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Stern nach dem andern verhiess einen reinen Tag.

Nr. 39. Papiernautilus

Antritt der Reise

Am Morgen sah er auf der Schwelle reisefertig noch einmal seine dunkle westliche stube an, darauf sogar in die kammer hinein und flog mit zwei liebreichen Blicken, die einen Abschied bedeuten sollten, und mit einem an den Turm, dem der Tod noch kein Schnupftuch zugeworfen, freudig auf einen leeren Platz am Tore hinaus, wo er sich überall umsehen und unter den vier Holz-Armen eines Wegzeigers bei sich festsetzen konnte, wohin er gegenwärtig gedenke, ob nach Westen, Norden, Nordosten oder Osten; aus Süden, dem Stadttor, kam er aber her.

Seine Hauptabsicht war, den Namen der Stadt gar nicht zu wissen, der er etwa unterwegs aufstiess, desgleichen der Dörfer. Durch eine solche Unwissenheit hofft' er ohne alles Ziel unter den geschlängelten Blumenbeeten der Reise umherzuschweifen und nichts zu begehren sowie zu besehen, als was er eben habe- in einem fort bei jedem Tritte anzukommensich in jedes goldgrüne Lust-Wäldchen zu betten, und ständ' es hinter ihmin jeder Ortschaft selber den Namen der Ortschaft zu erfragen und darüber sich ganz heimlich zu ergötzenund dabei, bei solchen Massregeln in einem solchen Strich Landes, der vielleicht mit Landhäusern, Irrgärten, Taranden, plauischen Gründen vorher, Bergschlössern voll heruntersehender Fräuleins-Augen, Kapellen voll aufgehobner BeterAugen und überhaupt mit Pilgern, Zufällen und Mädchen ordentlich übersäet sein konnte, in romantische Abenteuer von solcher Zahl und Güte hineinzugeraten, als er freilich nie erwarten wollen.

"Mein guter Unendlicher in deinem blauen Morgenhimmel", betete er in seiner durchdringenden Entzückung, "lasse doch die Freude dasmal nichts vorbedeuten."

Er hatte sich in acht genommen, an den Wegweiser hinaufzusehen, der wie ein Affe vier arme hatte, um nicht etwa an den abgewaschenen Armröhren einer Stelle ansichtig zu werden, von welcher die Zeit, besonders die Regenzeit, den Namen der Post-Stadt noch nicht rein weggerieben hatte. Am welt- und geistlichen Arm-Paar wär' er diese Gefahr nicht gelaufen, sondern dieses zeiget allgemeiner ins Blaue.

In Norden lag Elterlein; in Osten standen die Pestitzer oder Lindenstädter Gebürge, über welche diese Strasse nach Leipzigauch eine Lindenstadtweglief; zwischen beiden nun nahm der Notar den Weg, um die Höhen, hinter welchen die holdselige Wina jetzt rollte oder ruhte, niemals aus den Augen zu verlieren, welche bald aus Blumenkelchen, bald aus Wolken auf Gebürgen trinken wollten. -Ein Glück ist es für den gegenwärtigen Beschreiber der Reise und des Reisenden, dass Walt selber für sein und des Flötenisten Vergnügen ein so umständliches Tage- oder Sekunden-Buch seiner Reise gleichsam als ein Opferund Sublimier-Gefäss des Lebens vollgefüllt, dass ein anderer weiter nichts zu tun braucht, als den Deckel diesem Zucker- und Mutterfasse auszuschlagen und alles in sein Dintenfass einzulassen für jeden, der trinken will. Der leidende Mensch hat einen erfreueten nötigder erfreuete in der Wirklichkeit einen in der Poesie und dieser, wie Walt, verdoppelt sich wieder, wenn er sich beschreibt.

"Fast wollt' ich hoffen", so fängt Walt das Sekunden- und Tertienbuch an Vult an, "dass mein liebes Brüderlein mich nicht auslachen werde, wenn ich meine unbedeutende Reise nicht sowohl in deutsche Meilen als russische Werste abteile, welche als blosse Viertelstunden freilich sehr kurz sind, aber doch nicht zu kurz, ich meine für einen Menschen auf der Erde. So wie es nicht auszukommen wäre mit dem flüchtigen Leben, wenn man es, statt an Minuten- und Stunden-Uhren, lieber an Achttage- oder gar SäkularUhren abmässe, gleichsam einen kurzen Faden an ungeheuern Welt-Rädern: so möchte man, zumal wenn ein Reich es tut, dem es am wenigsten an Raum fehlt, das russische, dieselbe Entschuldigung haben, wenn man, da der kleine Fuss und der Schuh des Menschen sowohl sein eigenes Mass als das seiner Wege ist, für blosse Fussreisen die Werste zum Wegmesser erwählt. Die Ewigkeit ist ganz so gross als die Unermesslichkeit; wir Flüchtlinge in beiden haben daher für beide nur ein kleines Wort, Bruder: Zeit-Raum."

Als er seine erste Werste nordöstlich antrat, Winas Gebürge und die Früh-Sonne zur Rechten und mitlaufende Regenbogen in den betaueten Wiesen zur Linken: so schlug er die hände als Schellen einer morgenländischen Musik gegeneinander vor Lust und wurde so leicht und behend von sich selber dahingetragen, dass er kaum aufzutreten brauchte! Läuferschuhe und Hosensäcke der Ohnehosen geben dem Menschen, wenn er sonst lange Stiefel und kurze Hosen trug, fast Flügel. Sein Gesicht war voll Morgenluft, und ein Orient der Phantasie war in seinen Blicken gemalt. Sein sämtliches Münzkabinett oder Studentengut hatte' er eingesteckt, als Surplus- und Operationskasse, um an dieser Geld-Katze einen Schwimm-Gürtel für alle Höllen- und ParadiesesFlüsse zugleich zu haben. Er bewegte sich durch das widerstrebende Leben so frei wie der Schmetterling über ihm, der nichts braucht als eine Blume und einen zweiten Schmetterling. Der Kunststrasse, woran er einen ganzen Klumpen Reformatoren und Weg-Frotteurs stampfen und klopfen sah, ging er aus dem Wege, weil er sich nicht damit plagen wollte, entweder einen Morgengruss lang durch sie hinzuziehen, oder den nämlichen lächerlich immer von neuem zu sagen und doch wohl falsch abzusetzen. Hügelauf, talein lief er in nassen Gras-Blüten und verlor und erhielt abwechselnd die Stadt, von welcher er