nun ganz zuwider geworden; ich lachte über meine Menschenkenntniss, meine Eitelkeit und reis'te bald geheilt hinweg. – Aber, ist es denn gleichwohl nicht traurig, Barton, dass da, wo wir die schönste Wahrheit zu umfassen glauben, oft nur eine hässliche Lüge, ihr Gaukelspiel mit uns treibt? Und dürft' ich denn so streng mit ihr rechten, da mein eigenes Herz, nicht rein von Betrug gegen sie war? – Denn, lass uns ehrlich sein, Barton, leider ist es wahr, dass die meisten Weiber alles aus Eitelkeit tun, dass die Reden der Geistreichen, wie das Schweigen der Geistlosen nur darauf berechnet ist, und dass all' ihr süsses Wesen gegen uns, was wir für Liebe nehmen, grösstenteils nur eitle, selbstsüchtige Zwecke zum Grund hat, aber, Freund! was tun wir?
Sechster Brief
Amanda an Julien
Ich habe eine angenehme Entdeckung gemacht, die ich Dir mitteilen will, und die gewiss ein freudiges Bild in Dir auffrischen wird, wie sie es bei mir getan hat.
Seit einiger Zeit ging ich fast täglich, an dem einen Ufer des Flusses spazieren, wo ich die Aussicht auf einen Garten vor Augen hatte, der mir nach und nach merkwürdig wurde. Täglich sah ich einen jungen Mann emsig darinnen beschäftigt; er grub, pflanzte, begoss, verrichtete alle arbeiten eines Gärtners, aber alles mit einem eigentümlichen, leichten und anständigen Wesen. Nur des Sonntags sah' ich einen kleinen Kreis von gutgebildeten Menschen in dem Garten, um welchen Kinder spielten, und der stets aus denselben Personen zu bestehen schien. Ich betrachtete nun den Garten aufmerksamer, und fand ihn, bei aller Hinsicht auf Nutzen, so artig eingerichtet, dass sein Anblick mir wohl tat. Der grössere teil desselben, der zierlich mit Blumen, die bis zu mir herüber dufteten, eingefasst, und mit schmalen, reinlichen Gängen durchschnitten war, diente zum Küchengarten, und alle Gewächse darinnen, schienen wohlgepflegt und von edler Art. Vorn nach dem Flusse zu, stand dichtes Buschwerk mit Blumen-Ranken überblüht, und eine Laube, die so schattig, duftend und behaglich dastand, dass sie mich oft, wenn es heiss war, fast unwiderstehlich zu sich hinüber zog. Weiter hinten, lag ein Baumgarten mit frischem, reinlichem Gras und schönen Fruchtbäumen, den ein einziger schmaler Weg durchlief, und der sich an das Haus anschloss, das eben so anspruchlos, geordnet und nett wie das übrige, aus der Umarmung blühender Obstbäume hervorsah. – Du weisst, welchen Reiz eine gute Einrichtung für jedes weibliche Auge hat, wie uns hier selten das Kleinste entgeht, und wir immer nach der Schöpferin dieses Kunstwerks spähen, und Du wirst es also sehr natürlich finden, dass ich mich bald näher nach den Besitzern des Hauses erkundigte.
Und höre nun, die kleine rührende geschichte, die Du eher wissen musst, als das, wie es gekommen ist, dass ich jetzt in der Laube sitze, zu der ich mich so oft hinüber sehnte, und aus ihrer Umschattung an Dich schreibe. Charlotte war die Tochter eines sehr reichen Beamten, der aber durch den Krieg, den grössten teil seines Vermögens und seine Stelle verlor, und mit seiner Familie in einer Eingeschränkteit leben musste, die gegen die vorigen zeiten, Dürftigkeit war. Charlotte lebte eine Zeitlang, bei Verwandten in der Residenz. Sie war äusserst reizend, und alle die Annehmlichkeiten für die Gesellschaft, welche ihre vormalige Lage zu fodern schien, waren ihr in einem ungewöhnlichen, hohen Grade eigen. Sie erregte die allgemeine Aufmerksamkeit; jedermann warb um ihren Umgang, und ein sehr reicher, vornehmer Mann, um ihre Hand. Die Verwandten wünschten Glück, die Eltern waren erfreut, aber der Mann war bei seinem unermesslichen Reichtum, unermesslich arm; er war roh, von dumpfen, eingeschränktem Geist, und von widrigem Aeussern. Lieben konnte ihn Charlotte nie, und ihn bloss als ein Mittel, sich eine glänzende Lage zu versichern, zu betrachten, widersprach ihrem Gefühl; sie schlug also seine Anträge, ganz bestimmt, und unwiderruflich aus, was man ihr auch dagegen einwenden mochte. Nach einiger Zeit kehrte sie wieder zu ihren Eltern zurück, in deren haus sie einen jungen Offizier fand, der wegen einer sehr gefährlichen Augenkrankheit, den Dienst hatte verlassen müssen, und sich jetzt durch die hülfe eines geschickten Arztes, wieder herzustellen hoffte. Es war ein sehr vorzüglicher, junger Mann, voller Talente und Geschicklichkeiten, aber fast ohne Vermögen. Charlotte übernahm die Pflege des Kranken; ihr Herz zerschmolz in Wehmut, wenn sie sein Geschick bedachte, das ihn, in der schönsten Blüte des Lebens und der Wirksamkeit, zur Untätigkeit verdammte, und sie überliess sich gern den schönen Regungen ihres Gefühls. Aber vielleicht dachte sie, wenn sie die Augen ihres Freundes mit der heilenden Binde verhüllte, und sich ungestöhrt dem Anschauen, seiner schönen, sprechenden Züge überliess, so oft an die Binde des Liebesgottes, bis er ihr endlich selbst den magischen Schleier um die Augen schlang. Genug, aus der Wohltäterin des schönen Kranken, ward sie seine Geliebte. Sie liebten sich zärtlich, treu, über alles, und nach einiger Zeit verheiratete sie sich mit ihm, was man ihr auch hier wiederum dagegen sagen mochte. Die Augen des jungen Mannes wurden besser, aber blieben schwach, und den Dienst konnte er nicht wieder antreten. Mit dem Ueberrest seines kleinen Vermögens, welches die Kur, beinah ganz aufgezehrt hatte,