glauben, ich mache alles so schlecht, wie meine Mutter es sagt? – Aber er bedenkt nicht, dass sie krank ist, und dass man ja selten einem Kranken etwas recht machen kann. Wenigstens sollte er doch meinem Bestreben Gerechtigkeit wiederfahren lassen.
Andere loben mich dann wieder so übermässig. Aber wie kann mir das Freude machen! – Es sticht gar zu sehr ab, gegen den immerwährenden Tadel meiner Mutter, und ihn, das sehe ich ja, macht es immer tiefsinniger. O meine Wilhelmine! schreibe mir doch einmal; damit ich weiss, dass ein menschliches Wesen mich noch liebt.
Ich lese den Brief wieder durch – freilich, meine Mutter hat Recht, ich schreibe jetzt sehr schlecht. Aber Liebste! wie ist es anders möglich? Kaum alle vier Wochen bekomme ich einmal eine Feder in die Hand, und erholt sich meine Mutter nicht bald; so werde ich das Sprechen eben so verlernen. Selten kann ich etwas sagen, worüber sie sich nicht ärgert.
Ach liebe Wilhelmine! – ich sollte es wohl verschweigen, aber wirklich, ich leide jetzt sehr viel, und sehne mich unbeschreiblich Dich einmal zu umarmen.
Neunzehnter Brief
Wilhelmine an Julie
Er sollte Dich nicht mehr lieben? – Nimmermehr! Aber Du, Du liebst ihn! das ist leider bewiesen. So muss ich Dich verlieren? – Dich um dieses Mannes willen verlieren! – Wie war es möglich! Wie konntest Du den schrecklichen Abstand übersehen! – Aber da liegt das Unglück! eigentlich liebst Du nicht ihn; denn das was Du so nennst ist nicht er. Dein eigenes geschöpf, das Gebilde Deiner Phantasie ist es; ausgestattet mit allen Eigenschaften, die Dein liebendes Herz bedurfte. Aber wenn nun der Traum verschwindet, wenn Du nun diesen Menschen, mit dem ausgebrannten Herzen, als Deinen Herrn ehren, seinen Launen huldigen, und seinen lasterhaften Wahnsinn den höchsten Verstand nennen sollst? – Wenn Dein Kindersinn für Dummheit, Deine Sanftmut für sclavische Furcht, und Dein edles Dahingeben für schwächliche, weibische anhänglichkeit gelten muss. – Wer wird mich dann trösten! –
Und was schwazte ich vorhin! Er liebe Dich noch? Hat er Dich denn jemals geliebt? – woher käme ihm der Sinn, woher die Kraft dazu! – Er kann nur zweierlei; Dich sinnlich begehren, oder Dich wie eine fremde Erscheinung anstaunen. Irre ich nicht; so hast Du ihn gezwungen, sich zu dem letzten zu erheben, und weiter bringst Du es nicht, verlass Dich darauf.
Zwanzigster Brief
Reinhold an Olivier
Ich habe sie gesehen, Olivier! habe mich eine Stunde mit ihr unterhalten, und bekenne, dass sie eine durchaus neue Empfindung in mir hervorgebracht hat.
Denke Dir den Körper der Mediceerin – nur etwas grösser. – Wirf ein weisses langes Gewand um diesen reitzenden Körper, den Kopf – doch das mögte Deiner Phantasie schwerlich gelingen, Dir diesen sonderbaren Kopf zu zeichnen. Ein dunkelbraunes, lockiges Haar auf einer blendenden gebietenden Stirne. Zwei lange geistvolle Braunen über ein paar schwarzen durchdringenden Augen, voll Unschuld und jungfräulicher Würde, voll Mut und anziehender Redlichkeit.
sonderbar! eben diese Redlichkeit macht den bleibenden herrschenden Eindruck. Nur einen Augenblick ist man sich seiner Sinnlichkeit bewusst. Dann aber geht diese Sinnlichkeit nicht, wie bei Andern, in Bewunderung oder in anspruchlose Zärtlichkeit über. Nein, man vergisst ihr Geschlecht, man vergisst, dass diese schöne, kraftvolle Seele in einem weiblichen Körper wohnt. Es ist einem wohl, man wünscht, dass es immer so bleibe. Ohne leidenschaft, ohne süsse peinigende Unruhe. Ist man unglücklich; so flüchtet man gewiss zu ihr. Man weiss es, sie wird einen nicht verlassen, in Not und Tod wird sie treu bleiben.
So charakterisirt sie sich durch ein paar gehaltvolle Worte, ohne Anspruch dahingeworfen. Ach, da ist an keine Koketterie, weder feine noch grobe, weder erlaubte noch unerlaubte zu denken. So wie sie ist, gibt sie sich, gleichviel was sie dadurch wirkt. An Liebe denkt sie nicht. Das sieht man. Auch – ich gestehe es – bringt sie sie nicht hervor. Schöne genussvolle Ruhe, kindliches herzliches Dahingeben, das fühlt man, und damit scheint sie zufrieden. Ohnedem wäre sie es. – Wahrlich ich glaube sie genüget sich selbst.
Ein und zwanzigster Brief
Reinhold an Olivier
Ich habe geirrt, Olivier! Nein, sie genüget sich nicht. Eine grosse leidenschaft herrscht dennoch in dieser grossen Seele. Es ist die Liebe zu ihrer Freundin.
Gestern war ich bei ihren Ältern. Von ungefähr kam die Rede auf Julie von S. Plötzlich überzog ein hohes Rot das schöne Gesicht, und eine Träne verdunkelte das herrliche Auge.
"Sie sind mit einander aufgewachsen" – sagte die Mutter, eine herzensgute Frau – "und meine Wilhelmine treibt eigentlich ein wenig Abgötterei mit ihr" – "Vor ihr, willst Du sagen" – unterbrach sie der Vater – "deutsch heraus! sie ist ein wenig vernarrt. Ich glaube, der Weg könnte über Vater und Mutter gehen, wenn er nur zu der angebeteten Julie führte."
Während dieser väterlichen Grobheit beobachtete ich Wilhelmine. Aber da war keine Spur von Ärger, von Empfindlichkeit zu bemerken. Es schien als sei gar nicht die Rede von ihr gewesen. Mit ihrem königlichen Anstande – in der Tat, ich kann ihn nicht anders nennen – näherte sie sich dem Fenster, bereitete der Mutter ein Glas Selterwasser, und reichte es ihr weder mit Demut noch