1802_Novails_082_14.txt

Tron;

Der Dichter steigt auf rauhen Stufen

Hinan, und wird des Königs Sohn.

*

So weit war er in seinem Gesange gekommen, und ein sonderbares Erstaunen hatte sich der Versammlung bemächtigt, als während dieser Strophen ein alter Mann mit einer verschleierten weiblichen Gestalt von edlem Wuchse, die ein wunderschönes Kind auf dem arme trug, das freundlich in der fremden Versammlung umhersah, und lächelnd nach dem blitzenden Diadem des Königs die kleinen Händchen streckte, zum Vorschein kamen, und sich hinter den Sänger stellten; aber das Staunen wuchs, als plötzlich aus den Gipfeln der alten Bäume, der Lieblingsadler des Königs, den er immer um sich hatte, mit einer goldenen Stirnbinde, die er aus seinen Zimmern entwandt haben musste, herabflog, und sich auf das Haupt des Jünglings niederliess, so dass die Binde sich um seine Locken schlug. Der Fremdling erschrak einen Augenblick; der Adler flog an die Seite des Königs, und liess die Binde zurück. Der Jüngling reichte sie dem kind, das darnach verlangte, liess sich auf ein Knie gegen den König nieder, und fuhr in seinem Gesange mit bewegter stimme fort:

*

Der Sänger fährt aus schönen Träumen

Mit froher Ungeduld empor;

Er wandelt unter hohen Bäumen

Zu des Pallastes ehrnem Tor.

Die Mauern sind wie Stahl geschliffen,

Doch sie erklimmt sein Lied geschwind,

Es steigt von Lieb' und Weh ergriffen

Zu ihm hinab des Königs Kind.

*

Die Liebe drückt sie fest zusammen

Der Klang der Panzer treibt sie fort;

Sie lodern auf in süssen Flammen,

Im nächtlich stillen Zufluchtsort.

Sie halten furchtsam sich verborgen,

Weil sie der Zorn des Königs schreckt;

Und werden nun von jedem Morgen

Zu Schmerz und Lust zugleich erweckt.

*

Der Sänger spricht mit sanften Klängen

Der neuen Mutter Hoffnung ein;

Da tritt, gelockt von den Gesängen

Der König in die Kluft hinein.

Die Tochter reicht in goldnen Locken

Den Enkel von der Brust ihm hin;

Sie sinken reuig und erschrocken,

Und mild zergeht sein strenger Sinn.

*

Der Liebe weicht und dem Gesange

Auch auf dem Tron ein Vaterherz,

Und wandelt bald in süssem Drange

Zu ewger Lust den tiefen Schmerz.

Die Liebe gibt, was sie entrissen,

Mit reichem Wucher bald zurück,

Und unter den Versöhnungsküssen

Entfaltet sich ein himmlisch Glück.

*

Geist des Gesangs, komm du hernieder,

Und steh auch jetzt der Liebe bei;

Bring die verlorne Tochter wieder,

Dass ihr der König Vater sei! –

Dass er mit Freuden sie umschliesset,

Und seines Enkels sich erbarmt,

Und wenn das Herz ihm überfliesset,

Den Sänger auch als Sohn umarmt.

Der Jüngling hob mit bebender Hand bei diesen Worten, die sanft in den dunklen Gängen verhallten, den Schleier. Die Prinzessin fiel mit einem Strom von Tränen zu den Füssen des Königs, und hielt ihm das schöne Kind hin. Der Sänger kniete mit gebeugtem haupt an ihrer Seite. Eine ängstliche Stille schien jeden Atem festzuhalten. Der König war einige Augenblicke sprachlos und ernst; dann zog er die Prinzessin an seine Brust, drückte sie lange fest an sich und weinte laut. Er hob nun auch den Jüngling zu sich auf, und umschloss ihn mit herzlicher Zärtlichkeit. Ein helles Jauchzen flog durch die Versammlung, die sich dicht zudrängte. Der König nahm das Kind und reichte es mit rührender Andacht gegen Himmel; dann begrüsste er freundlich den Alten. Unendliche Freudentränen flossen. In Gesänge brachen die Dichter aus, und der Abend ward ein heiliger Vorabend dem ganzen land, dessen Leben fortan nur Ein schönes fest war. Kein Mensch weiss, wo das Land hingekommen ist. Nur in Sagen heisst es, dass Atlantis von mächtigen Fluten den Augen entzogen worden sei.

Viertes Kapitel

Einige Tagereisen waren ohne die mindeste Unterbrechung geendigt. Der Weg war fest und trocken, die Witterung erquickend und heiter, und die Gegenden, durch die sie kamen, fruchtbar, bewohnt und mannichfaltig. Der furchtbare Türinger Wald lag im rücken; die Kaufleute hatten den Weg öfter gemacht, waren überall mit den Leuten bekannt, und erfuhren die gastfreiste Aufnahme. Sie vermieden die abgelegenen und durch Räubereien bekannten Gegenden, und nahmen, wenn sie ja gezwungen waren, solche zu durchreisen, ein hinlängliches Geleite mit. Einige Besitzer benachbarter Bergschlösser standen mit den Kaufleuten in gutem Vernehmen. Sie wurden besucht und bei ihnen nachgefragt, ob sie Bestellungen nach Augsburg zu machen hätten. Eine freundliche Bewirtung ward ihnen zu teil, und die Frauen und Töchter drängten sich mit herzlicher Neugier um die Fremdlinge. Heinrichs Mutter gewann sie bald durch ihre gutmütige Bereitwilligkeit und Teilnahme. Man war erfreut eine Frau aus der Residenzstadt zu sehen, die eben so willig die Neuigkeiten der Mode, als die Zubereitung einiger schmackhafter Schüsseln mitteilte. Der junge Ofterdingen ward von Rittern und Frauen wegen seiner Bescheidenheit und seines ungezwungenen milden Betragens gepriesen, und die letzteren verweilten gern auf seiner einnehmenden Gestalt, die wie das einfache Wort eines Unbekannten war, das man fast überhört, bis längst nach seinem Abschiede es seine tiefe unscheinbare Knospe immer mehr auftut, und endlich eine herrliche Blume in allem Farbenglanze dichtverschlungener Blätter zeigt, so dass man es nie vergisst, nicht müde wird es zu wiederholen, und einen unversieglichen immer gegenwärtigen Schatz daran hat. Man besinnt sich nun genauer auf den Unbekannten, und ahndet und ahndet, bis es auf einmal klar wird, dass es ein Bewohner der höhern Welt gewesen sei. – Die Kaufleute erhielten eine grosse Menge Bestellungen, und man trennte sich gegenseitig mit herzlichen Wünschen,