mit Stolz; nein, mit einem gutmütigen, beschützenden Lächeln, als wollte sie sagen: sei ruhig, du weisst, dass ich dich liebe. Habe ich auch gehört was er sagte; es bleibt darum alles wie es war.
Die Mutter blickte dankbar zu ihr auf, und der Vater rückte ihr mit einer wahren Kammerdienerphysionomie, in komischer Verwirrung den Stuhl zurecht. Wollte sich dann ermannen, und bekam nun, da er vor sie hintrat, das Ansehn eines gezüchtigten Schulknabens. Gewiss wider ihren Willen; denn sie litt unter seiner Verwirrung, und schlug ganz sicher nur deswegen einen Spaziergang in den Garten vor.
Hier leitete ich unvermerkt das Gespräch auf Julie, und nun öfnete sie ohne Rückhalt ihr liebendes Herz.
"Ja ich gestehe es – sagte sie im schönen Entusiasmus – alle meine Wünsche beziehen sich nur auf sie, sie ist die hoffnung meines Lebens. Ich weiss es wohl, man glaubt nicht an Weiberfreundschaften. Aber wüssten Sie, wie wir von Kindheit auf mit einander gelebt haben – Sie würden es begreifen. – Sehen Sie! ich hatte einen wilden eigensüchtigen Charakter. Kein Wunder! Ich war das einzige Kind. Man hatte alles, und leider nichts umsonst getan, mich zu verderben. Gewiss, es würde ein sehr böses geschöpf aus mir geworden sein; hätte dieser Engel mir nicht zur Seite gestanden.
Konnte meine sogenannte Erzieherin mich nicht mehr bändigen; so schickte sie zu Julien. Bei ihr vergass ich meinen Eigensinn und alle meine Launen. Wie ein Friedensengel wurde sie vom ganzen haus empfangen.
Alles was ich gelernt habe, weiss ich durch sie. Kein Lehrer konnte bei mir aushalten. Da geriet man auf den Einfall, Julie mit mir unterrichten zu lassen, und dieser Einfall tat Wunder; eine Träne, ein Lächeln von ihr beherrschte mich, mich, die alles um sich her unterdrückte.
Aber auch das veränderte sich gar bald. Zu ihrer himmlischen Liebe, womit sie Gute und Böse umfasste, konnte sie mich freilich nicht erheben; aber Gerechtigkeit hat sie mich wenigstens gelehrt. Gelehrt, sage ich? – Ach in ihrer stillen Demut wusste sie nichts davon. Tausende würden es nicht geahnet haben. Nur allein meine heftige, ungestüme Liebe zu ihr wurde sichtbar.
Für Julie! – sagte ich bei der ersten Blume, bei dem schönsten Apfel, bei der geschmackvollsten Kleidung. – Stosst sie nicht an! das rate ich Euch – rief ich, wenn man im Gedränge ihr zu nahe kam. – Ein Bedienter der das Unglück hatte ein wenig heisse Brühe auf ihre Hand zu schütten, musste seinen Abschied fodern; weil ich jedesmal laut aufschrie, wenn ich ihn erblickte. Mit einem Worte! sie ist mein Alles und wenn ich sie verliere, wenn sie unglücklich wird, mag ich das ekelhafte Leben nicht mehr tragen."
Jetzt hielt sie plötzlich inne. Ich sah es, sie bereuete die letzten Worte. "Teuerstes fräulein! – sagte ich – mich dünkt, Sie fürchten zu sehr für ihre Julie." – "Nein! nein! rief sie – ach, Sie wissen nicht!" – "Ich weiss alles" – fiel ich ein, und ward erst durch ihr Erstaunen meine Unbedachtsamkeit gewahr. Sie hatte – aber dieser Brief wird ja ein Buch. Ein andermal davon.
Zwei und zwanzigster Brief
Olivier an Reinhold
Es wäre doch sonderbar, wenn Du mich besser kenntest als ich selbst. – Verändert bin ich, das ist gewiss. Solltest Du es glauben? Alle meine kleinen Liebschaften sind aufgegeben, ohne alle sinnliche Schadloshaltung aufgegeben.
Was ist das nun? Ist es Schwärmerei oder natur? – Denn sage was Du willst! Ein Weib ist doch ein Weib, und wenn sie schön ist und ich gesund bin; so muss ich als Mann ihrer begehren. Gleichwohl – Dank meiner Entaltsamkeit – bin ich gesünder als jemals, und doch scheint mir jede Berührung Enteiligung.
Vormals liess es sich erklären, aber jetzt, da ich keinem andern weib mich nähere. – Wirklich! ich bin mir ein Rätsel. – Wenn die Engelgestalt mich umschwebt, beugen sich unwillkührlich meine Knie, und hätte ich den verdammten Hofmeister-Ton nicht angenommen, wer wüsste was ich täte.
sonderbar! schon seit ihrem zwölften Jahre hat die Mutter sie gewöhnt, mich als ihren künftigen Mann zu betrachten. Gleichwohl habe ich sie noch immer wie ein Kind behandelt! und weiss mich der Zeit zu erinnern, wo ich fest entschlossen war, sie – trotz der Mutter Heiratsprojecten – als ein blosses Amüsement zu gebrauchen.
Wodurch ist dieser stillsiegende Geist in das Mädchen gekommen? Von ihrer Mutter hat sie ihn nicht, von ihrer Freundin Wilhelmine eben so wenig. – Sollte es denn wirklich höhere Naturen geben, die unabhängig von Beispiel und Erziehung, sich schwebend über allem Irdischen erhielten? Ach nimm es nur hin das Bekenntniss, ich bin uneins mit mir selbst – ich weiss nicht mehr was ich glaube.
drei und zwanzigster Brief
Reinhold an Olivier
Ob es Schwärmerei oder natur ist? – Warum soll Schwärmerei der natur entgegengesetzt werden; da sie in der natur gegründet ist? – Man denkt sich darunter ein Losreissen von allem Sinnlichen, ein Umherschweifen in höhern Regionen, wo keine Erfahrung uns folgt. Aber diesem Losreissen verdanken wir das Edelste was wir haben. Ohne Schwärmerei hätten wir keine Philosophen und keine Dichter, keine Religion, keine Kunst und keine Wissenschaft. Vor der Entdekkung Amerika's war Kolumbus ein Schwärmer, und