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auf mich, warum beunruhigt ihr mich, ihr geheimnissvollen Wesen, deren natur ich vielleicht nie zu ergründen vermag? –

Wenn Du diese traurigen Gedanken gelesen hast, mein lieber Freund, so wirst Du mir es vielleicht kaum glauben, dass ich unmittelbar vorher, von der zärtlichen Unterhaltung, einer schönen Geliebten, nach haus gekommen war. Und doch ist es so; aber meine Liebe, ist wie sie selbst, nur der Gegenwart geheiligt, aber auch in dieser gleich ihr, unendlich beglückend.

Ich will Dir nicht leugnen, dass jenes Abenteuer, mit dem schönen Waldmädchen mich doch im grund gewaltig verstimmt hatte. Die überzeugung, dass nur meine Umgebung allein, so vielen Reiz für sie gehabt hatte, war mir sehr empfindlich, und ich kam mir in manchen Augenblicken recht gedemütigt vor. – Denn gewiss dünkt es doch einem jeden schön, – und ist es auchum seiner Persönlichkeit willen geliebt oder geehrt zu werden, und so gern auch Viele sich im Notfall hinter die Schutzwehr ihres Ranges oder ihres Reichtums verstecken, so schmeichelt ihnen doch nichts mehr, als wenn sie glauben, man übersehe dies alles, und achte nur ihr eigentümliches Verdienst. Und wie unangenehm würden Manche, die so zuversichtlich alle Huldigung auf Rechnung ihres persönlichen Werts schreiben, überrascht werden, wenn ihnen ihre artigen Umgebungen, denen eigentlich die andern schmeicheln, auf einmal genommen würden, und sie nun mit einemmale alles um sich her verändert sähen! Ich war menschenscheu geworden und vergrub mich eine Zeitlang in arbeiten, in denen mein Vater mir es nicht fehlen liess, bis ich mein Selbstgefühl wieder so sehr gestärkt fand, dass ich wieder heiter und empfänglich in die muntre Welt, die mich hier umgiebt, treten konnte. Mitten im bunten Getümmel begegnete ich bald darauf einem Mädchen, deren Umgang im Kurzen das Ziel meines Bestrebens ward. Ich fand sie in den besten Gesellschaften, und überall, wo Vergnügen, Geschmack und Lebhaftigkeit wohnte, und durfte sie bald, so oft sie nur selbst wollte, in dem geschmackvollsten Zimmer, und der niedlichsten Umgebung allein sehen. Dir zu schildern, was sie eigentlich ist, vermag ich nicht, obgleich ich sie in manchen Augenblicken ganz zu verstehen glaube, aber wie es auch sei, so viel ist gewiss, dass mich ihr Wesen, so oft ich sie sehe, ganz froh und glücklich macht. Ich möchte sagen, dass sie von allen Freuden des Lebens nur das feinste und flüchtigste, wie den bunten Staub auf den Schmetterlingsflügeln, abstreift, und über alles Tiefe, Nachdenkliche, im Leben leicht und ahndungslos hinwegschlüpft, wie ein Zephir nur die Spitzen der Blumen berührt. Für mich ist sie sehr poetisch, obgleich sie selbst nichts davon wissen will, denn die Poesie, sagt sie, ist ein Traum aus einer andern Welt, und ich schlafe nicht; ich wache. – Uebrigens mein Lieber, bemühe ich mich auch eben nicht sonderlich, mein Urteil über sie recht ins volle Licht zu setzen, und sie unter irgend eine schulgerechte Regel bringen zu wollen. Denn schon oft sind mir die meisten Urteile der Männer über Weiber recht herzlich zuwider gewesen. Fast ein jeder hat sein System, und hält nun, wie an einer Silberprobe jedes weibliche geschöpf, das ihm im Leben begegnet; er künstelt an dem unschuldigen Wesen, um es in sein System zu passen, und nennt es dann verschroben, wann es seiner Eigentümlichkeit nach anders ist, als er sich es dachte. – Ich bin zufrieden, dass es mir vergönnt ist, in den Spiegel dieses heitern, empfänglichen Gemüts zu schauen, welches alle Strahlen der Welt auffasst, und in den lieblichsten Farben zurückstrahlt so, dass mir nun vieles, was mir sonst öd' und tot war, mit frischen Reizen in die Seele herein scheint. –

Wir hatten uns schon oft und viel gesehen, ohne sonderlich auf einander zu achten, als mir mit einemmale die Augen aufzugehen schienen. Ich war in der reinsten Stimmung, das Leben erschien mir unbedeutend und wichtig zugleich; ich nahm mir vor, nichts Bedeutendes zu erwarten, und die Freude frisch zu ergreifen, wo sie mir entgegen lächeln würde. Und so hatte ich den entschiedensten Sinn für ihre Liebenswürdigkeit. Wir wurden sehr schnell bekannt, und ich konnte ihr frei meine Neigung entdecken. Sie antwortete nicht darauf, blieb in ihrem Betragen unverändert, und schien es gar nicht zu achten. Aber einst, als ich allein bei ihr war, und sie mir mehr als gewöhnlich reizend erschien, nahm sie eine frische Granatblüte von ihrer Brust, und gab sie mir. Diese Blüten sind der Gegenliebe geweiht, sagte sie, und blickte mich mit feuriger Schwärmerei an. – In diesem Styl ist alles was sie tut, leicht, willkührlich und fein, nur dass es von blick und Geberde begleitet sein muss, und, wie sie selbst sich schöner sehen, als beschreiben lässt.

sonderbar ist es, dass mich ihr Gesang, – denn sie übt' diese Kunst wie manche andere mit glücklichem Erfolgstets in meiner Zufriedenheit stöhrt. – Auf seinen Flügeln trägt mich der Gesang dann in ein anderes, fernes Land, wo liebliche Gestalten verworren vor mir scherzen. Und gebe ich mich ihnen hin, so dünkt es mich, ich finde bekannte Wesen, die ich schon einst gesehen; es sind die Schatten meiner vorigen Freuden, meine Wünsche, meine Lieblingsträume. – Dann vergesse ich auf Augenblicke alles um mich her, und mein Herz weiss