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weil Amanda dort lebt! Dem ausdrücklichen Verlangen meines Vaters Genüge zu leisten, musste ich hier auch Biondina di Monforte sehen, eine Bekanntschaft, die ich sonst gern vermieden haben würde. Ich wurde von ihr mit ausgezeichneter Güte aufgenommen, und ungeachtet meines Widerwillens gegen sie, konnte ich mich nicht entalten, die Reize zu bewundern, die, trotz des herangenahten Alters, noch jetzt an ihr sichtbar sind, und die, was auch die Kunst für teil daran haben mag, von einer seltnen Begünstigung der natur zeugen. Jedoch fand ich auch dagegen, einen Ausdruck in ihrem Gesicht und in ihrem ganzen Wesen, der mich unwiderstehlich von ihr zurückzog, und der, wie ich fest überzeugt bin, auch bei der schönsten Blüte feuriger Jugend eben dasselbe Gefühl in mir hervorgebracht haben würde. Mit inniger Befremdung, erinnerte ich mich daher in diesen Augenblicken so mancher Scene, wo mein Vater, nach einer mehr als zehnjährigen Entfernung seines Umgangs mit ihr, als der schönsten Zeit seines Daseins mit einem Entusiasmus, einer Rührung gedacht hatte, der an diesem sonst so sanften und gleichgestimmten mann doppelt auffallend war. Bedenke ich aber, wie er hier, in diesem Paradiese, noch vom Abendrot der Jugend beglänzt, von Liebe und Stolz zu süssem Genuss eingeladen, sich einem seeligen Rausche hingab, der ihm die magische Binde so fest um die Augen legte, dass er die unweibliche Anmaassung und Herrschsucht dieser Frau nicht sah, und alle ihre Fehler den Umständen und der Umgebung aufbürdete; so wird es mir wiederum sehr begreiflich, dass ihm die hier verlebte Zeit stets für die Blüte seines Lebens galt. Diese Frau war es, welche meinem Vater vor Albret den entschiedensten Vorzug gab, und durch diese Kränkung in das stolze und heftige Gemüt dieses Mannes einen unauslöschlichen Hass gegen den Begünstigten pflanzte. Dieser Hass ward durch mich, in dessen Anblick er die Züge seines Feindes wieder fand, aufs neue belebt, und die Begierde, sich durch den Sohn, an dem Vater gerächt zu sehen, liess ihn mancherlei Pläne entwerfen, deren Ausführung ihm um so mehr am Herzen lag, da Amanda, deren seltnen Wert er unwillkührlich anerkennen musste, ihn durch ihr Betragen gegen mich, immer mehr mit Hass und Rache entflammte. O! wie willkommen, wird ihm in mancher Rücksicht der Befehl meines Vaters gewesen sein, wodurch er auf meine schnelle Abreise drang, ohne damals mir selbst die Gründe dieses Verlangens anzugeben! – Und dem Hass dieses Mannes konnte Amanda ihre Liebe aufopfern? Auf seine Bitten, welche die Furcht, sie früh oder spät mit dem Sohn seines Todfeindes verbunden zu sehen, ihm eingab, konnte sie durch ein feierlich gegebenes Wort mir auf immer entsagen? – Sieh' Barton, wenn ich mir denke, wie Albret selbst das Gelingen seines Plans triumphirend verbreitete, wie Amanda es Nanetten bestätigte, wie ich auf meinem letzten, dringend an sie geschriebenen Brief, voll feuriger Liebe, keine Antwort erhielt, dann glüh' ich von neuem, wie in den ersten zeiten jener unseeligen Auflösung; selbst der Anblick des südlichen himmels, und der milden, lachenden natur, die mich hier umgiebt, vermehrt nur die Bitterkeit, womit ich jener nordischen Kälte und Unnatur gedenke, die mich, ach! all zu früh! aus dem schönsten Wahn meines Lebens weckte, und ich eile, mich zwischen engen, düstern Wänden einzuschliessen, weil ich den Contrast der heitern, mich umgebenden Welt, mit der zerstöhrten, die ich im Busen trage, da minder lebhaft zu fühlen glaube!

Vierzehnter Brief

Amanda an Julien

Ich schreibe Dir in der seltsamsten Mischung von Wehmut, Ueberraschung, Schmerzen und Freuden. Ein Augenblick, ein Zufall hat mir so viel Aufschluss über Zweifel gegeben, die lange mein Leben verbitterten; hat so viele Bilder der Vergangenheit lebhaft vor meinem Geist geführt, dass ich vor Unruhe und Träumen kaum zu mir selbst kommen kann. Und warum jetzt diese entwicklung, diese oft mit heisser sehnsucht gewünschte Befriedigung? Warum jetzt erst? Warum sehen wir das, was wir so sehnlich wünschten, meist erst dann geschehen, wann unsre Freude darüber nicht mehr ganz rein sein kann? Doch dürfen Klagen nur das herrliche Gefühl, den süssesten Genuss des Herzens verbittern, der in dem Gedanken der überzeugung liegt, uns von einem Wesen geliebt zu sehen, welches uns selbst das Geliebteste war? – Nein! ohne Rücksicht auf Vergangenheit und Gegenwart, ohne ängstliches Untersuchen, dessen was ist, und was hätte sein können, will ich mich, dankbar und frei, jetzt ganz diesem schönen Gefühl hingeben, eines der seeligsten, welches das Menschenherz zu empfinden vermag! –

Vor einigen Tagen, erhielt ich von Nanetten, die mehrere Jahre lang für mich so gut, wie aus der Welt verschwunden war, einen Brief, in welchem sie mir,ohne sich über ihr langes Schweigen zu rechtfertigen, oder unsre vorigen Verhältnisse zu berühren, eine leichte Skitze ihres bisherigen Lebens gab, und mir dann auf eine lustige Art ankündigte, wie sie in kurzer Zeit, von ihrem Mann begleitet, den sie mir aber nicht nannte, auf ihr so lang verlassenes Gut reisen wollte, wo sie mich ganz gewiss zu sehen hoffe.

Meine Freude, diese fröhliche, liebe Gestalt aus einer schönen, längst entflohenen Zeit mir auf einmal wieder erscheinen zu sehen, war äusserst lebhaft, und ich entwarf sogleich einen Plan, wie ich sie auf eine ihr angenehme Art empfangen und überraschen wollte. Um meine Ideen auszuführen, musste ich auf