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das Gut reisen, um dort vor ihrer Ankunft die nötigen Anstalten zu treffen. Die Zubereitungen zur Reise, gaben mir Veranlassung, noch einige von Albrets Papieren zu ordnen, welche ich noch undurchgesehen, aufbewahrt hatte. Ich tat es, und ein Brief von Eduards Hand fiel mir in die Augen. Mit lautpochendem Herzen, las ich die an mich gerichtete Ueberschriftein schlimmes verhältnis hatte ihn in Albrets hände gegeben. – O! Julie, was fand ich! – Wahrheit, Irrtum, sehnsucht, Liebe, – o! unendliche Liebe! – Ich kann Dir nichts weiter sagen, ich bin verwirrt, beklommen! -Wie Unrecht habe ich ihm, habe ich mir getan! Lies hier einige Strophen, die ich in Eduards Briefe gefunden habe. Diese Blüten seiner lieberfüllten Phantasie, werden Dir am lebhaftesten schildern können, was ich jetzt empfinde:

An Amanda

1.

Oefters wünscht' ich mir schon in seeligen Stunden

der Liebe,

an ihr bebendes Herz, leise das Haupt hingesenkt, – öfters wünscht' ich mir dann des Todes freundliche

Nähe,

rätselhaft fühlet das Herz welches die Liebe erfüllt! wünscht' ich feig, und voll Furcht, an ihrer Seite zu

sterben,

dass ich der Schmerzen vergess', über den Himmel um

mich?

Oder erzeugten den Wunsch des Dankes zarte

Gefühle,

gern zu vergehen auch da, wo ich zu leben begann? oder erlieget der Geist dem süssen Taumel der Liebe wähnet im seeligsten Wahn, länger ertrage ichs nicht?

2.

Immer sind wir vereinigt, so fern das Schicksal uns

trennte,

Liebste! ich komme zu dir, oder ich rufe dich her. Ist mir's im Herzen so weh, und füllen mir Tränen

das Auge

eil' ich geistig zu dirlieblicher Tröstung gewiss. Schlägt mir voll Freude das Herz, und lieb' ich das

freundliche Dasein,

ruf' ich, Amanda! dich her, – höherer Freude gewiss!

3.

Einst, o! zürntest du mir, dass einer Andern ich kos'te, aber es waren doch stets, Auge und Seele bei dir. Mit verstohlenem blick, hieng ich am zürnenden

Auge,

schuf mir durch liebende Qual, grausam der Liebe

Genuss.

4.

Oft erscheinest du mir, ein überirrdisches Wesen, das nur Seegnungen hier, spendet in Menschengestalt. Aber gedenk ich des Bundes, der uns're Herzen

verbindet,

wähn' ich, stolzer, dass hier, dich nur die Liebe

verweilt.

5.

"Wende, so bat ich dich einst, nie wieder dein Auge

voll Seele

nach dem Himmel hinauf, ach! ich erliege dem blick! Leben und Liebe, und Hoffnung, ach! Alles wohnt dir

im Auge,

was nur belebet und stärkt, alles was freut und

erquickt.

Ungenügliche! willst du die Geister, die Engel, den

Himmel,

was kein Auge noch sah', auch noch vermählen dem

auge?

Wend', ich bitte nicht wieder, zur Heimat dein

himmlisches Auge,

ich ertrage das nicht, willst du denn sterben mich

sehe'n?"

6.

Herzlich hass ich der Menschen Gewühl, seit ich,

Liebste dich kenne,

meinem Herzen so nah, bist du dort immer so fremd. Einsam war es um uns, da lernt' ich dich, einzige

kennen,

Einsamkeit! mache aufs neu, uns mit einander

bekannt!

Funfzehnter Brief

Amanda an Julien

Heute erhielt ich diesen Brief von Eduard selbst. – Wie sonderbar, ist in meinem Leben, das Licht verteilt! Welche lange, tiefe Schatten, und welche zauberisch glänzende Beleuchtung! – Und so ist es; wir harren Jahre lang auf einem einzigen Moment, und dann überrascht er uns doch unerwartet, und im Gedränge von Andern nicht minder wichtigen. Ich bin in Verwirrung, und doch bin ich ganz frei von jeder Schuld. Ich liebe Antonio; mein Herz, von seiner Liebenswürdigkeit, seinem Wert durchdrungen, hat sich der süssen Neigung hingegeben. Für ihn belebt mich wahres inniges, gegenwärtiges Gefühl, für Eduard vielleicht nur der Nachklang eines ehemaligen, ein Spiel der Phantasie. Und doch, wie schlug mein Herz, als ich die Züge seiner Hand erkannte, wie ergriff, durchglühte mich, der Inhalt seines briefes! – O! warum bist du selbst mir jetzt fremd, mein einziger besster Freund! – Komm, eile zu mir, du, dem ich mehr, als mir selbst vertraue, der mir Jugend und Liebe wiedergab, komm, Antonio, löse alle Zweifel, mit deinem reinen, umfassenden, menschlich fühlenden Gemüt!

Lass mich ruhig sein, Julie, lass mich hoffen, dass die Stille meiner Seele zurückkehrt, und glauben, dass sich alles lösen wird.

Was ich so tief empfand und als richtig erkannte:dass Wahrheit jedes verhältnis rein erhält, und auch das Verworrenste leicht und natürlich löset, das will ich nun auch üben und durch die Tat beweisen. Alle meine Verhältnisse sind rein, und sie sollen es bleiben.

Bald schreibe ich Dir wieder.

Sechszehnter Brief

Eduard an Amanda

Die Auferstehung der toten ist mir seit diesen Tagen gewiss geworden! – Oder, ist das nicht eine Auferstehung zu nennen, wenn der Geist und die Liebe, welche eh'mals den Gegenstand unsrer zärtlichsten Neigung zu beseelen schienen, nach einer langen Verborgenheit, wo sie sich in undurchdringliche Schleier hüllten, wieder lebendig werden in der lieblichsten Verklärung, der vollen Glorie des wahren und Schönen? –