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Gesicht. Es zeigt ein klares und umfassendes Gemüt, und seine stimme kommt tief aus dem Herzen. Ich hoffe, erwiderte Schwaning, dass er euer gelehriger Schüler sein wird. Mich däucht er ist zum Dichter geboren. Euer Geist komme über ihn. Er sieht seinem Vater ähnlich; nur scheint er weniger heftig und eigensinnig. Jener war in seiner Jugend voll glücklicher Anlagen. Eine gewisse Freisinnigkeit fehlte ihm. Es hätte mehr aus ihm werden können, als ein fleissiger und fertiger Künstler. – Heinrich wünschte den Tanz nie zu endigen. Mit innigem Wohlgefallen ruhte sein Auge auf den Rosen seiner Tänzerinn. Ihr unschuldiges Auge vermied ihn nicht. Sie schien der Geist ihres Vaters in der lieblichsten Verkleidung. Aus ihren grossen ruhigen Augen sprach ewige Jugend. Auf einem lichtimmelblauen grund lag der milde Glanz der braunen Sterne. Stirn und Nase senkten sich zierlich um sie her. Eine nach der aufgehenden Sonne geneigte Lilie war ihr Gesicht, und von dem schlanken, weissen Halse schlängelten sich blaue Adern in reizenden Windungen um die zarten Wangen. Ihre stimme war wie ein fernes Echo, und das braune lockige Köpfchen schien über der leichten Gestalt nur zu schweben.

Die Schüsseln kamen herein, und der Tanz war aus. Die älteren Leute setzten sich auf die Eine Seite, und die jüngern nahmen die Andere ein.

Heinrich blieb bei Matilden. Eine junge Verwandte setzte sich zu seiner Linken, und Klingsohr sass ihm gerade gegenüber. So wenig Matilde sprach, so gesprächig war Veronika, seine andere Nachbarin. Sie tat gleich mit ihm vertraut und machte ihn in kurzem mit allen Anwesenden bekannt. Heinrich verhörte manches. Er war noch bei seiner Tänzerin, und hätte sich gern öfters rechts gewandt. Klingsohr machte ihrem Plaudern ein Ende. Er fragte ihn nach dem Bande mit sonderbaren Figuren, was Heinrich an seinem Leibrock befestigt hatte. Heinrich erzählte von der Morgenländerin mit vieler Rührung. Matilde weinte, und Heinrich konnte nun seine Tränen kaum verbergen. Er geriet darüber mit ihr ins Gespräch. Alle unterhielten sich; Veronika lachte und scherzte mit ihren Bekannten. Matilde erzählte ihm von Ungarn, wo ihr Vater sich oft aufhielt, und von dem Leben in Augsburg. Alle waren vergnügt. Die Musik verscheuchte die Zurückhaltung und reizte alle Neigungen zu einem muntern Spiel. Blumenkörbe dufteten in voller Pracht auf dem Tische, und der Wein schlich zwischen den Schüsseln und Blumen umher, schüttelte seine goldnen Flügel und stellte bunte Tapeten zwischen die Welt und die Gäste. Heinrich begriff erst jetzt, was ein fest sei. Tausend frohe Geister schienen ihm um den Tisch zu gaukeln, und in stiller Sympatie mit den frölichen Menschen von ihren Freuden zu leben und mit ihren Genüssen sich zu berauschen. Der Lebensgenuss stand wie ein klingender Baum voll goldener Früchte vor ihm. Das Übel liess sich nicht sehen, und es dünkte ihm unmöglich, dass je die menschliche Neigung von diesem Baume zu der gefährlichen Frucht des Erkenntnisses, zu dem Baume des Krieges sich gewendet haben sollte. Er verstand nun den Wein und die speisen. Sie schmeckten ihm überaus köstlich. Ein himmlisches Öl würzte sie ihm, und aus dem Becher funkelte die Herrlichkeit des irdischen Lebens. Einige Mädchen brachten dem alten Schwaning einen frischen Kranz. Er setzte ihn auf, küsste sie, und sagte: Auch unserm Freund Klingsohr müsst ihr einen bringen, wir wollen beide zum Dank euch ein paar neue Lieder lehren. Das meinige sollt ihr gleich haben. Er gab der Musik ein Zeichen, und sang mit lauter stimme:

Sind wir nicht geplagte Wesen?

Ist nicht unser los betrübt?

Nur zu Zwang und Not erlesen

In Verstellung nur geübt,

Dürfen selbst nicht unsre Klagen

Sich aus unserm Busen wagen.

*

Allem was die Eltern sprechen,

Widerspricht das volle Herz.

Die verbotne Frucht zu brechen

Fühlen wir der sehnsucht Schmerz;

Möchten gern die süssen Knaben

fest an unserm Herzen haben.

*

Wäre dies zu denken Sünde?

Zollfrei sind Gedanken doch.

Was bleibt einem armen kind

Ausser süssen Träumen noch?

Will man sie auch gern verbannen,

Nimmer ziehen sie von dannen.

*

Wenn wir auch des Abends beten,

Schreckt uns doch die Einsamkeit,

Und zu unsern Küssen treten

sehnsucht und gefälligkeit.

Könnten wir wohl widerstreben

Alles, Alles hinzugeben?

*

Unsere Reize zu verhüllen,

Schreibt die strenge Mutter vor.

Ach! was hilft der gute Willen,

Quellen sie nicht selbst empor?

Bei der sehnsucht innrem Beben

Muss das beste Band sich geben.

*

Jede Neigung zu verschliessen,

Hart und kalt zu sein, wie Stein,

Schöne Augen nicht zu grüssen,

fleissig und allein zu sein,

Keiner Bitte nachzugeben:

Heisst das wohl ein Jugendleben?

*

Gross sind eines Mädchens Plagen,

Ihre Brust ist krank und wund,

Und zum Lohn für stille Klagen

Küsst sie noch ein welker Mund.

Wird denn nie das Blatt sich wenden,

Und das Reich der Alten enden?

Die alten Leute und die Jünglinge lachten. Die Mädchen erröteten und lächelten abwärts. Unter tausend Neckereien wurde ein zweiter Kranz geholt, und Klingsohren aufgesetzt. Sie baten aber inständigst um keinen so leichtfertigen Gesang. Nein, sagte Klingsohr, ich werde mich wohl hüten so frevelhaft von euren Geheimnissen zu reden. Sagt selbst, was ihr für ein Lied haben wollt. Nur nichts von Liebe, riefen die Mädchen ein Weinlied, wenn es euch ansteht. Klingsohr sang:

Auf grünen Bergen wird geboren,

Der Gott, der uns den Himmel bringt.

Die Sonne hat ihn sich erkohren,

Dass