den ersten Schiffer hat man vielleicht einen Wahnwitzigen genannt. Gewiss kann man über einen Menschen keinen schrecklichern Fluch aussprechen als den: erhebe dich nie über die Erfahrung. –
Ich weiss nicht mehr was ich glaube – sagst Du – aber Du fühlst es; und das ist genug, Gott, das Schicksal, die natur, oder wie Du es nach Deiner Vorstellungsart nennen willst – liebt Dich und führt Dich weise. Dieses himmlische Mädchen allein konnte Dein Herz retten. Mögte es auf lange Zeit, mögte es für immer sein! –
Freilich, ich gestehe es, kann man sich bei aller Freundschaft einer Art Unwillens nicht erwehren, dass dieses herrliche geschöpf Dir aufgeopfert werden soll. Aber ich bin nun einmal Dein Freund; wie kann ich aufhören es zu sein? – Mag es das Schicksal verantworten! – Ich darf nichts als Dir treu bleiben.
Vier und zwanzigster Brief
Olivier an Reinhold
Was war das? – Du darfst nichts als mir treu bleiben – Darfst nicht? – Also wenn Du nun dürftest? – – Mein Herr! das gilt einen gang! – Von hier bis ... sind nur dreissig Meilen.
Fünf und zwanzigster Brief
Reinhold an Olivier
Gänge so viel Du willst. Ich habe zwar mit dem berühmten Sieger bei M... zu tun; aber mein Fechtmeister war doch auch mit mir zufrieden, und für eine solche Sache kämpft es sich vortreflich.
sechs und zwanzigster Brief
Olivier an Reinhold
So trotzig? – Du weisst, dass ich Dich liebe; aber baue nicht zu viel darauf. Mögtest Dich irren. – Nun Du hast sie nicht gesehen! das ist mein Trost. Am Ende kommt auch wohl alles von der Amazone. Sie mag schöne Gemählde von mir entwerfen. – So gar arg ist es nicht, Mademoiselle! Machen Sie immer den Pferdefuss etwas kleiner! – Mit aller Weisheit haben Sie doch wohl auch Ihre bösen Augenblicke! so wie unser Einer seine guten, und hätten Sie meine Julie nicht gehabt, wer wüsste. –
Wahrlich! wenn ich es recht bedenke, bin ich nicht ein Tor, diese Korrespondenz noch zu dulden? – Als Juliens Vormund, wie leicht konnte ich sie verbieten. –
Darum warne die Donna. – Ich fasse mir sonst ein Herz. Mag es mich dann auch schmerzen.
Sieben und zwanzigster Brief
Reinhold an Olivier
Sei ruhig! Du wirst nichts tun, was Dich schmerzt. Im Notfalle verhindere ich Dich daran; so wie ich es vormals getan habe. – Du bist Juliens Vormund; nicht ihr Tyrann. Mässige Dich! es gibt Mittel sie Deiner Gewalt zu entziehen,
Acht und zwanzigster Brief
Olivier an Reinhold
Tod und Teufel! was untersteht Ihr Euch! Mich zwingen! das wäre das erste Mal in meinem Leben! – Und wenn sie nun meine Verlobte, wenn sie nun meine Frau ist? Was wollt Ihr dann? – Ah ha! daran habt Ihr nicht gedacht! – Wartet! ich werde Euch lehren, mir Regeln vorzuschreiben. Noch in dieser Woche ist die Verlobung, und dann kommt einmal und mischt Euch in meine Angelegenheiten.
Neun und zwanzigster Brief
Wilhelmine an ihre Mutter
Es war die höchste Zeit, beste Mutter! Einen Tag später, und meine Julie war verloren. Ich fand die Alte noch im Bette, und Julie schöner und duldender als jemals. Man sah es, sie hatte geweint, gewacht, unbeschreiblich gelitten; aber es ist und bleibt das Gesicht eines Seraphs. Noch etwas grösser ist sie geworden, und ihre blonden Haare schattiren jetzt in das Braune. Ihre Haut ist blendender, und der blick ihres grossen Himmelauges dringt bis in das Innerste der Seele.
Der schreckliche Mensch war auch da, und zitterte vor Wut, da ich mich Julien näherte. "Die Mutter könne sie nicht entbehren, es sei vor dem Winter unmöglich," und was dergleichen Ausflüchte mehr waren. – Aber jetzt übergab ich Ihren Brief. Herr Olivier fand nun für gut die Maske abzuziehen, erklärte gerade heraus, er werde es nicht dulden, und erhitzte sich während seiner Protestation so sehr, dass er wirklich schäumte, als der Arzt – Juliens zweiter Vormund – herein trat.
Ich wandte mich sogleich an ihn, und bat um seine Entscheidung. Er war ganz für die Reise und behauptete, Julie werde ohne diese Zerstreuung einer ernstaften Krankheit nicht entgehen. Um den Herrn Obristen völlig zu schlagen, bot er seine Schwester zur Wartung der Mutter an, und so konnte man denn vernünftiger Weise nichts mehr einwenden.
Noch ehe der Obriste sich von seiner Betäubung erholte, war der Reiseplan fertig, und Julie fiel mir, wie eine erlöste Gefangne, mit einem Tränenstrome um den Hals.
Der Obriste, und sogar die Mutter wurden heftig dadurch erschüttert. Juliens Lächeln hatte die Peiniger getäuscht, und jetzt erst schien das ganze Bewusstsein ihrer Schuld zu erwachen.
Die Mutter sah starr auf den Boden, und der Obriste, nachdem er wie ein Rasender umhergelaufen war, stürzte mit einem Male vor Julien nieder, und rief mit seiner fürchterlichen stimme, halb bittend, halb drohend: "Julie! Sie wollen mich verlassen!"
Das unterdrückte Mädchen schloss sich jetzt noch ängstlicher an meine Brust. Auch bekenne ich, wie ich da den Mann, durch dessen Hand so viele Menschen starben, wie ich den Koloss da vor uns liegen sah, fühlte ich selbst eine Art Schauder.
Doch ermannte ich mich wieder. "Lieben Sie Julie, Herr Obrister – sagte