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kenne. Stolzdenn ich habe Barton, ihn, der mir sonst alles war, noch nicht gewürdigt, mit ihm von Dir zu sprechen, so sicher er es wohl erwartet hatte, und mit Recht erwarten konnte. Ach, er weiss es doch nicht, was Du bist, und kann es nicht fassenauch konnte ich es ihm nicht beschreiben. Ich möchte eine eigne Sprache haben, um von Dir sprechen zu können. So kränke ich meinen Freund, dem ich so vieles verdanke, vorsätzlich, durch die eigensinnigste Verschlossenheit, und gleichwol ist er mir unentbehrlich. Ich bitte ihn, bei mir zu bleiben, wenn er weggehen will; er darf mich keinen Augenblick verlassen. Es ist so unaussprechlich schauerlich, sich Allein zu fühlenich habe das nie gefühlt, und müsste ich es nur auch jetzt nicht! – Ich war ein Uebermütiger, der der ganzen Welt trotzen zu können glaubtejetzt scheint mir jeder Dank zu verdienen, der mich erträgt.

Heute hab' ich Dein Bild zum erstenmal angesehen, das war ein seliger Augenblick! – bis jetzt erlaubte ich mir es nicht, weil ich mich selbst fürchtete. Die Tränen stürzen mir aus den Augen, aber es waren wohltätige, süsse Tränen. Es ist so wenig von Dir, und mir doch so unendlich viel. Hier, im Wirtshaus ist ein kleines Mädchen, das Deinen Namen führt. Wie ich erschrack, als ich den Namen nennen hörte, wie rasch ich mich wandte! – Das Kind darf mich nun nicht mehr verlassen, es ist ein liebliches geschöpf, und hat einen Zug um den Mund, der ihm viel Aehnlichkeit mit Dir gibt. Ich betrachte es mit süssem Schmerz, und träume mir viel. – Zuweilen wünsche ichverzeih'! – es möchte Dein Kind sein, dessen Dasein vielleicht ein geheimnis bleiben sollte, und das nun, durch Zufälle hieher gekommen sei. Dann wird mir das Mädchen so heilig, ich drücke sie mit Wollust an mein Herz, und ihre Augen schienen mir verklärter als vorher. Mich dünkt, es würde mir um vieles besser sein, wenn ich das Kind immer um mich haben könnte. Ich habe schon diese idee gegen die älteren geäussert, und ernstaft mit ihnen darüber gesprochen, aber sie wollen nichts davon hören.

Barton treibt schon wieder zum Aufbruch. Er schildert mir meinen harrenden Vater, wie er meiner Ankunft mit unruhiger sehnsucht entgegen sieht. Amanda, ach! wie kann ich weiter, da mich alles, alles zurückzieht? – Diese Qualen kennst Du nicht. –

Was macht Wilhelm? Denkt er noch an mich? Was gäb' ich darum, ihn bei mir zu haben! Er hieng mit so treuer, warmer Liebe an Dir, und ich war oft eifersüchtig, wenn – o Bilder, o Erinnerung! –

Ganz Dein.

Zwanzigster Brief

Amanda an Eduard

Umwehe mich, Abendluft, und hauche mir Frieden in die beklommene Brust! – Ich tauche mich in dem kühlenden Luftstrom, ich atme die Düfte der Nacht, aber sie mildern die sehnsucht des Herzens nicht. In der Dämmerung, im Lüftchen, im Blumenduft, überall wohnen Erinnerungen; überall bist Du und bist Du nicht! – O! dass ich Dich verlieren musste! –

Es ist unbegreiflich, wie Deine Gegenwart in mein ganzes Leben verschlungen war. Alles war durch sie geweiht, und allmächtig hauchte sie Leben und Begeisterung, auch in die gleichgültigsten Dinge. Jetzt tritt mir allentalben eine unerträgliche Leerheit entgegen. Gefühllos sehe' ich, wie sich die Menschen um mich her bewegen; gefühllos tue ich, was Andre von mir begehren. Mein Herz ist tod; mit Dir hat mich mein bessres Selbst verlassen. Und dennoch regt sich in mir ein unendliches Verlangen nach Glück. Ach! ich hatte es gefunden, und ich liess es entfliehen, das einzige Glück, welches für mich blühte! – Eduard! ich teile Deine jugendlichen Hoffnungen nicht, mir ahnet eine lange, grauenvolle Trennung. Jetzt erst denke ich: ach! warum reisete ich nicht mit ihm? O! kalte, unerträgliche Rücksichten, die mich noch jetzt zurückhalten! – Der Mensch denkt sich oft in seinem Kreise so wichtig, so unentbehrlich, und kaum hat er ihn verlassen, so sieht er, wie ein andrer ihn leicht, und oft weit besser ausfüllt. Aber da, wo ein höheres Leben für ihn blüht, wo sein heiligstes Dasein, an dem göttlichen Hauch harmonischer Freiheit und Liebe, sich mit den schönsten Blüten entfaltet, die ganze Welt sich seinem auge' verklärt, und er gut sein muss, weil ihm alles andre gut erscheint, da ist er an seiner Stelle, da muss er sich, aller Hindernisse trotzend, ewig zu erhalten suchen.

Ich fuhr gestern spazieren, und wählte den Weg, den Du gereist bist. Es war mir, als käme ich Dir näher; ja, einige Augenblicke lang, dauerte die süsse Täuschung, als eilte ich in Deine arme. Es ward Abend; die natur lag in ruhigen Träumen, still und frei vor mir; das graue Bergschloss, das Deinem Gärtchen gegenüber liegt, lächelte, wehmütig zärtlich in die Abendglut; die Fenster, der ländlichen, umher zerstreuten Hütten, glänzten Ruhe und Einfalt. Komm, o! komm, rief ich laut, die sehnsucht tödtet Deine Amanda! – Ach! da zerrann die Täuschung, und als ich wieder zurück fuhr, lebten alle Qualen der Trennung,