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wenig oder keine Haare zu Berge; als aber der Seher sagte: "Irgendein Geister-Schatte in der leeren stube hat Ihren Schlafrock an und spielt Sie nach und legt sich in Ihr Bette" – so überlief es ihn sehr kalt. "Das war etwas Gegenwart von Ihnen", sagte der Virtuose; "nun einige wenige Vergangenheit, und dann soviel Zukunft, als man braucht, um zu sehen, ob Sie etwa die diesjährige Leiche werden."

Umsonst stellte ihm der Kandidat das Unmoralische der Rück- und Vor-Seherei entgegen; er versetzte, er halte sich ganz an die Geister, die es ausbaden möchten, und fing schon an, im Prisma zu sehen, dass der Kandidat als junger Mensch eine FrühpredigersStelle und eine Ehe ausschlug, bloss aus 11000 Gewissensskrupeln.

Der Wirt sagte dem gepeinigten Schulmann etwas ins Ohr, wovon das Wort Schlägerei vorklang. Schomaker, der noch mehr seine Zukunft als seine Vergangenheit zu hören mied, schlug auf moralische Unkosten der Geister den Ausweg vor, er wolle selber lieber die geschichte der jetzt durch Vermächtnisse so interessanten Harnischischen Familie geben; Hr. v. d. Harnisch möge dabei ins Prisma sehen und ihm einhelfen.

Das hatte der quälende Virtuose gewollt. Beide arbeiteten nun miteinander eine kurze Vor-geschichte des Testaments-Helden aus, welche man um so lieber im Vogtländischen Marmor mit mäusefahlen Aderndenn so heisst die folgende Nummerfinden wird, da sich nach so vielen Druckbogen wohl jeder sehnt, auf den Helden näher zu stossen, wär's auch nur im Hintergrunde. Der Verfasser wird dabei die Pflicht beobachten, beide Eutrope zu verschmelzen zu einem Livius und diesen noch dadurch auszuglätten, dass er ihm Patavinitäten ausstreicht und etwas Glanzstil an.

Nr. 5. Vogtländischer Marmor mit mäusefahlen

Adern

Vorgeschichte

Der Schulteiss Harnischder Vater des Universalerbenhatte sich in seiner Jugend schon zum Maurergesellen aufgeschwungen und wäre bei seinen Anlagen zu Matematik und Stubensitzendenn er las Sonntage lang draussen im Reicheweit gekommen, hätt' er sich nicht an einem frohen Marientage in einem wirtshaus in das Fliegenglas der Werber zu tief verflogen, in die Flasche. Vergeblich wollt' er am andern Morgen aus dem engen Hals wieder heraus; sie hatten ihn fest und darin. Er war unschlüssig, sollt er hinausschleichen und sich in der Küche die Vorderzähne ausschlagen, um keine für die Patronen zum Regimente zu bringen, oder sollt' er lieberdenn es konnte' ihn doch die Artillerie als Stückknecht fassenvor den Fenstern des Werb- und Wirtshauses einen Dachsschliefer niedermachen, um unehrlich zu werden und dadurch nach damaliger Sitte kantonfrei. Er zog die Unehrlichkeit und das Gebiss vor. Allein der erlegte Dachs machte ihn zwar aus den Werber-Händen los, aber er biss ihn wie ein Zerberus aus seiner Gewerkschaft aus.

"Nu, nu", sagte Lukas in seinen Land-Bildern, "lieber einen Schlitz in dem Sumpf aufgerissen als einen in der Wade zugenäht." – So sehr floh er, wie ein Gelehrter, den Wehrstand.

Damals starb sein Vater, auch Schulteiss; er kam nach haus und war der Erbe des Hauses wie der Kronerbe des Amts; obwohl seine Krongüter in KronSchulden bestanden. In kurzem vermehrte er diese Krongüter beträchtlich. Er warf sich mit Leib und Seele auf das Jusversass seine kanonischen Stunden an angeborgten Akten und gekauften Büchern, teilte auf alle Seiten umsonst responsa aus, ganze Bogen und Tage langjeden Schulzen-Aktus berichtete er schriftlich und konzipierte und mundierte das Schreiben mit schöner gebrochener Fraktur und schiefer Kurrent, wobei er es noch für sich selber kopierteschaute als Schulz überall nach, lief überall hin und regierte den ganzen Tag. Durch alles dieses blühte wenigstens das Dorf mehr als seine Äcker und Wiesen, und das Amt lebte von ihm, nicht er vom amt. Er konnte gleich den besten Städtern, die ein gutes Haus machen, sich nun, wie die Sorbonne, als das ärmste unterschreiben (pauperrima domus). Alle verständige Elterleiner traten darin einander bei, dass er ohne sein hantierendes Weibeine gesunde Vernunft in corpore –, das an einem Morgen für Vieh und Menschen kochte, grasete, mähte, längst mit dem Schulzenzepter in der einen Hand und mit dem Bettelstabe in der andern hätte von seinem regierenden Haus und Hof ziehen müssen, wovon er eigentlich nur der Pächter seiner Gläubiger war.

Nur eine Arzenei gabs für ihn, nämlich den Entschluss, das Haus und dadurch die Schulteisserei wegzugeben. Aber er liess sich ebensogerne köpfen, als er diese Arzenei nur roch oder einnahm, einen Gifttrunk seiner ganzen Zukunft.

Erstlich war die Dorfschulzenschaft seit undenklichen zeiten bei seiner Familie gewesen, wie die Regentengeschichte derselben beweiset; sein Jus und Herz hing daran, ja seine ewige Seligkeit, weil er wusste, dass im ganzen dorf kein so guter Jurist für diesen Posten zu finden war als er, wiewohl Sachverständige erklärten, es werde zu diesem Posten nicht mehr gefordert als zu einem römischen Kaiser nach der Goldnen Bulle1, nämlich ein gerechter, guter und brauchbarer Mann. Sein Haus anlangend, so trat vollends folgender frappanter Jammer ein.

Elterlein war zweiherrig: am rechten Bachufer lagen die Lehnmänner des Fürsten, am linken die Einsassen des Edelmanus; wiewohl sie einander im gemeinen Leben nur schlecht die Rechten und die Linken hiessen. Nun lief nach allen Flurbüchern und Grenzrezessen in alten zeiten die Demarkationslinie, der Bach, dicht an des Schulzen haus vorbei. nachher veränderte