "ich wollte mir ein besonderes Weltkügelchen schaffen und es unter die mildeste Sonne hängen, ein Weltchen, worauf ich nichts setzte als lauter dergleichen liebe Kinderlein; und die niedlichen Dinger liess' ich gar nicht wachsen, sondern ewig spielen. Ganz gewiss, wenn ein