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in meinem Herzen nicht lange Raum gab, und meinen Glauben an seine Menschlichkeit, so sehr sie auch durch seine Grundsätze leiden mochte, deshalb nicht ganz zurücknahm! – Doch lass mich von diesen Gegenständen schweigen! Es ist ein peinliches Gefühl, mit welchem ich auf jene Zeit der Verwirrung und der Missverhältnisse zurücksehe. Die wunderbarste Beleuchtung, die seltsamste Mischung von Licht und tiefen Schatten, ruht auf jenen Tagen, und nur dann kann ich ruhig sein, wenn ich das alles vergesse, wenn ich mich überzeuge, dass alles dies tief hinter mir versunken ist, und ich nun frei und einfach mein Leben fortführen kann.

Seit einiger Zeit ist unser kleiner Kreis durch die Gesellschaft eines jungen Mannes vermehrt worden, der für mehrere Künste ausgezeichnete Talente besitzt, und sich Antonio nennt. Seine seltne Kunst im Portraitmalen machte hier aufsehen, und ich liess mich auf Wilhelms unablässiges Bitten, für diesen von ihm malen; und da Wilhelm selbst für die Malerei viel Anlage und Lust bezeigt; so beschloss ich, diese gelegenheit nicht ungenutzt vorbei zu lassen. Auf diese Weise ist er uns näher bekannt geworden, und wir haben bald einstimmig entschieden, dass seine Manier im Umgang, für uns eben so angenehm ist, wie in Gemälden, und dass er eben so viel Charakter, als Talente besitzt. – Er hat in seinen frühern Lebensjahren mit vielen Unannehmlichkeiten zu kämpfen gehabt, sich aber unter allen unverrückt, zu dem gebildet, was er ist, und weil ihm seine Verhältnisse bald in die Einsamkeit, bald unter viele Menschen geführt haben; so hat er beides gebildet, Charakter und Talente; denn jener bildet sich in der Einsamkeit, diese mehr in der Gesellschaft. – Endlich ist ihm der Genuss eines freieren Daseins geworden, und er, der still und verborgen unter dem Druck der Umstände fortgeblüht hat, steht nun vollendet da, wie die Schneeblume, sobald der Schnee zerschmolzen ist. – Er lebt jetzt im ganzen Sinn des Worts; die Welt gefällt ihm, und an allem kann er eine schöne poetische Seite finden. Das einzige was ihn bisweilen unzufrieden macht, so hoch es ihm wieder in andern Augenblicken beseeligt, ist seine Liebe zu den Künsten. – Vieles, und auch das quält den Künstler, dass er sein Werk, was er schaffen will, nicht mit Einemmal vollendet hinstellen kann, sondern erst das Mechanische überwinden, tausend kleine Schritte tun, geduldig den immer wiederkehrenden Abschnitt von Tag und Nacht durchgehen muss, und so seine heissgefasste idee, das schnell gebohrne Kind seines Geistes, langsam, wie eine irrdische Pflanze durch die Zeit wachsen sieht, da er sie schon vollendet, als ein himmlisches Kind der Unendlichkeit, in seinem geist trug.

Lebe nun wohl, ich weiss Du wirst Dich über meine jetzige Stimmung freuen. Doch, Julie, wenn Du glauben wolltest, dass mein Gemüt immer so ruhig wäre, wie es vielleicht der Ton dieses Briefes sein mag, so würdest Du Dich sehr irren. – Sehr oft überfällt mich eine dunkle, quälende Unruhe; ich fühle mich unzufrieden, fremd mit mir selbst, und es ist mir, als gäb' es für mich noch viele Rätsel im Leben, die der Auflösung bedürften, als müsste ich ahndungsvoll noch irgend eine Begebenheit erwarten. – Und ich weiss es wohl was es istich werde ihn wiedersehn, das ist mir fast gewissaber wenn? und wo? und muss ich dies, obgleich es in manchen Momenten mir als das süsseste Glück, der hellste Punkt meines Lebens erscheint, muss ich es nicht fürchten? – Ach! die Seelen der Liebenden, finden sich nie wieder! Einmal getrennt, sind sie es auf immer. – Ihr haltet noch das Bild des Geliebten fest, und erstaunt ein fremdes Wesen wieder zu finden, die Zeit verändert euch und ihn, und das eigensinnige Herz verblutet sich da, wo einst der Gegenwart himmlische Rosen blüten, vergebens an den Dornen der Erinnerung.

Achter Brief

Eduard an Barton

Es ist tiefe Nacht. – Der Mond malt die Umrisse der Fenster bloss auf den Boden hin. Ich tauchte mich in die nächtliche Luft, die lieblich kühlend mir entgegen quoll, und eine dunkle Unruh überfiel mich, als ich an dem nächtlichen Himmel die wechselnde Gestalt der bleichen Wolken, das sonderbar gebrochne Licht des Mondes betrachtete. – Aber es war die zärtliche Schwärmerei nicht mehr, die wohl einst in glücklicher Zeit mich in solchen Stunden, mit sehnsucht und Wehmut ergriffes war vielmehr das lästige Gefühl eines beschränkten Wissens, das in gewissen Momenten den Menschen so mächtig ergreift. – Ich dachte mir, wie die frühen Generationen der Sterblichen schon auf die Erscheinung der Himmelskörper geachtet hätten, wie sie in stillen Nächten ihren gang beobachtet, und mit der süssen Hoffnung einst ganz mit ihnen bekannt zu werden erfüllt, ihnen ihre geheimnissvolle stille Ordnung abgelauscht hättenbis dann die Menschen sich auf einmal vor der Gränze fanden, wo jede Spur verschwindet. Keiner stieg in den Stern hinauf, keiner stieg herab. Sie durften nicht fragen: warum befolgt ihr diesen gang, diese ewige, gesetzmässige Gleichförmigkeit? – Von ihrer eignen Schwere festgehalten, bleiben die Menschen an die Erde gefesselt, und nur auf den Schwingen der Phantasie können sie dieselbe verlassen. – Die Wolken flogen auseinander, und mit siegreichem Glanz standen die Sterne in ihrer blauen, unermesslichen klarheit da. – Dort oben also, ewiges Licht, und abwärts nur Dünste und zweifelhafter Schein? – Warum wirkt ihr