Wünsche, des Unvollendeten zurück, wo mir, verhüllt in das schöne geheimnis der Liebe, der Genuss der schönsten Poesie meines Lebens, die Gewissheit der in mir wohnenden Gotteit vergönnt ward. Und dann fühle ich in tiefer Seele, dass eigentlich ein los den Deinen ähnlich, das Ideal meiner Wünsche war. – Doch wie es auch sei, ich gönne Dir Dein Glück. – Schon mehrmals habe ich meine Ansicht von Dir geändert, aber der wahre Gehalt Deines Wesens, und das, was ich Dir verdanke, blieb mir zuletzt ganz unveränderlich. In frühern Jahren sah' ich Dich nur mit einer gewissen Glorie umgeben, Du schienst mir unerreichbar, und ich verehrte Dich wie einen der Ueberirdischen.
Dann aber kam eine Zeit, die Zeit wo alles vor mir schwankte, ich an allem zweifelte, und da verschwand auch der Nimbus, der Dich verherrlichte, und Dein ganzes Wesen kam mir sogar zweideutig vor. Hat er sein Spiel mit mir getrieben? dachte ich oft. Was sollen mir diese hohen Ideen, diese Ansprüche, die nie befriedigt werden, die mich mit der Welt unzufrieden und mich für sie untauglich machen? – Warum gab er, der die Menschen kannte, mir nicht lieber Wahrheit, wenn sie auch bitter war, für dieses zauberhafte Licht, bei dessen Verschwinden mich nur ein tiefes Dunkel umfängt? – Aber bald ward es mir heller; ich erkannte die höhere Wahrheit, in dem, was ich für Täuschung hielt, ich erkannte Dich als einen Menschen, den das Leben gebildet hat, und der nun wiederum das Leben bildet, der die Welt versteht, und seine eignen Erfahrungen auch für andre aufs beste zu benutzen strebt. So blieb Dein eigentümlicher Wert nun klar vor mir stehen und auch Dein verhältnis gegen mich. – Ich fühle, dass Du mich erzogen hast, denn Erziehung, wie ich dies Wort nehme, heisst nicht den Menschen bestimmen, sondern ihm gelegenheit geben, seine angebohrnen Fähigkeiten zu üben und zu entwickeln; ihm gelegenheit geben sich selbst zu bestimmen. Jeder, der nicht seinen Anlagen gemäss leben kann, fühlt sich unglücklich und unbestimmt. Der weisere Mensch, merkt diese Anlagen frühzeitig bei der entwicklung des Kindes, und tut dann das Seine, es in eine ihm angemessene Lage zu bringen, denn erst dann, wann der Mensch seiner Eigentümlichkeit gemäss leben kann, vermag er auch für andre viel zu sein. – Das Leben ist nichtig und ein jeder hat Momente, wo er es fühlt, wo er fragen muss: aller Zweck, alles Streben, wozu führt es? – Aber dann treibt die Lust zu wirken, zu schaffen, wieder in den Schauplatz, der uns allein zur Uebung unserer Kräfte gegeben ist, und wir fragen nicht mehr, was soll es? sondern wir mischen uns mit Eifer unter die Menge, wo wir nicht die Ungeschicktesten sein wollen, und wenn wir auch heimlich das Ganze als Spiel betrachten, so dünkt es uns doch würdig, das Spiel mit allem Ernst durch zu führen. – Nur soll ein jeder seine Individualität kennen lernen, hat er dann ein richtiges Bild von sich selbst gefasst; so kann er mit diesem Bilde in die Welt eintreten und ruhig und sicher handeln. – Denn was man auch sagen mag; so ist es doch gewiss, dass sich die äussern Umstände öfterer nach dem Menschen formen, als er sich nach ihnen. Seine Art zu denken, zu empfinden, sein Geschmack, seine Irrtümer ziehen die Verhältnisse um ihn herum, und der Wunsch sie verändert zu sehen, ist vergebens, wenn er sich nicht selbst ändern will und kann. – War bei allen bittern Klagen, die Rousseau über die Menschen ausstiess, er es nicht immer selbst, der zu dieser Behandlung Veranlassung gab? – Er, der sich gegen alle so sonderbar und ungewöhnlich betrug, musste auch ein ungewöhnliches Betragen von andern erfahren, und wär' er aufrichtig gewesen, so hätte er doch wahrscheinlich gestehen müssen, dass er nirgends so glücklich hätte sein können, kein Zustand für ihn so passend war, wie gerade seine Verbannung, wo er von allen Verhältnissen frei, seinen Träumereien ganz ungestöhrt leben konnte.
Aus dem, was ich Dir hier geschrieben habe, wirst Du vermuten, dass gerade jetzt ein Zeitpunkt meines Lebens ist, wo ich über meine Verhältnisse zu der Welt, mehr als gewöhnlich nachgedacht habe; und Du hast recht. – Ein jeder, glaube ich, hat Momente, wo er das Bestreben fühlt, aus seinem Leben, ein Ganzes, eine geschichte zu bilden, und wenn er dies nicht kann, wenn er den Faden, der seine kleinen und grossen, inneren und äussern begebenheiten zusammenhält, gänzlich verliert, oder wenn er ihm zerrissen wird, so ist er unglücklich und zerstückt. – Bisher habe ich dies Bedürfniss nie lebhaft gefühlt; denn, weil ich so verschiedene Ansichten hatte, und mit ihnen wechselte; so fand ich scheinbar, oft wenig Zusammenhang mit den Vorhergehenden. – Doch jetzt, da ich auf einer Art von Ruhepunkt stehe, und mein Leben wie einen bunt gewirkten Teppich vor mir liegen sehe, und übersehe, merke ich einen leisen Zusammenhang, und einen Faden, der aus mir selbst herausgesponnen, das Einzelne verbindet. – Ich bin nicht unzufrieden mit mir und der Welt, nur das einzige schmerzt mich, und wird mich ewig schmerzen, dass das Höchste meines Lebens, die Zeit, wo sich die Blüte meines Lebens entfaltete, wo alles