kauften sie sich in diesem Städtchen ein kleines Eigentum. Charlotte richtete alles in dem Sinn ein, wie es ihr für ihre Lage zu passen schien; es fiel ihr nie ein, einen ihrer vorigen vornehmen Bekannten sehen, oder benutzen zu wollen. Sie vermied allen zwecklosen Umgang, erhielt sich und ihren Mann durch ihre Tätigkeit, sah' mit jedem Jahr ein neues Pfand ihrer Liebe und war glücklich. – Und gerade deshalb, tut der Anblick ihrer kleinen Einrichtung so wohl, weil Wille und Kraft darinnen unverkennbar ist. Täglich sieht man Weiber unter der Last einer sorgenvollen Haushaltung beinah erliegen und sich aufopfern, und es tut einem weh, ist sogar widrig. Denn diese haben bloss die Umstände dahin gebracht, sie sind, was sie sind mit Unmut und Schwäche, und träumen sich eine andre Lage, als ein hohes Glück, das sie nur nicht erreichen können. Aber hier ist Leben, Geist, Bewusstsein und Klugheit, und dies erfrischt jeden, der es sieht; und ermuntert ihn, in seiner Lage und nach seiner Neigung eben so zu handeln. – Ihr Mann fühlt ganz den Wert ihrer Liebe und Vortreflichkeit, ohne jedoch sich selbst deshalb gering zu schätzen; denn er weiss, dass auch er sie liebt, wie keiner lieben würde, und dass ihm, den Verlust seiner Liebe, nichts in der Welt ersetzen könnte. Er war der junge Mann, den ich täglich mit so viel Eifer und Anmut der Pflege seines Gartens obliegen sah, weil ihm seine noch immer schwachen Augen wenig andere Beschäftigungen verstatteten, und dies nun ein wichtiger Erwerbszweig, für sie geworden ist.
Gewiss hat Dir diese kleine Zeichnung gefallen, und ich hoffe, Du wirst Dir alles, Personen, Haus, Garten, recht lebendig denken können; aber ganz einheimisch wirst Du werden, wenn ich Dir sage, dass diese edelmütige Frau, Charlotte M ..... ist, deren Vater, als er noch reich war, in unsrer Nachbarschaft wohnte, und die damals als ein liebenswürdiges Kind, mit ihren schönen Kleidern und lieblichem Wesen, oft das Ideal unsrer kindischen Nachahmungssucht war.
Ich suchte gelegenheit Charlotten zu sehen, und sie fand sich. Wir erkannten uns beide sogleich wieder, und sie hatte Scharfsinn genug, um mich richtig zu beurteilen, und sich nicht von mir zurück zu ziehen, obgleich man mich reich nannte, und sie sonst die Reichen flieht. Und sie hat im Allgemeinen wohl Recht es zu tun! Denn der Reichtum, der nur die Neigungen befreien, nur dem Menschen dienen sollte, ihn über kleine, enge Rücksichten wegzuheben, und ihm an Andern ein feineres, edleres Interesse nehmen zu lassen, eben weil er andere weniger braucht, wie ganz unerträglich ist er an denjenigen, die dennoch ganz in ihren Geistesbanden bleiben, sich nur mehr in Sorgen und Zwang vergraben, sich gegen andere ganz verhärten, und es recht unableugbar zeigen, dass sie zu Sclaven gebohren sind!
Sie und der Graf sind jetzt mein einziger Umgang, wenn ich mich entschliessen kann, die Einsamkeit, die mir unendlich lieb geworden ist, zu verlassen. Ach! ich war einst zu berauscht, zu seelig, als dass ich das bloss Angenehme des Lebens recht herzlich fühlen konnte. Doch, wenn ich mich selbst, wenn ich alles einzeln vergesse, und bloss das Ganze in meiner Seele fühlen kann, dann habe ich den Mut, ohne Liebe hinauszugehen, in die lieberfüllte natur, wo Luft und Stauden, Bäche und Vögel, alle noch wie ehemals Liebe hauchen und Liebe singen. Dann gebe ich mich ganz dahin, wo alles stille, grosse, harmonische Einfalt ist. Meine Sorgen klage ich den zärtlichen Lüften, mein Vertrauen weihe ich der ewigen Ordnung, mein Glück suche ich in dem allmächtigen Liebeshauch, der die Stauden und die Sonnen durchdringt. – Die natur wirkt auf mich mit ihren grossen Beziehungen, sie hebt mich empor mit ihren Flügeln, und wenn es süss ist, Ein verwandtes Herz zu verstehen, und sich von ihm verstanden zu fühlen; so ist es heilig, sich ganz den Empfindungen hinzugeben, wo aller Menschen Herzen, nah' oder fern in ihren reinsten Momenten zusammentreffen!
Siebenter Brief
Amanda an Julien
Ich habe mir seit Kurzem eine neue wohnung gemietet, welche mir durch ihre äusserst schöne romantische Lage schon längst gefiel, und es beschäftigt mich immer mehr, meine ganze Umgebung nach den Bildern zu gestalten, die ich schon lange im Sinne trage, und bisher nie, ungestöhrt ausführen konnte. Die Ungebundenheit meines Lebens; die klarheit, mit der ich die Welt um mich erblicke; die stille Wirksamkeit die ich übe, macht mich zufrieden, und wenn ichs recht bedenke; so ist mein jetziger Zustand das Ideal einer Lage, welche ich mir oft jugendlich träumte. Mein stilles Leben fasst weit mehr in sich, und gewährt mir ein mannigfaltigeres Dasein, als meine vormalige lebendigste Lage. – Ein schöner, freier Kreis, das fühle ich lebhaft in heitern Stunden, liegt vor mir da; und indess mir in meiner Sphäre nichts entgeht, nichts zu gering ist, ergreift meine Phantasie alle ferne schönen Beziehungen des Lebens.
Und welch ein liebes Geschenk gaben mir die Götter mit Wilhelm! Du glaubst nicht, wie innig er mir ergeben ist, und wie seine liebenswürdige natur jede Mühe belohnt, die man sich zu ihrer Ausbildung geben kann! Er hatte manches von seiner kleinen geschichte erfahren, und ich hielt es fürs Beste, ihm das