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sie mit Flammen ihn durchdringt.

*

Er wird im Lenz mit Lust empfangen,

Der zarte Schoss quillt still empor,

Und wenn des Herbstes Früchte prangen

Springt auch das goldne Kind hervor.

*

Sie legen ihn in enge Wiegen

In's unterirdische Geschoss.

Er träumt von Festen und von Siegen

Und baut sich manches luft'ge Schloss.

*

Es nahe keiner seiner kammer,

Wenn er sich ungeduldig drängt,

Und jedes Band und jede Klammer

Mit jugendlichen Kräften sprengt.

*

Denn unsichtbare Wächter stellen

So lang er träumt sich um ihn her;

Und wer betritt die heil'gegen Schwellen,

Den trift ihr luftumwundner Speer.

So wie die Schwingen sich entfalten,

Lässt er die lichten Augen sehen,

Lässt ruhig seine Priester schalten

Und kommt heraus wenn sie ihm flehn.

*

Aus seiner Wiege dunklem Schoosse,

Erscheint er in Krystallgewand;

Verschwiegener Eintracht volle Rose

Trägt er bedeutend in der Hand.

*

Und überall um ihn versammeln

Sich seine Jünger hocherfreut;

Und tausend frohe Zungen stammeln,

Ihm ihre Lieb' und Dankbarkeit.

*

Er sprützt in ungezählten Strahlen

Sein innres Leben in die Welt,

Die Liebe nippt aus seinen Schalen

Und bleibt ihm ewig zugesellt.

*

Er nahm als Geist der goldnen zeiten

Von jeher sich des Dichters an,

Der immer seine Lieblichkeiten

In trunknen Liedern aufgetan.

*

Er gab ihm, seine Treu zu ehren,

Ein Recht auf jeden hübschen Mund,

Und dass es keine darf ihm wehren,

Macht Gott durch ihn es allen kund.

*

Ein schöner Profet! riefen die Mädchen. Schwaning freute sich herzlich. Sie machten noch einige Einwendungen, aber es half nichts. Sie mussten ihm die süssen Lippen hinreichen. Heinrich schämte sich nur vor seiner ernsten Nachbarin, sonst hätte er sich laut über das Vorrecht der Dichter gefreut. Veronika war unter den Kranzträgerinnen. Sie kam frölich zurück und sagte zu Heinrich: Nicht wahr, es ist hübsch, wenn man ein Dichter ist? Heinrich getraute sich nicht, diese Frage zu benutzen. Der Übermut der Freude und der Ernst der ersten Liebe kämpften in seinem Gemüt. Die reizende Veronika scherzte mit den Andern, und so gewann er Zeit, den ersten etwas zu dämpfen. Matilde erzählte ihm, dass sie die Guitarre spiele. Ach! sagte Heinrich, von euch möchte ich sie lernen. Ich habe mich lange darnach gesehnt. – Mein Vater hat mich unterrichtet, Er spielt sie unvergleichlich, sagte sie errötend. – Ich glaube doch, erwiderte Heinrich, dass ich sie schneller bei euch lerne. Wie freue ich mich euren Gesang zu hören. – Stellt euch nur nicht zu viel vor. – O! sagte Heinrich, was sollte ich nicht erwarten können, da eure blosse Rede schon Gesang ist, und eure Gestalt eine himmlische Musik verkündigt.

Matilde schwieg. Ihr Vater fing ein Gespräch mit ihm an, in welchem Heinrich mit der lebhaftesten Begeisterung sprach. Die nächsten wunderten sich über des Jünglings Beredsamkeit, über die Fülle seiner bildlichen Gedanken. Matilde sah ihn mit stiller Aufmerksamkeit an. Sie schien sich über seine Reden zu freuen, die sein Gesicht mit den sprechendsten Mienen noch mehr erklärte. Seine Augen glänzten ungewöhnlich. Er sah sich zuweilen nach Matilden um, die über den Ausdruck seines Gesichts erstaunte. Im Feuer des Gesprächs ergriff er unvermerkt ihre Hand, und sie konnte nicht umhin, manches was er sagte, mit einem leisen Druck zu bestätigen. Klingsohr wusste seinen Entusiasmus zu unterhalten, und lockte allmählich seine ganze Seele auf die Lippen. Endlich stand alles auf. Alles schwärmte durch einander. Heinrich war an Matildens Seite geblieben. Sie standen unbemerkt abwärts. Er hielt ihre Hand und küsste sie zärtlich. Sie liess sie ihm, und blickte ihn mit unbeschreiblicher Freundlichkeit an. Er konnte sich nicht halten, neigte sich zu ihr und küsste ihre Lippen. Sie war überrascht, und erwiderte unwillkührlich seinen heissen Kuss. Gute Matilde, lieber Heinrich, das war alles, was sie einander sagen konnten. Sie drückte seine Hand, und ging unter die Andern. Heinrich stand, wie im Himmel. Seine Mutter kam auf ihn zu. Er liess seine ganze Zärtlichkeit an ihr aus. Sie sagte: Ist es nicht gut, dass wir nach Augsburg gereist sind? Nicht wahr, es gefällt dir? Liebe Mutter, sagte Heinrich, so habe ich mir es doch nicht vorgestellt. Es ist ganz herrlich.

Der Rest des Abends verging in unendlicher Fröhlichkeit. Die Alten spielten, plauderten, und sahen den Tänzen zu. Die Musik wogte wie ein Lustmeer im saal, und hob die berauschte Jugend.

Heinrich fühlte die entzückenden Weissagungen der ersten Lust und Liebe zugleich. Auch Matilde liess sich willig von den schmeichelnden Wellen tragen, und verbarg ihr zärtliches Zutrauen, ihre aufkeimende Neigung zu ihm nur hinter einem leichten Flor. Der alte Schwaning bemerkte das kommende Verständniss, und neckte beide.

Klingsohr hatte Heinrichen lieb gewonnen, und freute sich seiner Zärtlichkeit. Die andern Jünglinge und Mädchen hatten es bald bemerkt. Sie zogen die ernste Matilde mit dem jungen Türinger auf, und verhehlten nicht, dass es ihnen lieb sei, Matildens Aufmerksamkeit nicht mehr bei ihren Herzensgeschäften scheuen zu dürfen.

Es war tief in der Nacht, als die Gesellschaft auseinanderging. Das erste und einzige fest meines Lebens, sagte Heinrich zu sich selbst, als er allein war, und seine Mutter sich ermüdet zur Ruhe gelegt hatte. Ist mir nicht zu Mute wie in jenem Traume, beim Anblick der blauen Blume?