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eine kleine Welt in Zeichen und Tönen. Wie der Mensch sie beherrscht, so möchte er gern die grosse Welt beherrschen, und sich frei darin ausdrücken können. Und eben in dieser Freude, das, was ausser der Welt ist, in ihr zu offenbaren, das tun zu können, was eigentlich der ursprüngliche Trieb unsers Daseins ist, liegt der Ursprung der Poesie.

Es ist recht übel, sagte Klingsohr, dass die Poesie einen besonderen Namen hat, und die Dichter eine besondere Zunft ausmachen. Es ist gar nichts besonderes. Es ist die eigentümliche Handlungsweise des menschlichen Geistes. Dichtet und trachtet nicht jeder Mensch in jeder Minute? – Eben trat Matilde in's Zimmer, als Klingsohr noch sagte: Man betrachte nur die Liebe. Nirgends wird wohl die notwendigkeit der Poesie zum Bestand der Menschheit so klar, als in ihr. Die Liebe ist stumm, nur die Poesie kann für sie sprechen. Oder die Liebe ist selbst nichts, als die höchste Naturpoesie. Doch ich will dir nicht Dinge sagen, die du besser weisst, als ich.

Du bist ja der Vater der Liebe, sagte Heinrich, indem er Matilden umschlang, und beide seine Hand küssten.

Klingsohr umarmte sie und ging hinaus. Liebe Matilde, sagte Heinrich nach einem langen Kusse, es ist mir wie ein Traum, dass du mein bist, aber noch wunderbarer ist mir es, dass du es nicht immer gewesen bist. – Mich dünkt, sagte Matilde, ich kennte dich seit undenklichen zeiten. – Kannst du mich denn lieben? – Ich weiss nicht, was Liebe ist, aber das kann ich dir sagen, dass mir ist, als finge ich erst jetzt zu leben an, und dass ich dir so gut bin, dass ich gleich für dich sterben wollte. – Meine Matilde, erst jetzt fühle ich, was es heisst unsterblich zu sein. – Lieber Heinrich, wie unendlich gut bist du, welcher herrliche Geist spricht aus dir. Ich bin ein armes, unbedeutendes Mädchen. – Wie du mich tief beschämst! bin ich doch nur durch dich, was ich bin. Ohne dich wäre ich nichts. Was ist ein Geist ohne Himmel, und du bist der Himmel, der mich trägt und erhält. – Welches selige geschöpf wäre ich, wenn du so treu wärst, wie mein Vater. Meine Mutter starb kurz nach meiner Geburt; Mein Vater weint fast alle Tage noch um sie. – Ich verdiene es nicht, aber möchte ich glücklicher sein, als er. – Ich lebte gern recht lange an deiner Seite, lieber Heinrich. Ich werde durch dich gewiss viel besser. – Ach! Matilde, auch der Tod wird uns nicht trennen. – Nein, Heinrich, wo ich bin, wirst du sein. – Ja wo du bist, Matilde, werde' ich ewig sein. – Ich begreife nichts von der Ewigkeit, aber ich dächte, das müsste die Ewigkeit sein, was ich empfinde, wenn ich an dich denke. – Ja Matilde, wir sind ewig weil wir uns lieben. – Du glaubst nicht Lieber, wie inbrünstig ich heute früh, wie wir nach haus kamen, vor dem Bilde der himmlischen Mutter niederkniete, wie unsäglich ich zu ihr gebetet habe. Ich glaubte in Tränen zu zerfliessen. Es kam mir vor, als lächelte sie mir zu. Nun weiss ich erst was Dankbarkeit ist. – O Geliebte, der Himmel hat dich mir zur Verehrung gegeben. Ich bete dich an. Du bist die Heilige, die meine Wünsche zu Gott bringt, durch die er sich mir offenbart, durch die er mir die Fülle seiner Liebe kund tut. Was ist die Religion, als ein unendliches Einverständniss, eine ewige Vereinigung liebender Herzen? Wo zwei versammelt sind, ist er ja unter ihnen. Ich habe ewig an dir zu atmen; meine Brust wird nie aufhören dich in sich zu ziehen. Du bist die göttliche Herrlichkeit, das ewige Leben in der lieblichsten Hülle. – Ach! Heinrich, du weisst das Schicksal der Rosen; wirst du auch die welken Lippen, die bleichen Wangen mit Zärtlichkeit an deine Lippen drücken? Werden die Spuren des Alters nicht die Spuren der vorübergegangenen Liebe sein? – O! könntest du durch meine Augen in mein Gemüt sehen! aber du liebst mich und so glaubst du mir auch. Ich begreife das nicht, was man von der Vergänglichkeit der Reitze sagt. O! sie sind unverwelklich. Was mich so unzertrennlich zu dir zieht, was ein ewiges Verlangen in mir geweckt hat, das ist nicht aus dieser Zeit. Könntest du nur sehen, wie du mir erscheinst, welches wunderbare Bild deine Gestalt durchdringt und mir überall entgegen leuchtet, du würdest kein Alter fürchten. Deine irdische Gestalt ist nur ein Schatten dieses Bildes. Die irdischen Kräfte ringen und quellen um es festzuhalten, aber die natur ist noch unreif; das Bild ist ein ewiges Urbild, ein teil der unbekannten heiligen Welt. – Ich verstehe dich, lieber Heinrich, denn ich sehe etwas Ähnliches, wenn ich dich anschaue. – Ja Matilde, die höhere Welt ist uns näher, als wir gewöhnlich denken. Schon hier leben wir in ihr, und wir erblicken sie auf das Innigste mit der irdischen natur verwebt. – Du wirst mir noch viel herrliche Sachen offenbaren, Geliebtester. – O! Matilde, von dir allein kommt mir die Gabe der Weissagung. Alles ist ja dein, was ich