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auf den Mund. – Ein hoher Rosenstock, der noch in voller Blüte stand, verbreitete ein rötliches, unbeschreibliches Licht. Hier, sagte Eduard, vor diesem Gott, der verschwiegen, aber nicht blind ist, und gern auf ewig seinen Waffen entsagte, bete ich täglich die Göttin an, die selbst ich nicht darzustellen wagte.

laut rauschte es jetzt durch die Blätter und grosse Regentropfen fielen herab. Wir mussten eilen, in das kleine Zimmer zu kommen, das uns in seine freundliche Einsamkeit aufnahm. Könnte ich Dir doch den Eindruck mitteilen, den dieser reizende Aufentalt der Ruhe und des Vergnügens, auf Deine bewegte Amanda machte! – Alles schien mir zu sagen, dass eine harmonische Seele hier ihre schönsten Stunden verlebe. Ueberall sah ich gefällige, zusammenstimmende Farben; wenige, aber mit Sinn gewählte Gemählde erhoben die Wände, überall dufteten Blumen aus den zierlichsten Gefässen, köstliche Früchte wie unter hesperischem Himmel gereift, schimmerten unter frischen Blättern hervor, eine Laute lag weichlich auf den Polstern, und nicht fern davon grünte noch der Myrtenzweig, wie durch Zauberei erhalten.

Hier, wo so viele Bilder erweckt, und das berauschte Herz sich angenehm aus seiner Träumerei gezogen fühlte, fanden wir uns bald mit Gesprächen, wie mit Blumenketten, verschlungen. Ein jedes zeigte frei seinen Geschmack, seine Meinungen, die oft wie labyrintische Pfade durch Blumentäler von einander abwichen, und doch am Ziel in schöner Harmonie sich immer wiederfinden. – Was soll ich Dir noch sagen, Julie? – Ach! Deine glückliche Amanda, vergass ganz, dass es Verhältnisse, Klugheit und Misstöne in der Welt gibt, und das selige Gefühl, ihren schönsten Traum erfüllt zu sehen, und endlich das gleichgestimmte Herz gefunden zu haben, das sie ganz zu verstehen vermag, durchatmete ihr ganzes Wesen!

Der Regen hatte aufgehört. Die grünen, getränkten Bäume schimmerten, frisch und lachend in die Fenster herein, und ein glühendes Licht wankte durch die bebenden Zweige an den zierlichen Wänden. Wir traten ans Fenster und atmeten die gereinigte Lüfte. Ach, Julie! welch ein Abend! Erst jetzt habe ich Worte für die Bilder, die ich da nur mit stummem Entzücken in mich sog! Die Sonne sandte einen stillen, aber brennenden blick über die Gegend. Fröhlich flatterten Schwalben, mit glänzender, silberner Brust, wie weisse Blüten, durch den Sonnenblick, der golden und blendend durch die Berge hervorschoss, und alles, was er berührte, mit überirdischem Reiz verklärte. Das ferne Bergschloss hüllten düstre Schatten, aber weit hinter demselben glühte der entlegendste Berg, wieder in rötlichem Gold. Der Sonnenblick zog weiter; das Tal versank schwermütig in den Bergschatten, indess sich von dem Schloss, der Schleier wegzog. Ein heiliger Glanz lag nun auf dem grauen, verfallenen Gestein, den kleinen, aufblühenden Gebüschen, die es umgaben, und dem ganzen düstern Bergprofiel. Graue Regenwolken, von der Abendsonne mit goldenen Flecken zerstreut, zogen wie flammende Wagen, flüchtig an den Höhen vorüber; in Westen glänzte ein endloses Aetermeer, und ein dunkles Gewölk, mit vergoldetem Rand, schwamm wie ein glückliches Eiland darinnen, und war immer goldner und strahlender, je weiter die Sonne hinabsank. – Ach, Julie! was war es, was mich, verloren in diesen Anblick, ganz von der Erde hinwegzog, in ein unbekanntes Land, von fremden seligen Gefühlen, und mein Auge mit unnennbaren Tränen erfüllte? – Nur dunkel, dachte ich: O! dort in dem strahlenden Wolkenland, von Menschen entfernt, und von der Unendlichkeit umgeben, mit dem Geliebten zu sein in ewiger Jugend und Liebe! – Da blickte ich auf, und sah Eduard, der in einiger Entfernung von mir stand. Ich kehrte aus meiner wunderbaren Entzückung zurück, und fühlte mich wieder freundlich an die Erde gefesselt. Wir waren fröhlich und sprachen viel, nur von dem, worüber wir hätten sprechen sollen, nämlich: auf welche Weise wir uns künftig sehen oder schreiben wollten, kein Wort. Erst beim Abschied dachten wir daran, aber dieser Abend schien uns zu schön, zu heilig, als von dergleichen Dingen zu sprechen; wir überliessen alles den Göttern und trennten uns wehmütig, aber unendlich glücklich.

Ich ging zurück. Alles war still um mich. Ich bewunderte dies weite Schweigen in der natur. So, dachte ich, war es im Anfang aller Dinge; aber die Liebe erschien, und alles war belebt. Ich kam nach haus, und erstaunte, alle Gesichter noch eben so gleichgültig zu finden, als ich sie verlassen. War ich es denn allein, deren Augen von Vergnügen glänzten, deren Seele mit Wonne an den vergangenen Momenten hieng? – Ist denn die Welt so arm an Freuden? Ich blieb allein; mein Mädchen bat um die erlaubnis einige Bekannte zu besuchen, und ich gab sie ihr gern. Vielleicht erwartet sie ein liebendes Gespräch, und ich würde mich mit ihr freuen; sie ist ein gutes geschöpf. In der ganzen Welt sehe ich nur Liebe, allentalben Liebe, und ich begreife nicht, wie ohne sie etwas der Rede wert sein könne? – Ich habe mich ans offene Fenster gesetzt, und die zärtliche, warme Luft, zu mir herein wallen lassen. – Du weisst nun alles, und ich verlasse Dich, um von neuem zu träumen.

Vierzehnter Brief

Eduard an Barton

Dein Brief würde mich sehr beruhigt haben, wenn es nicht schon zuvor die Liebe getan hätte. Du schreibst es mir – o