Flut hinabgegleitet war. Er kämpfte noch matt gegen die Wellen. Ich sprang sogleich hinein, und brachte ihn, ohne Gefahr, leicht und glücklich ans Ufer. Seine Besinnung kehrte nach einiger Mühe bald zurück, und ich führte ihn zu seinen, um ihn besorgten, älteren, deren wohnung er mir beschrieb. Das Kind hatte ein bedeutendes Gesicht, und selbst die Keckheit, womit er sich heimlich an den Fluss geschlichen hatte, gefiel mir; es freute mich doppelt, ihn gerettet zu haben. Hierauf ging ich zurück an den Strom, entkleidete mich, und tauchte von neuem in die lauen Fluten. Der gewölbte Himmel mit Mond und allen leuchtenden Sternen stand in unermesslicher Tiefe unter mir im wasser. Ich durchkreuzte die Fluren des himmels und verwirrte der Sterne ewige Bahnen. über mir, unter mir und in mir war Himmel.
Ein einziges tut mir weh, Barton! dass sich mein Vater so lange von mir trennt, dass ich in manchen Augenblicken nicht zu ihm eilen kann, zu ihm, dem ich mein ganzes Glück verdanke, und dem mein Anblick gewiss belohnend sein müsste. -Jetzt erst fange ich an zu begreifen, wie er auf mich gewirkt hat. In vielem, wo ich sonst nur das planlose Spiel des Zufalls fand, ahne ich jetzt die wohltätige Einwirkung eines vernünftigen heitern Geistes, der die Umstände gerade so für mich zusammenreihte. Mein Vater hielt mir nie langweilige Vorstellungen meiner Lebenspflichten, die nur den Verstand berühren und das Herz unbewegt lassen; nur durch lebendige Eindrücke suchte er mich zu bilden, und so blieb die Eigentümlichkeit und Freiheit meines Gemüts ungekränkt. Wenn ich in die zeiten meiner Kindheit zurückgehe, wie eine lachende Welt mich, von der Wiege an, umfing, und alles einen Quell von Lebenslust in meine Brust senkte, der wie ich hoffe, unversiegbar sein wird. – Selbst das Zimmer, worin ich lebte, der erste Schauplatz meiner Erfahrungen und meiner Spiele, hat ein angenehmes Bild von Harmonie und Fröhlichkeit in mir zurückgelassen, und ich weiss noch ganz genau, welche Farben, welche Gemälde es zierten, welche Aussicht es gewährte. Mein Auge gewöhnte sich an heitre, liebliche Formen, und mein kindisches Herz war mit unsichtbarer Gewalt an das Schöne gebunden; ich unterliess das Schlechte, nicht weil es böse, sondern weil es hässlich war. So ward die Sinnlichkeit zuerst in mir gebildet, und mir eine Freundin an ihr erzogen, bis ich älter ward, und mein Verstand erwachte. Von dem glücklichen Wahn erfüllt, dass man Alles lernen, Alles begreifen könne, war ich unermüdet in fragen, und vielleicht ward meine Wissbegierde noch geflissentlich gereizt. So lernte ich Sprachen, Matematik, Naturwissenschaft, geschichte, mit immer neuer Lust und dankbarem Gefühl, und der Baum der erkenntnis trug mir nur süsse Früchte, bis ein reiferes Alter mir durch das Gefühl meines beschränkten Wissens auch die bittern darreichte. Aber jetzt brach ein neues Leben für mich an. Mein Vater, hiess es, müsste eine Reise in verschiedene Gegenden Europa's tun, und ich sollte ihn begleiten. Das heitre Bild menschlicher Tätigkeit wuchs vor meinen Augen immer mehr, wie der Raum um mich her. Unter der Menge neuer, lebendiger Vorstellungen verlohr ich das Andenken an mich selbst; meine erwachende Phantasie umgab die natur mit einem äterischen Schimmer; die Strahlen der Kunst berührten meine Seele mit heiliger Ahnung, und eine Welt von neuen Gestalten bildete sich in meinem Busen aus. Ich dachte nur so viel als gerade nötig war, um meine Genüsse schöner und an ziehender zu machen, und so genoss ich Glücklicher! alle Freuden der Jugend, von Phantasie, Gefühl und Geschmack zu Allem begleitet, und nur dann verlohren sie ihren Reiz für mich, wenn die Grazien sich von ihnen weggewandt hatten. – – Freilich bin ich stolz geworden. Diesen Nacken hat noch kein Unglück gebeugt, immer hat ein günstiger Zufall mir, wenn ich sorgen wollte, die Hand geboten, und selten habe ich einen Wunsch verfehlt. Ja, ich traue mir Kraft genug zu, die Gewährung meiner Wünsche, so hoch sie fliegen mögen, der Welt abzuzwingen, und von dem Schicksal die Erfüllung meines Berufes zum Glück zu fordern. Aber Barton, mein Gefühl ist lebendig und gut; es gibt Menschen, die ich hasse, aber ich könnte sie dennoch beglücken, stände es in meiner Macht; und selbst die, welche ich verachten muss, bedaure ich zugleich. Meine Leidenschaften sind heftig, ich weiss es, aber sie brechen sich in sanfte Farben, wie Regentropfen im Sonnenstral, vor dem allmächtigen Schönheitssinn, der mein ganzes Wesen durchdringt und emporhebt. – Und ist nicht dieser Sinn, wenn wir frei genug denken, ihn aufs Ganze zu verbreiten, das grösste, heiligste in uns? – wie weit erhebt er uns über eine engherzige Sinnlichkeit! Diese zieht nur einen kleinen Zirkel um uns, wählt wankelmütig bald dies, bald jenes, und selbst das höchste Interesse, das sie an Andere binden kann, wird durch den Tod zerrissen. Aber jenes Gefühl, dessen heilige Rührung durch die ganze Gattung gefühlt wird, durch welches eine wahrhaft schöne Handlung, eine grosse Empfindung, die vor Jahrhunderten verübt oder gefühlt ward, und auf unser persönliches Wohl oder Weh keinen Einfluss hat, Tränen des reinsten Wohlgefallens in unser Auge lockt – dies Gefühl entstand mit der Menschheit, erhielt sich und dauert fort.
Du siehst, mein Lieber, dass ich Deine Auffoderung, Dir viel,