besuchen, die sie auf ihrer Reise zufälligerweise hatte kennen lernen, und die in einer vorzüglich schönen, selten besuchten Gegend wohnen sollte. Bald war alles in Ordnung; wir nahmen Wilhelm mit uns, und es war uns dreien recht herzlich wohl. Wir fuhren seitwärts durch die Gebirge in ein freundliches Tal; die waldigen Höhen wichen immer mehr zurück, und bekränzten zuletzt nur noch in weiter Entfernung die lieblichste Ebene, die je dem Auge gelacht. Eine Menge zierlicher Dörfer sahen munter und anmutsvoll aus ihren blühenden Gärten hervor; weite Saatfelder säuselten in grünen Wogen vorüber, trauliche Gruppen von Bäumen bekränzten kleine spiegelhelle Seen, oder wölbten sich über schnelle, lautmurmelnde Bäche. Wir freuten uns der mahlerischen Krümmungen, an denen uns unser Weg durch viele Dörfer und Büsche führte, und priesen die Reise durchs Leben, welche eben so sanft abweichend und abwechselnd zum Ziele führt. Es war Mittag als wir ankamen; ich fand, ein schönes, reinliches Landhaus, worin alles Ordnung, Betriebsamkeit und Fröhlichkeit atmete, und eine schlanke, weibliche Gestalt, mit Vergissmeinnichtaugen uns zuerst bewillkommte. Sie sagte uns bald, unaufgefodert, dass sie die Braut eines von den Söhnen des Hauses sei, mit dem sie in wenig Tagen getraut werden würde. Sie schien sich schon ganz als ein Mitglied der Familie zu betrachten, auf nichts bedacht zu sein, als alle Geschäfte in dem Sinn derselben zu verrichten, und ihr ganzes Wesen zeigte den Ausdruck einer muntern, ruhigen Aufmerksamkeit. Bald kamen auch die Uebrigen herbei, die durch unsern Besuch überrascht, aber nicht im mindesten verlegen waren. Es war eine sehr zahlreiche Familie von sehr verschiedenem Alter und Ansehen; alle schienen mit ihrer Lage zufrieden, und die Reden der Alten waren so vollwichtig und gediegen, wie die schweren, silbernen Löffel, die uns an der wohlbesetzten Tafel gereicht wurden. Nach Tische gingen wir in den Garten, der etwas erhöht, die Aussicht über das ganze Dorf gewährte. Eine warme, fühlbare Luft trug uns auf ihren schmeichelnden Flügeln die würzigen Düfte tausend blühender Pflanzen und Bäume entgegen. Mein Herz bebte in wunderbarer Rührung, von Vergnügen und Wünschen geteilt. Hier der trauliche Schatten, hoher, wehender Bäume, der sichtbar Kühlung verbreitete – dort das blühende, fröhliche Weib, das sorgenlos spielend mit ihrem Kind auf dem Arm, in der kleinen Tür stand – die hohe Linde am Kirchhof, die ihre Schatten und Blätter friedlich über die Grabhügel streute – mit ihrem Korbe voll Klee die muntre Dirne, die mit raschem gang durch die sonnige Wiese schritt – alles dies gab mir ein Bild von Unabhängigkeit und Ruhe, von heiterm, schuldlosen Lebensgenuss, und natürlicher, leichter Erfüllung aller menschlichen Pflichten, das mich innig rührte. Sind nicht, dachte ich, diese ruhigen, phantasielosen Menschen, mit ihrer heitern Luft und ihrem heitern Herzen, ihrem eingeschränkten Wissen, und ihrem eingeschränkten Wünschen, glücklicher und näher der natur, als wir, die sie verbessern, um uns im Gebiet der Einbildung unendliche Freuden aber auch unendliche Qualen zu holen, wir, die erst nach Schmerzen und Verirrungen zu ihrer heitern Beschränkteit zurückkehren können?
Unser Wirt hatte mehrere erwachsene Söhne, die, obgleich wohl gebildet, doch blosse Landleute waren, und sich mit nichts anderm zu beschäftigen schienen, als die weitläuftige Wirtschaft ihres Vaters bestellen zu helfen. Der eine von ihnen hatte mich immer mit aufmerksamen, vergnügten Blicken angesehen; doch als beim Mahl, der Genuss des fröhlichen Weins, den alten jovialischen Vater zu etwas rohem Scherz begeistert hatte, und ich eine kleine Verstimmung, nicht verbergen konnte, war er hinweggegangen. Jetzt ging ich einige Augenblicke allein, in einen von den schattigen Gängen, und hier kam er mir nach. Mit wahrer Feinheit, sagte er mir: "mein Vater hat ihnen nicht gefallen, aber sein sie uns darum nicht böse, ich will ihn bitten, dass er nicht wieder so spricht." Dann trat er mir ehrerbietig aber zutraulich näher, legte seine Hand auf meinen Arm und sagte: "werden sie zürnen, wenn ich sie um einen Kuss bitte?" Sein Ton war weich und bescheiden, seine Miene ehrlich und gefühlvoll; ich zürnte nicht. Julie ich küsste ihn, und ich kann Dir sagen, dass ich ihm im Herzen recht innig wohl wollte. Er verliess mich schnell, sein Auge glänzte von reiner Freude, und wer weis, ob mein Kuss irgend jemand einen glücklicheren Moment gewähren könnte, als diesen Jüngling.
Als wir zurückfuhren glänzten die Wiesen im Abendtau, ein rötliches Licht wankte um die Gipfel des Waldes, und als dies verschwand, blickte der Mond heller durch die Gebüsche.
Ich erzählte Nanetten mein kleines Abendteuer, und sie lachte, wie ich vermuten konnte, mich recht herzlich aus. Sie sah in dem Jüngling nichts weiter, als einen hübschen jungen Landmann, der sich in mich verliebt habe, und alles andre, was ich in ihm fand, nannte sie eine meiner gewöhnlichen Schwärmereien. Und doch liebe ich sie darum nicht minder, so wenig auch ihre Art, die Dinge anzusehen, mit der meinigen übereinstimmt. Ihr gelingt es, keinen Eindruck so stark werden zu lassen, dass er das Gleichgewicht ihres Gemüts stört, und dadurch, dass sie von Allem spricht, und Alles aus dem gefährlichen Halbdunkel der Gedanken ans Licht der Sprache hervorzieht, entwindet sie der Phantasie ihrem mächtigsten Zauber, der Deiner Amanda oft so gefährlich zu werden droht. Ja zuweilen fühle ich es recht lebhaft, wie verschieden