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in der Stadt zu fodern hatte.

Er musste innenhalten, um einige Kräfte zu schöpfen. "Auch vermach' ich dem Hrn. Notar Harnisch", hob er mit schwacher stimme wieder an, "für das Vergnügen, ihn zu kennen, alles, was sich teils an Barschaft, teils an Wechseln nach meinem tod bei mir vorfinden mag, und was sich gegenwärtig nicht über 20 Friedrichsd'or belaufen wird, daher ich ihn bitte, vorlieb zu nehmen, und meinen goldnen Fingerring noch beifüge."

Walt konnte kaum die Feder führen; und wollt' es auch nicht mehr; denn er errötete vor so vielen Zeugen und von einem sterbenden Menschen, dem er nichts vergelten konnte, so ansehnlich beschenkt zu werden; er stand auf, drückte stumm vor Mitleiden und Liebe die gebende Hand und sagte nein und bat ihn, doch einen Arzt zu wählen.

"Dem Hrn. Stadttürmer Heering" – wollte Flitte fortfahren, sank aber, geschwächt durch Sprechen, aufs Kissen zurück. Heering sprang herbei, lockerte die Kissen besser auf und setzte den Patienten ein wenig in die Höhe. Es schlug 12 Uhr; und Heering sollte nachschlagen; aber er wollte in einen solchen Aktus nicht hämmern auf der Glocke, sondern erhielt Stille, damit man den Testierer fortöre: "ihn also bedenk' ich mit meinem feinen weissen Zeuge, desgleichen mit allen meinen Kleidernnur die Reitstiefel gehören der Magdund allem, was noch von einer reichbesetzten Tabatiere in meinem Koffer übrigbleibt, wenn man davon Leichen- und andere Kosten bestritten hat."

Bald nach einigen Legaten und nach den Formalitäten, die den letzten Willen eines Menschen noch mehr erschweren als den schlimmsten vorher, war alles abgetan. Noch drang der sichtbar mehr ermattende Elsasser darauf, dass der Notar jetzt alle seine Effekten mit dem Notariatsspiegel zupetschiere. Er tats, da ihm alle Promptuarien, sowohl von Hommel als Müller, dafür bürgten, dass er es könne.

Es war ihm bitter, von dem armen lustigen Vogelder ihm Federn und goldne Eier zurückliesszu scheiden und ihn schon in den Krallen der rupfenden Todes-Eule um sich schlagen zu sehen. Heering leuchtete ihm und sämtlichen Zeugen herab. "Mir wills schwanen", sagte der Türmer, "dass er die Nacht nicht übersteht, ich habe meine kuriosen Zeichen. Ich hänge aber morgen früh mein Schnupftuch aus dem Turme, wenn er wirklich abgefahren ist." Schauerlich trat man die langen Treppenleitern durch die leeren dumpfen Turm-Geklüfte, worin nichts war als eine Treppe, herunter. Der langsame eiserne Perpendikelschlag, gleichsam das Hin- und Hermähen der an die Uhr gehangenen Eisen-Sense der Zeitdas äussere Windstossen an den Turm das einsame Gepolter der neun lebendigen Menschendie seltsamen Beleuchtungen, die die getragene Laterne durch die oberste Empore hinunter in die Stuhlreihen flattern liess, in deren jeder ein gelber Toter andächtig sitzen konnte, sowie auf der Kanzel einer stehenund die Erwartung, dass bei jedem Tritte Flitte verscheiden und als bleicher Schein durch die Kirche fliegen könne, – – das alles jagte wie ein banger Traum den Notar im düstern land der Schatten und Schrecken umher, dass er ordentlich von Toten auferstand, als er aus dem schmalen Turme unter den offnen Sternenhimmel hinaustrat, wo droben Auge an Auge, Leben an Leben funkelte und die Welt weiter machte.

Flachs, als Geistlicher von den vier letzten Dingen mehr lebend als ergriffen, sagte zu Walt: "Sie haben Glück bei Testamenten." Aber dieser bezog es auf seinen Stil und Stand, er dachte an nichts als an das närrische hüpfende Lebens-Karnaval, wo der zu ernstafte Tod am Schlusse den Tänzern nicht nur die Larven abzieht, auch die Gesichter. Im Bette betete er herzlich für den jetzt kämpfenden Jüngling um einige Abendröte oder Frühlingsstrahlen in der wolkigen Stunde, welche auf jeden Menschen wie ein unendlicher Wolkenhimmel plötzlich oben herunterfällt und ihn zugehüllt auflöset. Er drückte dabei fest die Augen zu, um über nichts Zufälliges etwa zusammenzuschaudern.

Nr. 38. Marienglas

Raphaela

Als Gottwalt erwachte, hatte' er anfangs alles vergessen, und die Abendberge vor seinem Bettfenster standen so rot im Morgenschein, dass sein Wunsch der Reise wiederkamdarauf der Einwurf der Armutendlich der Gedanke, dass er aber ja über 20 Louisd'or gebiete. Da sah er nach dem Stadtturm, worauf als einem castrum doloris nun der verstorbne Flitte liegen konnte, und wollte traurig aufblicken.

Aber sein Gesicht blieb aufgeheitert, so mitleidig er auch die Augen aufzog; die romantische Reise in solchen blauen Tagen in solchen Verhältnissenso plötzlich geschenktdas war ihm ein Durchgang durch die helleste Glückssonne, wo es Licht stäubt und man sich ganz mit Flimmern überlegt.

Ganz verdrüsslich zuletzt darüber, dass er nicht traurig werden wollte, fuhr er ohne Gebet aus den Federn und hörte sein Herz ab. Er mochte aber fragen und zanken, solang' er wollte, und dem Herzen den blassen jungen Leichnam auf dem Turme hinhalten und dessen zugedrückte Augen, die mit keiner Morgensonne mehr aufgingen: es half gar nichts, die Reise und mitin die Reisegelder behielten ihren Goldglanz, und das Herz sah sehr gern hinein. Endlich fragt' er aufgebracht, ob es denn, wie er sehe, des Teufels lebendig sei, und ob es, wenn es könnte, etwa den armen Testator nicht sogleich und mit Freuden rettete und aufbrächte? Man besänftigte ihn ein wenig durch die Antwort: mit Freuden