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und auf der Stelle. Hier fiel ihm das Versprechen des Türmers ein, ein weisses Schnupftuch als Trauerflagge am Turme auszustekken, wenn der junge Mensch verschieden wäre. Da er aber droben keines fand und doch darüber einige Freude verspürte: so entliess er das arme verhörte Herz und war ordentlich auf sich ärgerlich, ohne Not dem ehrlichen guten Schelm so zugesetzt zu haben.

Er hätt' aber nur diesen Schelm fragen sollen, wie ihn bei zehnmal grösserer Erbschaft z.B. der Tod des Bruders gestimmt haben würde: so würde' er, wenn er gefunden hätte, dass dann die Last viel zu schwer, der Kopf zu gebeugt gewesen wäre, um nur etwas anderes zu sehen als das Grab und den Verlust, leicht den Schluss gezogen haben, dass nur die Liebe den Schmerz erschaffe, und dass er vergeblich einen zu grossen bei einer zu kleinen für den Elsasser von sich gefordert.

Jetzt sah er ein weisses Schnupftuch, aber nicht am Turm, sondern an Raphaelen, die im Parke traurig lustwandelte, und welcher die modische Taschenlosigkeit das Glück gewährte, diesen Schminklappen des Gefühls, diese Flughaut der Phantasie in der Hand zu haben. Sie sah oft nach dem Turme, einigemal an sein Fenster, grüsst' ihn mitten im Schmerz; ja als wenn sie ihm winke, hinunterzukommen, kam es ihm vor, aber nicht glaublich genug, weil er aus englischen Romanen wusste, wie weit weibliche Zarteit gehe. Indes kam Flora und bat ihn wirklich hinab.

Er ging zur Bewegten als ein Bewegter. "Ich denke mir leicht", dachte' er sich auf der Treppe, "wie ihr ist, wenn sie an den Stadtturm sieht und droben den einzigen Menschen bald aufgebahret glauben muss, der nur durch eine herzlichste Liebe, wie eine mütterliche gegen ein missgeschaffnes Kind, den Eindruck ihrer Widrigkeit schön überwand." – "Verzeihen Sie meinen Schritt", fing sie stockend an und nahm das Schnupftuch, diese Schürze eines trocknen Herzens, von den feuchten Augen weg, "wenn er Ihnen mit der Delikatesse, die mein Geschlecht gegen Ihres behaupten muss, sollte zu streiten scheinen."

Schade oder ein Glück war es, dass sie gerade diese Phrasis nicht dem hastigen Quoddeus Vult sagte; denn da es schwerlich in Europa oder in Paris oder Berlin einen Mann gab, der es in dem Grade so verfluchteund errietals er, wenn eine Frau bestimmt auf ihr Geschlecht und auf das fremde und auf die nötigen Zarteiten zwischen beiden hinwies und es häufig anmerkte, wie da mancher Handkuss sie eine unreine Seele erraten lasse, dort mancher wilde blick, und wie das zärtere Geschlecht sich gar nicht genug decken könne: so würde der Flötenspieler ohne Umstände geäussert haben: eine freimütige H- sei eine kecke Heilige gegen solche Abgründe feiger und eitler Sinnlichkeit zugleicher kenne dergleichen Herzen, welche das Schlimme argwohnen, um nur es ungestraft zu denken, die es wörtlich bekriegen, um es länger festzuhaltenja manche sehen sich wohl gar in der Arzneikunde ein wenig um, damit sie im Namen der Wissenschaft (diese habe kein Geschlecht) ein unschuldiges Wort reden könnenund lagern sich vor dem Altar und überall wie Friedrich II. so schlachtfertig, en ordre de bataille, wie auf dem Sofa. – "Wahrlich", setzt' er dazu, "sie gehen ins leibliche oder ins geistige Zergliederungshaus, um die Leichen zusehen. 'Unschuld, nur wenn du dich nicht kennst, wie die kindliche, dann bist du eine; aber dein Bewusstsein ist dein Tod.'"

So scheint, gleichnisweise, zermalmtes Glas ganz weiss, aber ganzes ist beinahe gar unsichtbar.

So dachte aber nicht Walt: sondern als Raphaela an ihn die obige Anrede gehalten, gab er die aufrichtige Antwort, dass er nicht einmal bei seinem eignen Geschlechte, geschweige bei dem heiligsten, das er kenne, irgendeinen Schritt anders auslege, als das fremde Herz begehre.

Indes hatte sie ihn weiter nichts zu fragen als: wie der Sterbendedem sie als einem Freunde ihres Vaters wohl gewollet, wie allen Menschen, und den sie sehr bedauertsich in der Nacht bei seinem Letzten Willen (wovon durch die sieben Zeugen als durch sieben Tore ebenso viele Brote hinlänglicher Nachrichten der Stadt herausgereicht waren) sich benommen habe, was sie gern zu wissen wünsche, da ein Sterbender ein höheres Wort sei als ein Lebender.

Der Notar antwortete gewissenhaft, das heisst als ein Notar, und sagte, er hoffe, nach dem Schnupftuch zu schliessen, er sei noch lebendig. Sie berichtete, dass der Dr. Hut, der gerufen worden, ihn zwar angenommen, aber als einen verlornen Menschen, und sie wünschte dem Doktor, mit ihrem weichen Leumund, keine unglückliche Kur.

"Das ist doch schon was, und die überlebte Nacht dazu", versetzte Walt ganz wohlgemut. Aber sie versicherte, sie tröste sich leider nicht so leicht und sie sei überhaupt so unglücklich, dass das fremde Leiden, auch das kleinste ihrer Verwandten, sie heftig angreife und sie Tränen koste. Sie brach in einige aus; sie wurde von sich so leicht als von andern schwer gerührt. Auch ist das Sprechen vom Weinen bei Weibern ein Mittel zum Weinen.

Der Notar war seelenvergnügt über alle die Rührungen, die er teils sah, teils teilte. liebes FrauenWeinen war ihm eine so seltene Kost als langer grüner Ungar, Nierensteiner Hammelhoden, Wormser Liebefrauen-Milch oder andere Weine,