O! es liegt eine Seeligkeit darinnen, sich getäuscht zu haben, wenn uns die Wahrheit in solchen reinen Formen erscheint!
Sie erstaunen, Amanda! und wissen nicht, ob ich in frommer Begeisterung oder in verworrenen Träumen spreche, aber ich bin noch nicht am Ende.
Denken Sie sich das Bild der Geliebten, in der Seele eines innigen, unverdorbenen Jünglings; denken Sie es sich in aller Bezauberung einer ungetrübten Phantasie, in der Unschuld und Liebe des ersten, aufkeimenden Seelengefühls – denken Sie sich dann dies Bild durch Missverständnisse, durch den Nebel unglücklicher Verhältnisse, getrübt und entstellt; lassen Sie es so, als eine Schreckensgestalt, eine Zeitlang die edelsten Ahndungen und Kräfte des Jünglings zerstöhren – und auch, durch Zeit und Anstrengung von diesem Zustande geheilt, ihm immerfort wie eine dunkle Wolke, seine heitersten Pläne und Empfindungen trüben – – und nun zerreissen Sie auf einmal den Nebel, durchblitzen Sie die Finsterniss, dass er die holde Gestalt in ihrer vorigen klarheit und Schöne wieder erkennt; – so haben Sie mein Gefühl der Auferstehung, meine Seeligkeit im Wiederfinden der Wahrheit, Sie haben den Schlüssel zu diesem Allen, in – meiner Bekanntschaft mit Antonio!
Ja! Amanda! er ist es, der Dich mir wieder gegeben hat, und mit Dir, Jugend, Glauben und Liebe! – Ja, als er mir alles, was er von Dir wusste, einfach und ehrlich gesagt hatte, und nun Dein Bild, rein wie die Gestalt der Madonna vor Raphäls Geist, wieder vor mir stand, da ward es mir so heilig in der Seele, und das leise Ahnden einer unsichtbaren Macht erfüllte mich mit Schauer. Wieder, wie eh'mals belebt mich jenes Vertrauen, jene Liebe, die uns über die Erde erheben. So folgte ich mechanisch einer Menge Menschen, die sich in einer Kirche versammelten, wo das fest eines Heiligen gefeiert ward. Des Tempels majestätischer Bau, die Musik, das grosse Schauspiel eines zahlreichen, in Andacht versunknen volkes, alles dies musste mich nur noch mehr beflügeln; mein Herz vereinigte sich mit der Rührung der Andern, ich fühlte die Gegenwart himmlischer Mächte, und die Liebe machte mich zum innigsten, glaubensvollsten Beter, unter der ganzen hier versammelten Menge.
O! Amanda! ich eile, ich fliege zu Dir! Fühlst Du noch Liebe für mich, so lass uns vereint in dies Land zurückkehren, hier wollen wir leben, und eine glühende Gegenwart soll das Andenken einer kalten Vergangenheit auf ewig aus unsrer Seele vertilgen!
Siebzehnter Brief
Eduard an Barton
Nein! sie ist mit Nichts zu vergleichen, die Gewalt der Liebe! – Wohl ist das eine Gotteit zu nennen, was alles um und in uns in einem Augenblick verändern, dem wüsten, kalten Leben einen heitern, glühenden Sinn geben kann! – Und nun will ich ihr auch ewig ergeben bleiben, ewig ihr ehrfurchtsvoll huldigen, der Göttlichen, der Herzerhebenden!
Was geschehen ist, fragst Du erstaunt? – Nichts! – Nichts und doch Alles; denn fühl' ich nicht, wie Alles um mich her verändert ist, wie die Bäume und die Blumen wieder, wie ehedem vor meinem blick in freudigen Tänzen sich bewegen, wie ich in dem Leben der Menschen, geschichte und Zusammenhang sehe, und überall mir wieder Licht und Ordnung erscheint! –
Ach! diese schöne Begeisterung war so fern, so fern von mir versunken, und es schien mir ganz unmöglich, jemahls wieder diese Höhe des Gefühls zu erreichen! So vieles Irrdische, tote, hielt mich lange, dicht umfangen; ich war oft ganz darinnen vergraben, und sah nun überall keinen Ausweg, keinen Zweck, keinen Geist! – Schon hatte ich alles aufgegeben, und nun! – steh' ich nicht mit einemmal wieder auf jenen heitern Höhen der Begeisterung, und betrachte von da die Welt, die mir nun lauter liebliche oder rührende Bilder zeigt, und woraus alles Harte, Verworrene, Gemeine verschwunden ist? Fühl' ich mich nicht empor gehoben wie eh'mals, über die Menge, die sich da unten um taube Nüsse zerquält; und hasst, und liebt nicht mein frömmer gewordnes Herz die Menschen inniger, je mehr ich sie übersehe? – Und wenn ich Dir alles erzähle, so wirst Du vielleicht lächeln, und wohl viele würden es. Auch kann ich mich recht gut in Deine Ansicht versetzen, aber dann bitte ich Dich, das einzige zu bedenken, was Dir alles ehrwürdig machen wird, nämlich, dass alles, was ich empfinde, unwillkührliche, tief aus dem Herzen hervorquellende Wahrheit ist. Seit einiger Zeit, hatte ich die Bekanntschaft eines Fremden gemacht, der, gleich mir, auch erst seit Kurzem aus Deutschland, ob gleich aus einer ganz andern Gegend hier angekommen war. Wir waren bei Betrachtung der Kunstwerke in den Pallästen des Grossherzogs öfterer zusammengetroffen, und hier, wo unser Sinn von den Eindrücken des Schönen eröffnet war, hatte sich eine schnelle Bekanntschaft zwischen uns entsponnen, die mit jedem Tage inniger wird. Wenigstens fühlte ich mich, durch den Geist und die Anmut meines neuen Bekannten, so sehr angezogen und gefesselt, dass ich es kaum wahrnahm, wie ich ihm unvermerkt das Merkwürdigste meines vergangenen Lebens mitgeteilt hatte, ohne dafür von seinen Verhältnissen etwas mehr erfahren zu haben, als dass ich ihn oft mit feuriger Beredsamkeit, aber im-mer nur im Allgemeinen von seinem Aufentalt in Deutschland hatte sprechen hören. – Er hatte meine Klagen und meine Unzufriedenheit, mit