1802_Novails_082_48.txt

das erste Stäubchen in die Narbe,

Denkt an den Kuss nach aufgehobnen Tisch.

Ich quoll in meine eigne Flut zurück

Es war ein Blitznun konnte ich schon mich regen,

Die zarten Fäden und den Kelch bewegen,

Schnell schossen, wie ich selber mich begann,

Zu irrdischen Sinnen die Gedanken an.

Noch war ich blind, doch schwankten lichte Sterne

Durch meines Wesens wunderbare Ferne,

Nichts war noch nah, ich fand mich nur von weiten,

Ein Anklang alter, so wie künftger zeiten.

Aus Wehmut, Lieb' und Ahndungen entsprungen

War der Besinnung Wachstum nur ein Flug,

Und wie die Wollust Flammen in mir schlug,

Ward ich zugleich vom höchsten Weh

durchdrungen.

Die Welt lag blühend um den hellen Hügel,

Die Worte des Profeten wurden Flügel,

Nicht einzeln mehr nur Heinrich und Matilde

Vereinten Beide sich zu Einem Bilde. –

Ich hob mich nun gegen Himmel neugebohren,

Vollendet war das irrdische Geschick

Im seligen Verklärungsaugenblick,

Es hatte nun die Zeit ihr Recht verlohren

Und forderte, was sie geliehn, zurück.

Es bricht die neue Welt herein

Und verdunkelt den hellsten Sonnenschein[,]

Man sieht nun aus bemoossten Trümmern

Eine wunderseltsame Zukunft schimmern

Und was vordem alltäglich war

Scheint jetzt fremd und wunderbar.

'Eins in allem und alles im Einen

Gottes Bild auf Kräutern und Steinen

Gottes Geist in Menschen und Tieren,

Dies muss man sich zu Gemüte führen.

Keine Ordnung mehr nach Raum und Zeit

Hier Zukunft in der Vergangenheit[.]'

Der Liebe Reich ist aufgetan

Die Fabel fängt zu spinnen an.

Das Urspiel jeder natur beginnt

Auf kräftige Worte jedes sinnt

Und so das grosse Weltgemüt

Überall sich regt und unendlich blüht.

Alles muss in einander greifen

Eins durch das Andre gedeihn und reifen;

Jedes in Allen dar sich stellt

Indem es sich mit ihnen vermischet

Und gierig in ihre Tiefen fällt

Sein eigentümliches Wesen erfrischet

Und tausend neue Gedanken erhält.

Die Welt wird Traum, der Traum wird Welt

Und was man geglaubt, es sei geschehn

Kann man von weiten erst kommen sehen.

Frei soll die Fantasie erst schalten,

Nach ihrem Gefallen die Fäden verweben

Hier manches verschleiern, dort manches entfalten,

Und endlich in magischen Dunst verschweben.

Wehmut und Wollust, Tod und Leben

Sind hier in innigster Sympatie

Wer sich der höchsten Lieb' ergeben,

Genest von ihren Wunden nie.

Schmerzhaft muss jenes Band zerreissen

Was sich ums innre Auge zieht,

Einmal das treuste Herz verwaisen,

Eh es der trüben Welt entflieht.

Der Leib wird aufgelöst in Tränen,

Zum weiten grab wird die Welt,

In das, verzehrt von bangen Sehnen,

Das Herz, als Asche, niederfällt.

Auf dem schmalen Fusssteige, der ins Gebürg hinauflief, ging ein Pilgrimm in tiefen Gedanken. Mittag war vorbei. Ein starker Wind sauste durch die blaue Luft. Seine dumpfen mannichfaltigen Stimmen verlohren sich, wie sie kamen. War er vielleicht durch die Gegenden der Kindheit geflogen? Oder durch andre redende Länder? Es waren Stimmen, deren Echo nach im Innersten klang und dennoch schien sie der Pilgrimm nicht zu kennen. Er hatte nun das Gebürg erreicht, wo er das Ziel seiner Reise zu finden hofftehoffte? – Er hoffte gar nichts mehr. Die entsetzliche Angst und dann die trockne Kälte der gleichgültigsten Verzweiflung trieben ihn die wilden Schrecknisse des Gebürgs aufzusuchen. Der mühselige gang beruhigte das zerstörende Spiel der inneren Gewalten. Er war matt aber still. Noch sah er nichts was um ihn her sich allmälich gehäuft hatte, als er sich auf einen Stein setzte, und den blick rückwärts wandte. Es dünkte ihm, als träume er jetzt oder habe er geträumt. Eine unübersehliche Herrlichkeit schien sich vor ihm aufzutun. Bald flossen seine Tränen, indem sein Innres plötzlich brach. Er wollte sich in die Ferne verweinen, dass auch keine Spur seines Daseins übrig bliebe. Unter dem heftigen Schluchzen schien er zu sich selbst zu kommen; die weiche, heitre Luft durchdrang ihn, seinen Sinnen ward die Welt wieder gegenwärtig und alte Gedanken fiengen tröstlich zu reden an. Dort lag Augsburg mit seinen Türmen. Fern am Gesichtskreis blinkte der Spiegel des furchtbaren, geheimnissvollen Stroms. Der ungeheure Wald bog sich mit tröstlichen Ernst zu dem Wandererdas gezackte Gebürg ruhte so bedeutend über der Ebene und beide schienen zu sagen: Eile nur Strom, du entfliehst uns nichtIch will dir folgen mit geflügelten Schiffen. Ich will dich brechen und halten und dich verschlukken in meinen Schoos. Vertraue du uns Pilgrimm, es ist auch unser Feind, den wir selbst erzeugtenLass ihn eilen mit seinem Raub, er entflieht uns nicht. Der arme Pilgrimm gedachte der alten zeiten, und ihrer unsäglichen EntzückungenAber wie matt gingen diese köstlichen Errinnerungen vorüber. Der breite Hut verdeckte ein jugendliches Gesicht. Es war bleich, wie eine Nachtblume. In Tränen hatte sich der Balsamsaft des jungen Lebens, in tiefe Seufzer sein schwellender Hauch verwandelt. In ein fahles Aschgrau waren alle seine Farben verschossen. Seitwärts am Gehänge schien ihm ein Mönch unter einem alten Eichbaum zu knieen. Sollte das der alte Hofkaplan sein? so dachte er bei sich ohne grosse Verwunderung. Der Mönch kam ihm grösser und ungestalter vor, je näher er zu ihm trat. Er bemerkte nun seinen Irrtum, denn es war ein einzelner Felsen, über den sich der Baum herbog. Stillgerührt fasste er den Stein in seine arme, und drückte ihn lautweinend an seine Brust: Ach, dass doch jetzt deine Reden sich bewährten und die heilge Mutter