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immer fester an mich zu ketten, und auch ich glaubte Neigung für ihn zu fühlen, – vielleicht nur, weil Du mir gesagt hattest, dass Du es wünschtest. Aber diese Neigung erfüllte mein Herz nicht so sehr, dass darinnen nicht tausend Phantasieen noch Raum gefunden hätten. Es war mir süss, wenn ich an die Zukunft dachte, wie Kinder bei halbgeschlossnen Augen, eine Menge rosiger, goldner, verworrner Gestalten vor mir hinschweben zu sehen. Ich konnte mir das Leben unmöglich wie einen geraden, offnen Weg denken, wo man schon beim Eintritt das Ende übersehen kann; vielmehr liebte ich mir einen, verschlungenen seltsamen Pfad voll romantischer Stellen und wechselnden Lichts zu träumen. Unser Freund, das wusste ich, war für diese Ideen nicht gestimmt, sie betrübten ihn sogar und verursachten manches Missverständniss zwischen uns; demohngeachtet blieb er der einzige Gegenstand meiner jugendlichen anhänglichkeit. – Jetzt kam Albret in unsre Stadt. Sein erster Anblick machte einen tiefen aber unangenehmen Eindruck auf mich. Zwar konnte er, obgleich nicht mehr jung, mit allem Recht auf den Namen eines schönen Mannes Anspruch machen, aber in seinen Zügen war etwas so zerstörtes, gewaltsames, willkührliches, das allen den sanften fröhlichen Bildern, die ich mir von Liebe und Lebensgenuss gezeichnet hatte, grausam Hohn zu sprechen schien. Mein Vater hatte viel Geschäfte für ihn zu besorgen, er sagte mir, dass er ihn schon ehedem, auf Reisen an verschiednen Orten kennen gelernt hätte, und hegte von seinem Charakter eine eben so hohe Meinung, wie von seinen Reichtümern. Ich sah ihn oft, und lernte ihn nie kennen; denn er hatte in seinem Wesen etwas so entfernendes, willkührliches und planmässiges, dass es mir nicht möglich war, etwas anders, als dass er unergründlich sei, von ihm zu wissen. Indessen übte die Reife seiner Urteile, und die Sicherheit, der Gleichmut seines Betragens über meinen Verstand eine stille Gewalt aus, ohne dass die Kluft, welche die Verschiedenheit unserer Gefühle zwischen uns legte, dadurch ausgefüllt worden wäre. – In jener Zeit sah ich meinen Vater von einer, mir unbekannten Unruhe gequält; sein Betragen gegen mich ward weicher und zärtlicher als je, und wenn er mich betrachtete, traten ihm oft die Tränen in die Augen. Einst kam er zu mirich sehe es noch, wie er vor mir standdie ganze ehrwürdige, alternde Gestalt, Ausdruck des Kummers, und der schöne Zug reiner Güte in seinem Gesicht, mit Rührung und Unruhe vermischt. – "Mein Kind, sagte er, Unglücksfälle haben unser kleines Glück vernichtet; mein Vermögen ist verlohren, und auch selbst dies kleine Eigentum, worin wir bis jetzt frei und zufrieden lebten, müssen wir verlassen. Ich zittre nicht für die wenigen Tage, die ich noch zu durchleben habe, aber dein Schicksal bricht mir das Herz. Die Umstände vergönnten mir nicht, dir eine Erziehung zu geben, welche die, in dir vielleicht schlummernden Talente hätte gehörig entwickeln können, damit du jetzt in ihrer Ausbildung Mittel zu einem leichten und anständigen Unterhalt finden möchtest. Aber du lebtest bis jetzt in freien, sorgenlosen Verhältnissen, und dein eigenes Wesen ist mehr für Freiheit als Dienstschaft gemacht; du giebst lieber als du empfängst, und du kannst nur glücklich sein, wenn es in deiner Macht steht, glücklich zu machen. Was sollen dir diese Eigenschaften, die dein Schmuck sein würden, wenn du reich wärest, in deiner nunmehrigen Lage? wie wirst du, armes Kind, nun die Dienstbarkeit, das Eingeschränkte, Kümmerliche ertragen können?" – Ich war betroffen, denn ich hatte, leichtgesinnt wie eine freie, unverkümmerte Jugend immer ist, nie an die Quellen meines sorgenfreien Lebens und also auch nie an ihre Versiechung gedacht, und fühlte jetzt mit Erröten, dass ich wirklich sogleich kein Mittel wusste, die sorge für meine Erhaltung selbst zu übernehmen. Indessen kam mir das alles nicht so grausend vor, wie meinem Vater, und tröstend sagte ich ihm: Nein! bester Vater, wir werden nicht ganz unglücklich sein! es werden mir Mittel einfallen, ich werde Aussichten finden – – Es hat sich eine gefunden, sprach er wieder, und wenn es dir möglich ist, dieser zu folgen, so bittet dich dein Vater, tue es! Albret verlangt deine Hand; er wird dir ein heitres, genussvolles Leben, deinem Vater ein sichres, sorgenfreies Auskommen verschaffen. Du wirst von Einem Menschen abhängen, aber in übrigen frei sein. Bedenke, wie selten Liebe allein eine ehliche Verbindung schliesst, wie selten vorzüglich ein Weib in ihrer abhängigen Lage darauf Anspruch machen kann! bedenke, dass du Bedürfnisse und Wünsche hast, welche ein freies, nicht von ängstlichen Sorgen bekümmertes Leben verlangen, und dass jene Freiheit, welche uns in den Stand setzt, den äussern Verhältnissen, mehr und mehr eine selbstbeliebige Form zu geben, am leichtesten durch Reichtum erreicht wird. Ich verlasse dich jetzt; aber Albret verlangt schnelle und entscheidende Antwort; bedenke dass die Ruhe deines Vaters davon abhängt.

Und so, Juliedenn mein Herz wiederstand dem bittenden Vater nicht, und ich hielt es für verdienstlich das dunkle, traurige Gesicht zu überwinden, welches mich von dieser Verbindung zurückzuziehen schienward ich in wenig Tagen Albrets Gattin, denn er verlangte die schnelle Vollziehung unsrer Verbindung mit einem Eifer, den ich für wahre herzliche Liebe zu mir nahm. – Ach! dies war es nicht! ganz andre Wünsche, andre Zwecke fesselten ihn