1803_Mereau_070_43.txt

Ganze, der Wahrheit gemäss, zu sagen. Er hörte es still und nachdenklich an, dann schlang er sich mit Innigkeit um meinen Arm, und sagte freudig gerührt:

"O! du warst mir schon längst Alles, warst mir, vom ersten Anblick an, da ich dich sah, mehr als Vater und Mutter!" – Mit jedem Tag, wird er auch mir lieber, glaube ich, sein stilles und feuriges Gemüt besser zu verstehen, und wenn ich in sein schönes, bedeutendes Auge blicke, finde ich mich mit den liebsten Erinnerungen und Träumen umgeben. – Auch den Grafen sehe ich oft und sehe' ihn gerne. Wir leben ein ruhiges Leben, und ich bin so weit davon entfernt, Zärtlichkeit für ihn zu fühlen, dass ich auch diese Empfindung gar nicht bei ihm voraussetzen kann; denn er ist zu vernünftig und zu erfahren, als ohne Hoffnung auf Erwiedrung zu lieben, und so finde ich in seinem Bestreben mir gefällig zu sein, weiter keine Bedeutung, als dass ihm meine Umgebung gefällt, und er meinen Umgang sucht, weil er ihm Vergnügen macht. –

So lösen sich leise und natürlich alle Verwirrungen auf, wenn wir selbst ruhig sind, und nur der eigene gespannte und leidenschaftliche Zustand, macht alle unsere Verhältnisse schwer und verworren. – Weil er Albret so genau kannte, so weiss er viel von meinem vorigen Leben, vieles was ich selbst nicht wusste; und ich höre mit seltsamer Empfindung manches von meiner eigenen geschichte, die nun hinter mir versunken ist, so tief versunken, dass ich mich oft selbst kaum überzeugen kann, eine, der in seiner Erzählung spielende person zu sein. –

Vieles hat er mir von Biondina di Monforte erzählt, einer heissen, stolzen, grausamen Italienerin, die auf Albrets Gemüt den mächtig traurigsten Einfluss gehabt hat, und die von Uebermut, Herrschsucht und Rache zu Handlungen getrieben wurde, die uns sanften, weichmütigen Deutschen beinah' unglaublich vorkamen. Sie galt in ihrer Blüte für die erste Schönheit in Florenz, und auch im reifern Alter, wusste sie durch Kunst, Lebhaftigkeit des Geistes und Klugheit in der Welt den Rang zu behaupten, welcher für ihre Eitelkeit und Sinnlichkeit unentbehrlich geworden war, und ohne welchen sie sich höchst elend gefühlt haben würde. In ihrer Kindheit hatte sie unter sehr drückenden Verhältnissen gelebt, und so hatte sich Härte und Klugheit in ihrem Charakter ausgebildet. Sie liebte heftig, aber sie hasste noch heftiger. Einen Plan durchzusetzen, galt ihr mehr als Alles; unerschütterlich verfolgte sie ihn, und wenn sie selbst dabei hätte zu grund gehen sollen. Wie viel weniger schonte sie das Leben, die Glückseligkeit Anderer! Mehrere, die das Unglück hatten, sie zu beleidigen, mussten es mit ihrem Leben büssen, denn durch Schönheit, Rang, Reichtum und Einfluss war ihr Vieles möglich. – Frühzeitig, unumschränkte Gebieterin eines grossen Vermögens, würden ihr die Männer durch ihre ewigen Schmeicheleien gleichgültig geworden sein, wenn nicht Vergnügen und Stolz, männlichen Umgang ihr zum Bedürfniss gemacht hätten. Was sie am meisten an einem Mann reizen konnte, war Verschwendung, Pracht, Leidenschaftlichkeit und blinde Ergebung in ihren Willen. Aber dabei verstand auch sie allen Leidenschaften der Männer, mit so viel Klugheit und Einsicht zu schmeicheln, dass selbst die, welche sich von ihr losgerissen hatten, ihr heimlich ergeben blieben, und sich von ihrer Meinung, ihren Willen noch lange abhängig fühlten. – Mit Albret hatte sie eine Zeitlang in den engsten Verständnissen gelebt, um ihrentwillen hatte er den grössten teil seines Vermögens verschwendet, und Verhältnisse zerrissen, für die er sonst viele Rücksichten gehabt hatte. Sie war die einzige, die er geliebt hatte, die ihm als eine seltene Ausnahme ihres Geschlechts gross erschien; alle andere Weiber hielt er für kleinlich, kindisch, verächtlich, und diesen Gesinnungen gemäss, hatte er sie immer behandelt. Und als seine leidenschaft für sie, weniger heftig brannte, da ward es das Ziel seines Stolzes, ihren Ränken mit noch grösserer List und Gewandheit zu begegnen, und sich, selbst wider ihren Willen, wenigstens den Schein eines engen Verständnisses zu erhalten. Aber seine Bemühungen waren vergebens, und er musste es geschehen lassen, dass sie einen Andern ihm vorzog, auf eine Art, die seinen Stolz eben so sehr, wie seine leidenschaft kränkte. Nunmehr trat Hass und Begierde nach Rache ganz an die Stelle der Liebe; bittre Verschlossenheit und verachtendes Misstrauen, wozu er immer Anlage gehabt hatte, erfüllten nun ganz sein Gemüt. Doch auch gehasst, blieb sie ihm stets der Mittelpunkt der Welt, die geheime Beherrscherin seiner Handlungen, das einzige Wesen, bei dem er sein Andenken erhalten, und sein Dasein für wichtig gehalten wissen wollte. Er wusste, wie sehr ihr Stolz durch den Anschein von Gleichgültigkeit zu verletzen war, nur musste dieser Schein ganz die Gestalt der Wahrheit haben, wenn er ihren Scharfsinn täuschen wollte. – Er verheiratete sich mit mir, und es gelang ihm wirklich, ihre Empfindlichkeit rege zu machen. Das aufsehen, welches er zu erregen, auf alle Weise bemüht war, reizte sie noch mehr, und es war die höchste Zeit, dass er sich entfernte, denn der Todesstreich, welcher den unglücklichen Marchese traf, war, wie es hernach klar geworden ist, Albret von ihrer Hand zugedacht. – Wie gut war es, Julie, dass ich meinen Argwohn gegen Albret, der sich doch nur auf eine blosse Vermutung gründete, und durch nichts bestätigte,