nun stieg sie herauf, im Glanz gehüllt, die Beherrscherin der Nacht, und ein silbernes Licht strömte aus ihren Augen über die dunkle Erde hin. In Träume aufgelösst, und von dem langen Wiegenlied der Grillen in tiefe Selbstvergessenheit gesungen, sah ich dem leichten Tanz der Wolken um unsern Erdkreis zu, und überliess mich ganz dem Genuss einer unbestimmten, ahnungsvollen, freundlichen Schwärmerei, die eigentlich nur das Eigentum der frühen Jugend ist. O! wer sollte nicht wünschen, dass es möglich wäre, in diesem Blütenraum der Jugend, wo die Zukunft wie ein Feenland vor uns liegt, und ein ewiges Morgenrot der Hoffnung unsre Aussicht bekränzt, das ganze flüchtige Leben wegträumen zu können? Warum treibt der scharfe Hauch der Zeit uns so schnell aus diesen Blumentälern hinweg, wohin kein Weg zurückführt? – Die Fähigkeit zu allen süssen, allen traurigen Empfindungen ruht in der Kindheit noch unentwickelt in dem kleinen Herzen, und es empfindet da bei der einfachsten Veranlassung noch ungeteilt, alles, was es jemals, verteilt, bei den mannigfaltigsten Eindrücken zu fühlen vermag. Jedes Bild tritt neu und ungetrübt vor die jugendliche Phantasie, und der lebendige Eindruck ergiesst sich mit sanfter Gewalt durch alle saiten des erwachenden Gefühls. Deshalb umfasst es die kleine Welt, die es umgibt, mit einer Innigkeit, die sich nicht durch Worte ausdrücken kann. Die liebliche Magie der Unerfahrenheit überwebt Ursprung und Ende jeder schönen Empfindung wie mit einer Wolke, dass sie auf einmal in ihrer ganzen Fülle dasteht, unbegreiflich und mächtig wie das erscheinen einer Gotteit. Dies alles verschwindet, wenn der reifer gewordne Verstand, nun heller um sich schaut, und den leisen gang der Eindrücke die das Saitenspiel des Herzens bewegen, zu verfolgen vermag. – Aber, Julie, gibt es keine Zeit im Leben, wo diese jugendliche Begeisterung in ihrer ganzen Stärke und Einheit, nur noch inniger, schöner, heiliger zurückkehrt? und welche Zeit kann dies anders sein, als die, wo wir lieben? – O! Julie, dies Bild wird ewig, wie ein verlornes Paradies, vor meiner Seele schweben!
Ich habe bis jetzt wenig gelesen; in frühen Jahren lernte ich nur wenige, meist unterrichtende Bücher kennen, und Bücher zärtlichen Inhalts blieben mir fast ganz fremd. – Jetzt lese ich, unter andern, für mich neue Schriften, auch zum erstenmal Rouseau' s Briefe zweier Liebenden. Was ich empfinde bei manchem von Juliens Briefen – denn nur sie, sie nur liebt, nicht St. Preux – vermag ich nicht, Dir zu beschreiben. So, denke ich, könnte ich auch lieben, und seufze über das Geschick, das mir Alles gab, ausser dem Einen und in dem Einen mir alles versagte.
Sechster Brief
Eduard an Barton
Nicht immer, mein Freund, fühle ich mich so glücklich als an dem Tage wo ich Dir zuletzt schrieb. Unruhe überfällt mich zuweilen, und treibt mich rastlos umher. Vergebens rauschen die muntern Freuden des Lebens dann an mir vorüber; ihr schmeichelnder Fittig weckt die sehnsucht meines Herzes nicht. Und doch ist die jugendliche Glut des Geistes nicht im mindesten erloschen; vielmehr umfasse ich die Gegenstände stärker, inniger, obgleich seltner. Oft dünkt es mich, als fehlte mir ein hellerer Aufblick in die eigentliche Oeconomie des Lebens, und das Gemälde menschlicher Wünsche und Handlungen wirkt in gewissen Augenblicken verworren und drückend auf meinen Geist. Es ist mir, als stünde ich noch unter den Uneingeweihten, als fehlte mir noch das Wort, der Aufschluss, die mir das Rätsel des Lebens und der Welt erklären sollten. Sehe ich dann einen Mann, mit verständigem, bestimmten Gesicht, wo Leidenschaften geherrscht, aber nicht verwüstet haben, der das freie Spiel der Unterhaltung nicht mit seinen Ideen gewaltsam beherrschen will, sondern es geschickt, und wie wir gern es mögen, zu lenken weis; so fühl' ich mich sanft zu ihm hingezogen, und möchte' ihn bitten: "o Du! der Du die geheimen Irrgänge des Herzens beobachtetest und selbst durchwandeltest, ihre Erscheinungen auf dem grossen Schauplatz des tätigen Lebens zu erkennen und zu würdigen weisst, o schliesse den Reichtum Deiner Erfahrungen vor mir auf, und befriedige meine ungeduldige sehnsucht!" – denn was kann wohl schöner sein, Barton, als in dem vorüberrauschenden Strom des Lebens, wo so viele nur ein wildes Spiel der Wogen sehen, eine hohe Harmonie zu vernehmen, und mit geläuterten Sinnen die schönen Töne des Gefühls zu unterscheiden, die aus dem toten Stoff der Umstände lebendig hervorquellen? Wer dies vermag, dem kann es dann auch gelingen, die bunten Gaukeleien des Zufalls nach seinem Gefallen zu ordnen, und dem verwornen Stoff eine bestimmte Form zu geben. Mit schöpferrischer Hand drückt er selbst der toten natur Spuren eines freien, denkenden Wesens ein, und in Stunden ernster Begeisterung gehen die ewigen Zwecke des Lebens fasslich und rein seiner Seele vorüber.
Meine Hoffnung ist auf die Zeit gerichtet, wo mein Vater seine, mir zum teil noch unbekannte Pläne mit mir, ausführen will, auf die Zeit, wo mich vielleicht eine andere Hemisphäre aufnehmen und mit ihren Wundern erfreuen wird. Diese idee, die ich freilich nur ahne, ist meine Geliebte, die mich durch ihr zauberisches Halbdunkel unaufhörlich reizt, und anzieht; und ich bitte Dich, mein Freund, wenn Du etwas beitragen kannst, mich diesem Ziel näher zu bringen, so tue es, und mache Deinen Eduard sobald als möglich glücklich.
Ich komme eben von einem weiten Spaziergang zurück, und