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. – lebe' wohl. Ich sendeja ich sende ihn zurück. Der nächste Augenblick und mein Herz mag entscheiden, mit welcher Antwort.

Dreizehnter Brief

Amanda an Julien

Ich sitz' allein in meinem Zimmer, von den seligsten Träumen umgaukelt. Die Kleider, welche ich heute trug, liegen zerstreut umher. Ich küsse sie, ich drücke sie an mein Herzseine Blicke, sein Hauch haben sie umschwebt und geheiligt. Ach, Julie! wie liebe ich diese Erinnerungen! wie süss ist diese Träumerei! Endlich, endlich bin ich glücklich! – Die Stunden hüpfen wie silberklare Wellen um mein Dasein; aus dem verworrenen Spiel menschlicher Wünsche, tönt eine leise Harmonie zu mir herdie ganze natur ist ein schöner, ewig ungetrübter Spiegel, der mir heiter nur mein eigenes Glück zurückstrahlt!

Wenn ich Dir sagen werde, was heute geschehen ist, und was ich fühle, so wirst Du vielleicht erstaunen, und wie in Deinem vorigen Briefe fragen, ob ich noch dieselbe Amanda bin, und ein so weises Misstrauen in sie setzte? – Aber, Julie, so lange wir noch nicht geliebt haben, dürfen wir nicht hoffen, uns selbst recht zu kennen. Eine fremde, höhere Macht bestimmt dann unsere Handlungen, ja sie reicht bis in das Heiligtum unserer Gedanken und wir freuen uns noch ihrer Allgewalt. Wahre Liebe ist nicht möglich ohne das vollkommenste Vertrauen; wir haben keine Gründe dazu, aber wir bedürfen auch keine. Unser Gefühl reicht weiter, als unsre überzeugung, und ein heiliger Glaube bürgt uns für das fremde Herz, wie für unser eigenes.

Ich schrieb Dir zuletzt, auf welche Art ich von Eduard Nachricht erhalten. Vom Schreibtisch ging ich zu den Blumen, die einen kleinen Garten vor meinen Fenstern bilden, und suchte bei ihnen eine Antwort, denn diese Sprache hatte mir etwas so liebliches, dass auch ich sie wählen wollte. Ich brach einen schönen, frischen Myrtenzweig, und umwand ihn dicht mit Stundenblumen, deren schöne, vergängliche, aber sich schnell wieder erholende Blüte Du wohl kennst. Dann schrieb ich auf ein Blättchen: "Liebe hält das Flüchtige fest und erneuert das Vergangene." Der Kleine sprang vergnügt und schnell mit seinem Auftrage fort. Eduard wiederholte auf diese Weise seine Erinnerungen öfterer; wir sahen uns zwar zuweilen, aber stets in Gesellschaft, wo, eben der geheime Wunsch, einander näher zu sein, uns mehr von einander entfernte. Ich antwortete einigemal, und der Knabe vollzog seine Aufträge mit einer Geschicklichkeit und Besonnenheit, die mich in Erstaunen setzte. Aber bald befremdeten sie mich nicht allein; sie erschreckten mich. Diese früh geübte Verstellung musste ja eine Rinde um sein Herz legen, die vielleicht nie ein Strahl der Wahrheit zu durchdringen fähig war. Durfte diese zarte Seele mit einem geheimnis belastet werden, diese Unbefangenheit etwas zu verheelen haben, und sind Verschwiegenheit und Tugenden für Kinder? Nein! um diesen Preis konnte ich meine Freunde nicht erkaufen, und was ich auch dabei verlor, so schrieb ich dies doch Eduard, und verbot ihm, mir ferner auf diesem Wege Nachricht von sich zu geben.

So gingen mehrere Tage traurig hin, an denen ich nichts von ihm hörte, und mein Herz war weit entfernt, in dem Gedanken: gut gehandelt zu haben, Beruhigung und Freude finden zu können; ja es warf mir vielmehr meine Bedenklichkeit und Unempfindlichkeit bitter vor.

Heute war es, wo ich, wie ich oft zu tun pflege, allein spazieren ging. Ich ging durch blühende Alleen, zwischen Hecken und über gemäheten Wiesen;

unachtsam auf das was um mich her vorging und ganz meinen Träumen hingegeben, war ich weit gegangen, als ich sah, dass eine dunkle Wolke sich tief in die Täler hereinneigte, und bereit schien, sie mit ihrem Seegen zu tränken. Die Linden hauchten starke, begeisternde Gerüche aus, eine laue, zärtliche Luft drang mir entgegen, und die ganze natur erschien mir wie die Geliebte des himmels, die ahnend den Tränen der Liebe entgegen harrt. – Jetzt stand ich ganz nah vor einem Garten; die kleine Tür, von grünen Ranken und blauen Blumen beinah verdeckt, stand halb offen, und ich trat, vor den nahen Stürmen flüchtend, eilig hinein. Meine Blicke suchten nach einem Obdach, als ein junger Mann mir entgegen kam, den ich sogleich für Eduard erkannte. Er selbst war der Bewohner dieses Gartens, und wir fühlten uns durch dies wunderliche Spiel des Zufalls unbeschreiblich überrascht und befangen. Es war das erstemal seit jenen schönen Tagen auf dem land, dass wir uns allein sahen, und es schien, als wären wir uns durch die Briefe selbst, nur fremder geworden. Undes ist gewissLiebe verträgt keine fremde Mitteilung, so wie sie keine andre Nahrung als sich selbst bedarf. Was sollen Zeichen, die der Verstand erfand, wo keine Begriffe auszudrücken sind, wo nur ein blick aus dem verklärten Auge des Geliebten, der Seele die Gewissheit, dass ihr unnennbares Gefühl auch von dem verwandten Wesen verstanden und empfunden wird? –

Wir gingen durch einige Gänge, die nach dem Gartenhaus führten, als eine Nische von Acazienbäumen und Rosen beinah' verschlossen, meine Aufmerksamkeit erregte. Ich bog die Zweige zurück und ging hinein. Die Bildsäule eines Amors, fein und richtig gearbeitet stand in reizender Gestalt da. Sein Bogen und seine Pfeile lagen zerbrochen vor ihm; keine Binde verdeckte seine Augen, Aber mit ernster Schalkheit legte er den Finger