er aber aufsah, stand ein junges Mädchen nah bei ihm am Felsen, die ihn freundlich, wie einen alten Bekannten, grüsste und ihn einlud mit zu ihrer wohnung zu gehen, wo sie ihm schon ein Abendessen zubereitet habe. Er schloss sie zärtlich in seinen Arm. Ihr ganzes Wesen und Tun war ihm befreundet. Sie bat ihn noch einige Augenblicke zu verziehn, trat unter den Baum, sah mit einem unaussprechlichen Lächeln hinauf und schüttete aus ihrer Schürze viele Rosen auf das Gras. Sie kniete still daneben, stand aber bald wieder auf und führte den Pilger fort. Wer hat dir von mir gesagt, fragte der Pilgrimm. Unsre Mutter. Wer ist deine Mutter? Die Mutter Gottes. Seit wann bist du hier? Seitdem ich aus dem grab gekommen bin? Warst du schon einmal gestorben? Wie könnt' ich denn leben? Lebst du hier ganz allein? Ein alter Mann ist zu haus, doch kenn ich noch viele die gelebt haben. Hast du Lust, bei mir zu bleiben? Ich habe dich ja lieb. Woher kennst du mich? O! von alten zeiten; auch erzählte mir meine ehmalige Mutter zeiter immer von dir? Hast du noch eine Mutter? Ja, aber es ist eigentlich dieselbe. Wie hiess sie? Maria. Wer war dein Vater? Der Graf von Hohenzollern. Den kenn' ich auch. Wohl musst du ihn kennen, denn er ist auch dein Vater. Ich habe ja meinen Vater in Eisenach? Du hast mehr Eltern. Wo gehen wir denn hin? Immer nach haus.
Sie waren jetzt auf einen geräumigen Platz im Holze gekommen, auf welchen einige verfallne Türme hinter tiefen Gräben standen. Junges Gebüsch schlang sich um die alten Mauern, wie ein jugendlicher Kranz um das Silberhaupt eines Greises. Man sah in die Unermesslichkeit der zeiten, und erblickte die weitesten Geschichten in kleine glänzende Minuten zusammengezogen, wenn man die grauen Steine, die blitzähnlichen Risse, und die hohen, schaurigen Gestalten betrachtete. So zeigt uns der Himmel unendliche Räume in dunkles Blau gekleidet und wie milchfarbne Schimmer, so unschuldig, wie die Wangen eines Kindes, die fernsten Heere seiner schweren ungeheuren Welten. Sie gingen durch ein altes Torweg und der Pilger war nicht wenig erstaunt, als er sich nun von lauter seltenen Gewächsen umringt und die Reitze des anmutigsten Gartens unter diesen Trümmern versteckt sah. Ein kleines steinernes Häuschen von neuer Bauart mit grossen hellen Fenstern lag dahinter. Dort stand ein alter Mann hinter den breitblättrigen Stauden und band die schwanken Zweige an Stäbchen. Den Pilgrimm führte seine Begleiterinn zu ihm und sagte: Hier ist Heinrich nach den du mich oft gefragt hast.
Wie sich der Alte zu ihm wandte, glaubte Heinrich den Bergmann vor sich zu sehen. Du siehst den Arzt Sylvester, sagte das Mädchen. Sylvester freute sich ihn zu sehen, und sprach: Es ist eine geraume Zeit her, dass ich deinen Vater eben so jung bei mir sah. Ich liess es mir damals angelegen sein, ihn mit den Schätzen der Vorwelt, mit der kostbaren Hinterlassenschaft einer zu früh abgeschiedenen Welt bekannt zu machen. Ich bemerkte in ihm die Anzeichen eines grossen Bildkünstlers. Sein Auge regte sich voll Lust ein wahres Auge, ein schaffendes Werckzeug zu werden. Sein Gesicht zeugte von innrer Festigkeit und ausdauernden Fleis. Aber die gegenwärtige Welt hatte zu tiefe Wurzeln schon bei ihm geschlagen. Er wollte nicht achtung geben auf den Ruf seiner eigensten natur. Die trübe Strenge seines vaterländischen himmels hatte die zarten Spitzen der edelsten Pflanze in ihn verdorben. Er ward ein geschickter Handwerker und die Begeisterung ist ihm zur Torheit geworden. Wohl, versezte Heinrich, hab ich in ihm oft mit Schmerzen einen stillen Missmut bemerkt. Er arbeitet unaufhörlich aus Gewohnheit und nicht aus innrer Lust. Es scheint ihm etwas zu fehlen, was die friedliche Stille seines Lebens, die Bequemlichkeiten seines Auskommens, die Freude sich geehrt und geliebt von seinen Mitbürgern zu sehen und in allen Stadtangelegenheiten zu Rate gezogen zu werden, ihm nicht ersetzen kann. Seine Bekannten halten ihn für sehr glücklich, aber sie wissen nicht, wie lebenssatt er ist, wie leer ihm oft die Welt vorkommt, wie sehnlich er sich hinwegwünscht, und wie er nicht aus Erwerblust, sondern um diese Stimmung zu verscheuchen, so fleissig arbeitet.
Was mich am Meisten wundert, versezte Sylvester, dass er eure Erziehung ganz in den Händen eurer Mutter gelassen hat und sorgfältig sich gehütet in eure Entwicklung sich zu mischen oder euch zu irgend einem bestimmten stand anzuhalten. Ihr habt von Glück zu sagen, dass ihr habt aufwachsen dürfen, ohne von euren Eltern die mindeste Beschränkung zu leiden, denn die Meisten Menschen sind nur Überbleibsel eine[s] vollen Gastmahls, das Menschen von verschiednen Appetit und Geschmack geplündert haben.
Ich weis selbst nicht, erwiderte Heinrich, was Erziehung heisst, wenn es nicht das Leben und die Sinnesweise meiner Eltern ist, oder der Unterricht meines Lehrers des Hofkaplans. Mein Vater scheint mir, bei aller seiner kühlen und durchaus festen denkart, die ihn alle Verhältnisse, wie ein Stück Metall und eine künstliche Arbeit ansehn lässt, doch unwillkührlich und ohne es daher selbst zu wissen, eine stille Ehrfurcht und Gottesfurcht vor allen unbegreiflichen und höhern Erscheinungen zu haben, und daher das Aufblühen eines Kindes mit demütiger Selbstverleugnung zu betrachten. Ein Geist ist hier geschäftig, der frisch aus der unendlichen Quelle kommt und dieses Gefühl der Überlegenheit eines Kindes in den allerhöchsten Dingen[,] der unwiderstehliche Gedanke einer nähern Führung dieses unschuldigen Wesens