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gehören, und ein geheimes Verständniss leitete uns, ohne dass davon zwischen uns die Rede gewesen wäre. Wir blieben einige Tage auf dem land. Am letzten war Amanda trübe, aber diese Schwermut war reizender als alle Freude der Welt. Wir alle hatten den schönen Abend in der Laube des Gartens zugebracht. Die andern gingen weg; sie verspätete sich einen Augenblick: O! dass ich sie zu erheitern vermöchte! sagte ich, dass ich ihnen nur etwas sein könnte! – Eduard, sagte sie, sie können mir Viel sein! Und in diesem Augenblick fühlte ich einen leisen Druck ihrer Hand, der meine ganze Seele erschütterte.

Was wirst Du mir schreiben, Barton? ich erwarte Deinen Brief mit der höchsten Ungeduld. Wie? wenn ich vor Dir da stände, wie einer jener Gecken, die ich immer so bitter gehasst habe, die jedes freundliche Wort eines Weibes, jeden leichten, vorübergehenden Scherz für Liebe halten! – Tage sind vergangen, ich habe sie nicht gesehen, und jene seltsame, freudige Gewissheit, ist nicht mehr in meiner Brust; ja fast schäme ich mich, dass einige Blicke, halbe Worte, und ein Händedruck, mir sie erregen konnten. Und doch! – – O! sag' Du mir Deine Meinung, aber bald! ich bin entschlossen, sie nicht wieder zu sehen; denn, wenn die Gewalt eines Weibes so gross ist, dass sie uns mit uns selbst entzweit, so ist sie mir furchtbar.

Zwölfter Brief

Amanda an Julien

Hab' ich bis jetzt geträumt? oder sendet eine höhere Sonne nur zuweilen einen flüchtigen, aber göttlichen blick auf unser düstres Leben? – Was für Stunden sind mir geworden! Das erste goldne Alter der Menschheit ist zurückgekehrt, alle Missverhältnisse sind verschwunden, alle Fesseln zerbrochen, und ungehindert folgen die Herzen dem süssen Zug der Harmonie. Ich trage in meiner Seele ein hohes Bild; ich denke an nichts, kein Mensch hat Recht auf meine Teilnahme, ich lebe jetzt nur mir, nur meinem Himmel. Zu welcher Höhe von Glück bin ich auf einmal emporgestiegen? Welch ein göttlicher Frühlingshauch hat alle Blüten meines Gefühls entfaltet? Julie! wenn Du jetzt nicht mit mir fühlst! – Du sagtest mir es oftund ich bestritt es zuweilenwenn zwei gleichgestimmte Herzen sich fänden, das sei die lieblichste Blüte des Lebens. O! freue Dich mit mir, holde Jugendgespielin! Lass Dich von keiner sorge, keiner Bedenklichkeit zurückhalten. – Wahrheit des Gefühls, wo und wenn sie auch erscheint, und wie sie sich auch äussert, ist immer ehrwürdig, immer heilig! –

Ich begleitete Nanetten auf ihr neuerkauftes Gut, das in einer mässigen Entfernung von hier liegt. Sie hatte noch einige ihrer Bekannten eingeladen, und in unserm Wagen fuhr ihr Vetter Eduard, und noch ein andrer junger Mann, der zu unserm nähern Umgang gehört. Nanette war ausgelassen lustig; aber diese Laune ist bei ihr stets von einer gewissen Kindlichkeit begleitet, wodurch sie für mich erst reizend wird. Sie neckte und plagte die Männer auf mancherlei Weise. Eduard machte sie Vorwürfe über seine Sentimentalität, mit welcher er eigentlich nur seine gränzenlose Eitelkeit zu verdecken strebe, und sein unliebenswürdiges Betragen gegen die Weiber. Sie schloss mit der Prophezeihung, dass es mit ihm noch ganz anders werden würde. "Mein Herz, sagte Eduard lächelnd, ist gleich dem Diamant, den kein Feuer zerschmelzen kann, ausser die reinen Strahlen der Sonne." Er sah mich flüchtig, aber ausdrucksvoll an, und Nanette fuhr fort, ihm zu sagen, dass er ihr wohl auf vier Wochen lang gefährlich werden könnte; sie schlug ihm vor, den Verliebten zu spielen, und ermahnte ihn, seine Rolle aufs natürlichste vorzutragen. – Dann fing sie Händel mit unserm andern Begleiter an, der immer viel von Verhältnissen und Uebereinstimmung sprach. Er nannte ihre Laune einen schönen Auswuchs, der eigentlich nur bewies, dass sie in ihrem inneren nicht ganz harmonisch sei. "Was das für phantastische Grillen sind! rief sie aus. Wie, ich sollte die gute, freundliche Stimmung, die mir stets ungerufen und unerwartet vom Himmel kommt, grämlich von mir weisen, weil sie sich nicht zu allen meinen inneren und äussern Verhältnissen schickt! – Ich bitte, verschonen sie mich mit ihrer Uebereinstimmung, und lassen sie mir meine Fragmente, die mir auch das Fremde, Unharmonische ertragen lehren.!"

Der Abend war unbeschreiblich schön, und ich schlug vor, den Rest des Weg's zu Fuss zu machen. Eduard stimmte mir sogleich bei; doch Nanettens Bequemlichkeit war stärker als ihre vorgenommene Liebe zu ihm; sie lies ihn unter tausend scherzhaften Verhaltungsregeln, mit mir allein wandern und blieb im Wagen. – Der Weg ging durch ein verwachsenes, süss duftendes Gehölz. Julie! was war es, was ich empfand? – hast Du es je gefühlt, was, ganz von dem gewohnten gang der Gedanken getrennt, verschieden, mit zarten, leisen Schwingen, alle saiten Deines Herzens rührt? – was Deinen Sinn von der Weiblichkeit abschneidet, und mit geheimnissvollem Zug, Dich in ein fremdes, himmlisches Leben führt, wo selbst die Flügel des Gedankens nicht hinreichen? – welch' eine Wehmut, eine Ahnung quoll mir aus den Abendgerüchen des Waldes, den betauten Pflanzen, aus der zarten Dämmerung, die schon durch die fernen Sträuche hervordrang, entgegen! Ich hatte so manches Gespräch anknüpfen, Eduard über manches fragen wollen, aber ich war