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die bei Hrn. Kaufmann Cortum in Zerbst zu haben sind. Er blickte ihr mit allen Zeichen des teilnehmenden Herzens in ihre Augen voll wasser-Feuer und hätte wohl gewünscht, die Delikatesse englischer Romane verstattete ihm, ihre zarte weisse Hand in etwas zu fassen, welche vor ihm stark im besonnten Grüne gaukelte und in den Tau der Gebüsche fuhr und darauf ins Haar, um es damit nach der Vorschrift eines Engländers wie andere Gewächse zu stärken.

Beide stellten sich jetztder Pyramide und dem steinernen Grossvater auf der Insel gegenüberan eine Urne aus Baumrinde. Raphaela hatte eine Lesetafel mit der Inschrift: "Bis daher dauere die Freundschaft" darangemacht. Sie schlang den Arm aufwärts um die Urne, so dass er immer schneeweisser wurde durch Bluts-Verhalt, und versicherte, hier denke sie oft an ihre ferne Wina von Zablocki, die ihr leider jährlich zweimal, durch die Michaelis- und die Ostermesse, nach Leipzig vom Generale entführet werde, seinem Vertrage mit der Mutter zufolge. Ohne ihr Wissen war ihr Ton durch langes Beschreiben der Schmerzen ganz munter geworden. Walt lobte sehr ihre Freundschaft und ihreFreundin. Sie erhob die Freundin noch gewaltiger als er. Da konnte' er nicht länger mit dem anschwellenden Herzen bleiben. Mit Zurückberufung des alten Klagetons und einem Trauerblick gegen den Turm schied sie von dem Jüngling.

In diesem aber wurde ein Flug von Dämmerungsvögeln um seine Ideen so zu nennenwach und flog ihm 36 Stunden lange dermassen um seinen Kopf, dass er ihnen nicht anders zu entkommen wusste als zu Fuss, durch eine Reise. Winas lebendigeres Bilddie September-Sonne, die aus blauem Äter branntemögliches Reisegeldund ein ganzes wünschendes Herz, das alles auf der einen Seiteund auf der andern und schlimmen Dr. Huts lautes Bedauern und RezeptierenFlittes laute AgonienHeerings peinliches Schnupf- oder Bahrtuch, das jede Minute flattern konnteWalts versäumte poetische Sing-Stunden (denn was war in solcher Krisis zu dichten?) viele gesperrte Träumeund endlich 36 innere Fecht-Stunden dazu – – so viel und nicht weniger musste sich ineinanderhaken, damit Walt, weils nicht mehr auszuhalten war, keine weitere Umstände machte, sondern zwei nötige Gänge, den ersten zu den TestamentsVollstreckern, um den dritten langen anzusagen als Notariats-Pause; und darauf den zweiten zum Flötenspieler, um ihm hundert Anlässe zur Reise und die Reise zu melden.

Beide Brüder freuten sich wochenlang auf alles, was jeder nun dem andern Geschichtliches werde zu erzählen haben, wenn er wochenlang weggewesen; jetzt war Walt der Geber. Vult hatte sich über viel zu wundern. Sehr schwer fiel es ihm, die juristische Regel, dass Worte eines Sterbenden Eiden gleich gelten wie die eines Quäkers, auf den prahlenden Flitte anzuwenden; indes blieb ihm die Angel verdeckt, um welche sich die ganze Täuschung drehte. "Mir ist", sagt' er, "als hätten die Narren dich zumWeisen; ich weiss aber nicht wo. Um Gottes willen, junger Mensch, sei eine Kutsche (folge einem ältern) und habe hinten dein rundes Fensterchen, damit kein Dieb dir Geld abschneidet oder Ehre."

"Ich habe leider nichts zu erzählen", sagte Vult.

Aber der Notar konnte zum Glück noch viel mitteilen. Er erzählte chronologischdenn Vult gebots, weil jener sonst alles ausliessund mit höchster Behutsamkeitdenn Walt kannte dessen unmetrische Härten gegen WeiberRaphaelens Gespräch. Allein es half wenig; er hasste alles Neupetersche und besonders das weibliche. "Raphaela", sagt' er, "ist lauter Lug und Trug." – "Und einer so armen Hässlichen", versetzte Walt, "könnt' ich einen vergeben, obgleich weder mir noch einer noch einem Geliebten." – "Sie will nur, das mein' ich", fuhr Vult fort, "sich auf ihre innere Brust brüsten, und während ein Liebhaber auslöscht, einen Sukzessor im trüben Tränenwasser erfischen. Ein Weib ist ein weiblicher Reim, der sich auf zwei Laute reimt; ein männlicher auf einen. Es ist nicht viel besser, Alter, als wenn sie als Falkenier zu dir Falken sagte und sich als Taube dir vorwürfe: rupf an, Männchen!"

"Die Möglichkeit solcher Täuschungen", sagte Walt, "sehe' ich wohl auch voraus, und dein Argwohn ist mir oft nichts Neues; aber über die Wirklichkeit in jedem Falle, darüber ist der Skrupel. Und Liebe kann ja ebensowohl stimmen als Hass verstimmen. Ist Raphaelens Freude über mein Lob auf ihre Freundin kein schönes Zeichen?" – "Nein", sagte Vult. "Nur eine Schönheit ist an ausschliessende Grade des Lobes und Feuers verwöhnt und hasset jede Unvollständigkeit und Teilung der fremden Empfindung; aber eine untergeordnete Gestalt ist genötigt zur Zufriedenheit mit mittlern Stufen und vergibt manches, ausgenommen manches."

Walt hatte nichts weiter zu berichten als seinen Plan, den reinen Himmel zu atmen auf einigen Tagreisen, wo er auf nichts ausgehe als auf den Weg. Vult genehmigte ihn stark. Jener wollte sehr scheiden; aber der Flötenspieler, durch Reisen der Abschiedsabende gewohnt, machte nicht viel Wesens, sondern sagte lustig: "Fahre dahin, fahre daher, gute Nacht, glückliche Reise."

Die schönsten Reise-Winke standen am Himmel. Glänzendscharf durchschnitt die Mondsichel der Abendblumen das Blau; frische Morgenluft strich schon über dunkelroten Wolken-Beeten am Himmel; und ein